Warnungen dieser Art gibt es normalerweise nur bei Produktionen mit exzessiven Gewaltdarstellungen. Der folgende Film, heißt es, zeige „womöglich traumatisierende Inhalte wie rassistische Beleidigungen, Übergriffe und rassistisch motivierte Gewalt“.

Was zunächst übertrieben wirkt, entpuppt sich als absolut angebracht: Torsten Körners Dokumentarfilm „Schwarze Adler“ ist eine erschütternde Chronik der Diskriminierungen, die deutsche Fußballspielerinnen und Fußballspieler mit dunkler Hautfarbe seit fünfzig Jahren erleben.

Das könnte Sie auch interessieren

Als vor gut einem Jahr die Bundesligapartie zwischen Hoffenheim und Bayern München kurz vor dem Abbruch stand, weil in der Münchner Kurve wieder ein „Hurensohn“-Transparent gegen Dietmar Hopp erschienen war, schämte sich FCB-Boss Karl-Heinz Rummenigge über das „hässliche Gesicht des FC Bayern“.

Damals gab es empörte Reaktionen, warum der DFB bei rassistischen Schmähungen nicht ähnlich hart durchgreife. Tatsächlich ist die Injurie keinesfalls beleidigender als die Diskriminierungen, die Spielerinnen und Spieler mit dunkler Hautfarbe regelmäßig erfahren müssen.

Kronzeugen in eigener Sache

All‘ das ist natürlich bekannt. Neu an Körners hundert Minuten langem Film ist die geballte Betroffenheit der Menschen, um die es geht. Sie alle treten als Kronzeugen in eigener Sache auf: Erwin Kostedde war in den Siebzigern der erste Nationalspieler, der anders aussah als seine Kollegen, was ihm offenbar nicht nur die Fans, sondern auch die Mitspieler verübelten.

Shary Reeves, die später TV-Moderatorin wurde („Wissen macht Ah!“), musste sich als Jugendspielerin vom damaligen Nationaltrainer Gero Bisanz sagen lassen, dass sie in seiner Elf keine Zukunft habe; und diese Aussage hatte offenkundig nichts mit ihrem Talent zu tun.

Das könnte Sie auch interessieren

Aber der Fußball war und ist nur ein Spiegel der Gesellschaft. Fast alle Männer und Frauen berichten von potenziell verstörenden rassistischen Erfahrungen, die sie bereits in jungen Jahren erlebt haben. Ihre Mütter, erzählen Jimmy Hartwig (Jahrgang 1954) und Steffi Jones (1972), beide Kinder amerikanischer Soldaten, wurden als „Negerhure“ beschimpft; Reeves wurde an ihrer Schule wie eine Aussätzige behandelt.

Otto Addo sagt gegen Ende des Films, dass man sich irgendwann selbst so sehe, wie man von den anderen gesehen werde. Darüber hinaus präsentiert Körner TV-Ausschnitte, für die den Verantwortlichen noch heute Schimpf und Schande gebührt, selbst wenn sich erklärend anmerken ließe, dass auch sie nur Kinder ihrer Zeit waren. In einer angeblichen Satiresendung aus dem Jahr 1964 wird zum Beispiel behauptet, dass „kleine Negerkinder“ im Paradies erst mal weißgewaschen würden.

Bestürzendes Gesamtbild

„Schwarze Adler“ kommt komplett ohne Kommentar aus. Das Wort haben einzig und allein die Betroffenen, deren Schilderungen ein bestürzendes Gesamtbild ergeben. Der abwechslungsreich gestaltete und klug konzipierte Film folgt zwar einer gewissen Chronologie und erzählt auf diese Weise viel über die (west-)deutsche Geschichte, erlaubt sich aber auch Zeitsprünge oder Vorgriffe auf Aspekte, die erst später behandelt werden. Die Produktionsfirma Broadview Pictures hat auch die nicht minder sehenswerten Sportlerporträts „Kroos“ und „Klitschko“ hergestellt.

„Schwarze Adler“ ist ab heute bei Amazon Prime abrufbar, am 18. Juni wird der Film im ZDF ausgestrahlt.