Franz Beckenbauer. Der Kaiser. Die Lichtgestalt. Der Weltmeisterspieler, der Weltmeistertrainer und der Weltmeister-WM-Beschaffer, wird am 11. September 75 Jahre alt und es würde sich eigentlich wieder die Mehrheit der Menschen in diesem Land verneigen wollen, wie das noch vor fünf Jahren beim Siebzigsten gewesen war. Eigentlich.

Korruptionsanschuldigungen wiegen schwer

Dass es diesmal ein wenig anders ist, hat einen Grund: die Unklarheiten um die Fußball-WM 2006 in Deutschland, das Sommermärchen mit verborgenen Geldflüssen und Korruptionsanschuldigungen. Mittendrin Franz Beckenbauer, der Chef des WM-Organisationskomitees, und das gerade wegen seiner jovialen Art, mit den Vorwürfen umzugehen. Meistens zur Sache schweigend, ließ er die Kritiker trotzdem spüren, für wie ahnungslos er sie hielt. Und wenn Beckenbauer einmal sprach, dann machte er sich auf seine Weise lustig, Zitat: „Jo mei, ich habe immer alles unterschrieben, auch blanko.“

WM 2006 mit (v.l.) Schmidt (DFB), Beckenbauer, Radmann (Berater), Niersbach (DFB).
WM 2006 mit (v.l.) Schmidt (DFB), Beckenbauer, Radmann (Berater), Niersbach (DFB). | Bild: MarcFrancotte

Die direkte Art, positiv mit dem Leben umzugehen, war stets Bestandteil des bewunderten kaiserlichen Charismas. Zunehmend regt nun genau das auf, interessanterweise aber nicht so sehr, weil die Wahrheit verschollen blieb, sondern weil Franz Beckenbauer kein Geständnis seiner Fehlbarkeit ablegt. Das hätte man ihm doch verziehen, sagte „Spiegel“-Reporter Gunther Latsch in der ZDF-Dokumentation „Mensch Beckenbauer“, nicht aber „jämmerliches Wegducken“. Eine harte Aussage angesichts der Tatsache, dass der „Spiegel“, der 2015 die Story über „das gekaufte Sommermärchen“ publizierte, bis heute nur Indizien, aber keine wirklichen Beweise vorlegen kann.

Beckenbauers beste Sprüche

Aus Sicht Beckenbauers, der die Vorwürfe mal „erstunken und erlogen“ nannte, stellt sich das eher so dar: Die Zauberer, eine Formulierung, mit der er zeitlebens immer wieder seine Verachtung für die Kleingeister auf den verschiedenen Bühnen des Fußballs ausdrückte, haben keine Vorstellung davon, wie hart es ist, den Zuschlag für eine WM zu erhalten – und sie kennen keine Dankbarkeit, weil es ohne seinen Einsatz das Sommermärchen, das dem Lande über den Tag hinaus weltweit Anerkennung einbrachte, nicht gegeben hätte. Nach Beckenbauers Selbstverständnis bleibt nur der Schluss, dass er, wenn er dürfte wie er wollte, am liebsten diesen einen Satz zum Besten geben würde: „Ihr wolltet die WM, ich hab‘ sie euch besorgt und jetzt lasst mir mei Ruah.“

Harte Zeiten

Seine Ruhe haben wollte Beckenbauer zuletzt auch aus anderen Gründen. 2015 ereilte ihn mit dem Tod seines Sohnes Stephan aus erster Ehe, der mit 46 Jahren einem Gehirntumor erlag, ein herber Schicksalsschlag. Heute weiß die Welt nicht wirklich, wie es Franz Beckenbauer geht nach zwei Herzoperationen, dem Einsatz eines künstlichen Hüftgelenks, einem Augeninfarkt, der seine Sehkraft im rechten Auge stark einschränkt, und einer Leisten-OP. Er könne wenigstens wieder ein bisschen Golf spielen, „manchmal treffe ich sogar den Ball“, scherzte er. Der "Bild"-Zeitung aber gestand er: „Die letzten Jahre waren schon sehr hart.“

11. September 1945, 22.25 Uhr

Franz Beckenbauer 75. Der Kaiser. Der Einmalige. Zur Welt kommt er am 11. September 1945 um 22.25 Uhr, die Hausfrau Antonie und der Postobersekretär Franz Beckenbauer werden zum zweiten Mal Eltern. Nach Stammhalter Walter hätten sie gerne eine Tochter bekommen, eine Franziska. Es wird aber kein Mädchen, sondern wieder ein Bub, Franz Anton wird er heißen.

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Die Beckenbauers haben eine Vier-Zimmer-Wohnung am St. Bonifatius-Platz 2 in Giesing. Franz Beckenbauer hat das mal so beschrieben: „Da lebten meine Eltern, mein Bruder und ich, meine Großmutter und meine Tante mit ihrem Sohn. Das war so eine Art Wohngemeinschaft.“ Fließend Wasser und Toilette auf dem Gang, kein Licht im Treppenhaus, zum Fürchten für den Franzl: „Der Keller war grauenhaft, ein Gewölbe, und überall Pfeiler, Pfeiler, Pfeiler, und hinter jedem Pfeiler waren natürlich mindestens drei Mörder.“

Als 1860 München noch groß war

Fußball ist alles. Mit acht Jahren spielt er für den SC 1906, bald soll er zur großen Nummer in München wechseln, dem TSV 1860. Doch bei einem Spiel gegen die Sechziger verpasst ihm ein gewisser Gerhard König eine Watsch‘n, worauf der Franzl beleidigt zum FC Bayern geht. 1965 steigt der 19-jährige Beckenbauer mit den Bayern in die Bundesliga auf – der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Nationalspieler mit 19, Vizeweltmeister mit 20, Kaiser mit 23, Weltmeister mit 28. Beckenbauer und der Fußball, das ist die (für Gegner unerträgliche) Leichtigkeit des Seins.

Hans Dampf in allen Gassen

Dann der Trainer und Funktionär Beckenbauer. 1986 führt er die Nationalelf zu Platz zwei bei der WM in Mexiko, 1990 ist es beim Turnier in Italien der Titel. Unvergessen sein Spaziergang über den Rasen des Olympiastadions von Rom nach dem 1:0-Sieg im Finale gegen Argentinien. Zehn Jahre später ist es Beckenbauers Verdienst, dass die WM 2006 an Deutschland vergeben wird. Fußballikone, Weltbürger, Charmeur, Sympathikus, Herr B. öffnet Herzen und Türen.

Der größte Triumph als Trainer: Weltmeister 1990. Vorne von links: Lothar Matthäus, Pierre Littbarski, Jürgen Klinsmann und Franz Beckenbauer.
Der größte Triumph als Trainer: Weltmeister 1990. Vorne von links: Lothar Matthäus, Pierre Littbarski, Jürgen Klinsmann und Franz Beckenbauer. | Bild: Richiardi

Und als dann die WM diesem Land ein einzigartiges gesellschaftliches Hurra-Erlebnis beschert, da zeigt er sich als Malocher. Beckenbauer guckt 48 der 64 WM-Spiele an, weiht Denkmäler ein, eröffnet Ausstellungen – und dazwischen feiert er am 23. Juni, dem Geburtstag seiner geliebten, im Januar des Jahres verstorbenen Mama Antonie in Oberndorf bei Kitzbühel Hochzeit mit Heidi Burmester, Ehefrau Nummer drei.

Am 13. Juli 2006 ist die WM zu Ende – und Beckenbauer endgültig auf dem Zenit seines Schaffens. Dieses selbst für einen wie ihn einmalige Gefühl wird später dann (siehe oben) überschattet von Bestechungs- und Korruptionsvorwürfen.

Verbale Fehltritte

Franz Beckenbauer oder die Fehltritte eines Glückskindes: „Ja, gut, äh, sicherlich“ – es gibt einige missglückte Dampfplauderer-Auftritte des ,,Firlefranz“ (Spiegel-Titel in den 90ern), aber der vom 4. November 2013, als Beckenbauer über die Bedingungen für Arbeiter auf Baustellen der WM 2022 in Katar referierte, ist besonders peinlich. ,,Ich hab‘ noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen“, schwadroniert er, ,,die laufen alle frei rum. Die Menschen sind weder in Ketten gefesselt noch haben sie irgendwelche Büßerkappen auf dem Kopf.“

Der größte Triumph als Spieler: Franz Beckenbauer 1974 mit dem WM-Pokal.
Der größte Triumph als Spieler: Franz Beckenbauer 1974 mit dem WM-Pokal. | Bild: Presse Sports

Es gibt ein Steuervergehen 1977, Häme für biedere Werbespots (,,Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch“) und Versuche als Schlagersänger (,,1:0 für die Liebe“), Kritik an seiner Arbeit für die Fifa, aber kein einziger Fauxpas kann dem Mann wirklich etwas anhaben. Und trotz der Ungereimtheiten um das Sommermärchen ist es doch so: Nahezu alles Wichtige, was Franz Beckenbauer angepackt hat in seinem Leben, ist etwas Besonderes geworden.

Einer, der alles Gute in sich hat und das nicht nur für sich selbst gewinnbringend einsetzt, einer dem alles gelingt. Oder hätte irgendein anderer als der Kaiser beim Torwandschießen im ZDF-Sportstudio den Ball von einem gefüllten Weizenbierglas aus ins Loch treten können?

Das Urteil des Bruders

Franz Beckenbauer hat gerne gestritten und zugegeben: „Ich war unangenehm, jähzornig.“ Aber es stimmt auch dieses Bild: In der Öffentlichkeit hatte der Star fast immer ein Lächeln parat, schrieb freundlich Autogramme. Arroganz kannte er abseits des Rasens nicht, weshalb das Urteil von Walter Beckenbauer Gewicht hat: „Auch wenn ich nicht sein Bruder wäre, wäre ich sein Fan.“

An seinem 75. Geburtstag, den Franz Beckenbauer mit Ehefrau Heidi, Sohn Joel Maximilian (20) und Tochter Francesca (16) im Eigenheim hoch über Salzburg feiert, werden doch viele Menschen mit besten Gedanken beim Jubilar sein. Frei nach dem Kaiser-Song mit Kultstatus: „Gute Freunde kann niemand trennen, gute Freunde sind nie allein.“

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