Mit einem so jungen Kader ist der VfB Stuttgart nie zuvor in der Fußball-Bundesliga angetreten. Nach dem Abstieg haben Sportdirektor Sven Mislintat und der Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger keinen Stein auf dem anderen gelassen, das Saisonziel des direkten Wiederaufstieges realisiert und starten nun das Experiment Bundesliga.

Das Ende ist offen, die Überzeugung der Verantwortlichen wird in Zeiten der Coronakrise nicht von allen im Stuttgarter Umfeld geteilt. Jüngstes Opfer der schwäbischen Verjüngungskur ist der ehemalige Nationalspieler Holger Badstuber, der künftig in der Regionalligamannschaft spielen soll.

  • Kann der VfB Stuttgart in der Bundesliga bestehen?

    Das ist die Frage aller Fragen, leicht zu beantworten ist sie nicht. Die Zweitliga-Saison des VfB war alles andere als überragend, aber mit dem zweiten Rang hinter Arminia Bielefeld wurde das Saisonziel erreicht. Aber die Zweifel bleiben. Die Mannschaft besitzt in weiten Teilen keinerlei Bundesligaerfahrung, virtuose Technik und hohe Geschwindigkeit reichen in der Bundesliga erfahrungsgemäß nicht aus. Verstärkungen gab es daher zunächst in der Abwehr.

Soll nicht mehr bei den Profis mitwirken: Holger Badstuber.
Soll nicht mehr bei den Profis mitwirken: Holger Badstuber. | Bild: dpa


Der Torwart bleibt, auch wenn die Klasse von Gregor Kobel gelegentlich überschätzt wird, Waldemar Anton von Hannover 96 darf als Verstärkung gelten, das gilt auch für Konstantinos Mavropanos vom FC Arsenal. Marc Oliver Kempf, Pascal Stenzel und Marcin Kaminski sind Kaliber, die zählen können. Aber nur in Top-Form. Die zeigten sie zuletzt nicht durchgehend. Es bleibt, Stand jetzt, ein riskantes Vorgehen. Thomas Hitzlsperger sagt: „Wir haben uns bewusst für eine junge Mannschaft entschieden, Erfahrung ist nicht immer mit Qualität gleichzusetzen.“

  • Was ist mit dem eigenen Nachwuchs?

    Sowohl Thomas Hitzlsperger als auch Sportdirektor Sven Mislintat betonen stets das Ziel, in der Nachwuchsförderung in Deutschland wieder die Nummer eins werden zu wollen. Den Worten folgen allerdings die Taten (noch) nicht. Zuletzt holte der VfB einen jungen Mann namens Mohamed Sankoh, ein niederländisches Talent aus der Nachwuchsabteilung von Stoke City, und Momo Cissé vom französischen Zweitligisten AC Le Havre.

Bild: Alexander Bernhardt, Cornelia Müller


Mislintat wird außerdem angekreidet, dass die verpflichteten Nachwuchskräfte Clinton Mola, Mateo Klimowicz, Maxime Awoudja und Tanguy Coulibaly den Club bisher nicht weitergebracht haben. Hitzlsperger, Vorstandsvorsitzender und Sportvorstand in einer Person, vertraut Mislintat unbedingt und sagt: „Es ist unser langfristiges Ziel, dauerhaft mehr eigene Talente in die Profimannschaft zu bringen. Wir müssen aber auch kurzfristige Ziele verfolgen.“ Hört sich fast schon an wie das letzte Argument.

  • Was macht eigentlich der Präsident?

    Claus Vogt wich das Lachen nicht mehr aus dem Gesicht, als er zum Präsidenten des VfB gewählt wurde. Ein Mann am Ziel. Nun kümmert er sich um die politische Linie des Clubs und betont bei jeder Gelegenheit die soziale Verantwortung des Profifußballs. Wenn es um sportliche Dinge geht, bleibt Vogt zurückhaltend. „Wir haben auf dem Sektor Menschen, die das besser beurteilen können als ich.

    Warum sollte ich mich da einmischen?“ Claus Vogt ist ein sympathischer Mann, aber keiner seiner Vorgänger war in sportlicher Hinsicht dermaßen bescheiden. Man ist gespannt, wie lange der Präsident noch zurückhaltend bleibt. Zufrieden war auch er mit der Zweitliga-Saison nicht. Hitzlsperger sagt: „Wir haben in der Bundesliga nicht den Anspruch, ins obere Drittel zu gehören. Wir wollen die Klasse halten.“
  • Was kann man von Pellegrino Matarazzo erwarten?

Die Entscheidung für den Italo-Amerikaner Pellegrino Matarazzo war eine strategische, sagt Sven Mislintat. Pellegrino wer? raunzte das Umfeld. Man kannte den Mann nicht. Aber anfangs war es ganz beruhigend, dass die Stuttgarter den vorlauten Tim Walter wegen erwiesener Nichteignung schnellstens vom Hof jagten und einen ruhigeren Vertreter der Branche holten. Bundesligaerfahrung hat der Mann nicht.

Stuttgarts Trainer Pellegrino Matarazzo.
Stuttgarts Trainer Pellegrino Matarazzo. | Bild: dpa

Ein Experiment. Wenn erfahrene Kräfte wie Max Kruse auf dem Markt sind, winkt Mislintat ab. Solche Leute will er nicht. Passt nicht. Auch Christian Gentner passte nicht mehr. Man wird in der Bundesliga sehen, was beim VfB Stuttgart wirklich passt. Hitzlsperger sagt: „Wir haben uns bewusst für Matarazzo entschieden, weil er junge Spieler entwickeln kann. Er ist sehr strukturiert und gut organisiert, ein Teamarbeiter. Er ist der Richtige, ein Gewinn für den VfB.“

  • Wie lange hält das kritische Umfeld still?

Das ist beim VfB Stuttgart eine mindestens so spannende Frage wie beim 1. FC Köln. Und in beiden Fällen gilt: Die Coronakrise kann für diese beiden Clubs ein Vorteil sein. Vermutlich wird man noch auf längere Sicht ohne Zuschauer spielen, eine direkte Rückmeldung der Cannstatter Kurve wird es vorerst nicht geben. Was aber nichts daran ändert, dass Matarazzo keine ruhige Minute haben wird, wenn der Saisonauftakt misslingt.

Gegen den SC Freiburg und bei Mainz 05, dann gegen Bayer Leverkusen, bei der Hertha in Berlin und dann gegen Köln. Man kann es härter erwischen, aber leicht ist es auch so nicht. Mit viel Pech gibt es die ersten Punkte erst gegen den FC, besser wäre, mit sechs Punkten in die Liga zu starten und selbstbewusst in die Bay-Arena zu fahren. Hitzlsperger sagt: „Wir sind nicht mehr der Club der Superstars, kurzfristig geht es nur um den Klassenerhalt.“