Herr Kieferle, es ist angerichtet, der letzte Spieltag, das Salz in der Suppe. Am Sonntag sollte der VfB Stuttgart die Rückkehr in die Bundesliga feiern können. Planen Sie ein besonderes Menü auf Ihrer Karte?

(Lacht) Nein, so weit will ich nicht gehen. Ich bin zwar noch immer ein VfB-Fan, das wissen auch viele meiner Gäste, aber ich habe hier ja eine andere Kategorie von Restaurant, bin in der Sterneküche eingestuft. Wir haben sonntags immer drei Menüs, das kann ich nicht einfach ändern. Ein „Menü VfB“ geht nicht. Das würde man mir auch nicht abnehmen.

Okay, aber reichen Sie dazu Sekt oder zumindest Pellegrino?

(lacht) Nein. Bei uns gibt es seit jeher Ensinger-Wasser. Ich führe mein Haus streng biologisch, habe nur Produkte aus der Region und dem erweiterten Umfeld.

Sollten die Schwaben gegen Darmstadt verlieren und Heidenheim gleichzeitig ein Kantersieg in Bielefeld gelingen, hätten wir den Salat. Also der VfB, der in die Relegation müsste, wenn er den Vorsprung von drei Punkten und elf Toren verspielen würde. Halten Sie ein solches Szenario für möglich? Oder ist es wahrscheinlicher, dass man bei Ihnen im Wagnerstüble demnächst einen Big Mac mit Pommes bestellen kann?

Nein, auf gar keinen Fall wird es das geben. Also den Big Mac. Und zum VfB? Ich habe das Spiel gegen Bielefeld gesehen. Ich sah Starrheit, Bewegungslosigkeit, ich war entsetzt, das muss ich ehrlich sagen. Jetzt am Sonntag gegen Nürnberg sah ich Schnelligkeit, ich sah filigranen Kampfeinsatz. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass der VfB das Spiel am Sonntag gegen Darmstadt verlieren wird. Aber ja, gut, denkbar ist alles, man sollte nichts ausschließen. Auch bei Bayern gibt es ja manchmal Stolperer. Aber das mit dem Big Mac, das wird es nicht geben.

Roy Kieferle
Roy Kieferle | Bild: privat

Sie waren viele Jahre lang Koch beim VfB Stuttgart und später auch bei Bayer Leverkusen. Gab es da stets das Gleiche – oder gibt es regionale Unterschiede, also tatsächlich Maultaschen oder mal Linsen beim VfB? Und in Leverkusen – oh, äh, keine Ahnung. Rheinischer Sauerbraten vielleicht?

Die Region spielt da eigentlich keine Rolle, sondern nur die Philosophie einer gesunden, sportgerechten Ernährung. Aber es gab andere Unterschiede zwischen Stuttgart und Leverkusen, ich meine rein vom Luxus her. In Leverkusen konnte ich einen Wunschzettel schreiben. Da bekam ich alles. Bei Stuttgart war alles phäp, wie man im Schwäbischen sagt, phäper ging es gar nicht mehr.

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Es wurde also mehr aufs Geld geschaut?

Ja, beim VfB musste man damals stets betteln, wenn man was machen wollte. Christoph Daum, mit dem ich schon in Stuttgart zusammen gearbeitet hatte, holte mich dann nach Leverkusen. Ich habe den Wechsel nie bereut, denn das war schon eine große Erfahrung.

Zum Beispiel?

Ich erinnere mich noch ganz genau an die Reisen zum Trainingslager nach Florida in die USA. Reiner Calmund wurde damals wie ein Präsident empfangen, der Bürgermeister von Orlando war sein bester Freund. Da war einfach ein anderer Glanz dahinter. Da spielte Geld keine Rolle.

Gab es Spieler, die Sie zum Verzweifeln brachten? Hatte mal einer etwa eine Döner-Fahne?

Thorsten Legat! (lacht) Das war so ein Kamerad! Auch Thomas Berthold war nach der WM in Italien eher skeptisch, was die Ernährungsumstellung anbelangte. Aber auch er ließ sich langsam überzeugen. Oder der Guido Buchwald, der sagte: „Du, wenn du mich schneller machst, esse ich alles.“ Enttäuscht hat mich eigentlich kein Spieler. Obwohl, einer schon, aber aus anderen Gründen.

Nämlich?

Stefan Effenberg. Wir hatten ein Trainingslager mit dem VfB in Bregenz, Mönchengladbach war auch da. An einem Tag stand ein kleiner Bub am Rand, der hat zugeschaut. Und nach dem Training kam der kleine Junge zum Effenberg mit Bleistift und Papier, wollte ein Autogramm. Aber der sagte zu dem Kind, es solle verschwinden. Da war ich echt schockiert. Ich habe dann den Bub an der Hand genommen, und bin mit ihm zu einem von unseren Spielern.

Und dann?

Habe ich ihn gefragt, ob er unseren Spieler kennt. Er sagte: „Noi“. (lacht) Ich sagte: „Du bekommst trotzdem ein Autogramm.“ Und dann ist er auch glücklich davongezogen.

Und an welche Spieler erinnern Sie sich besonders gerne?

Da gibt es ganz viele. Ulf Kirsten etwa. Ich werde auch nie vergessen, wie Michael Ballack nach dem verlorenen Endspiel in der Champions League 2002 weinte. Aber eigentlich muss ich sagen, dass ich einige Pfundskerle kennenlernen durfte.

Roy Kieferle bei einem Benefizspiel.
Roy Kieferle bei einem Benefizspiel. | Bild: privat

Erinnert man sich als Koch daran, was es bei besonderen Spielen zu essen gab? Mit Bayer Leverkusen erlebten Sie 2002 die drei verlorenen „Endspiele“, als die Titel in der Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League verspielt wurden. Was gab es vor der Niederlage gegen Real Madrid zu essen?

Leichte Kost. Meistens gab es Reis, weil der gut zu verdauen ist. Dazu Fisch. Ich konnte damals angelfrischen Tiefseefisch bestellen, also ganz ohne Hormone und Antibiotika. Reiner Calmund sagte: „Wenn du es brauchst, bestell es.“

Calmund hat also wirklich nie am Essen gespart…

Das kann man so in doppelter Hinsicht sagen. Obwohl, als ich dort war, hat er 16 Kilogramm abgenommen.

Nach dem Finale 2002 von Glasgow hatten Sie genug, hörten als Fußballkoch auf. Warum?

Ich hatte mein Restaurant 14 Jahre lang vernachlässigt – ich war ja nicht nur Koch, sondern auch laufend in TV-Shows unterwegs, bei Pfarrer Fliege, Harald Schmidt, Sport im Dritten. Da habe ich mit Leuten rumgestritten über gesunde Ernährung. Irgendwann hat meine Frau gesagt: „Jetzt musst Du aufhören.“ Ich war aber auch satt zu dem Zeitpunkt, denn so spannend die Zeit auch war, es waren auch riesige Strapazen.

Der VfB Stuttgart war mal ein Spitzenclub, in den vergangenen Jahren hatte der Verein allerdings mehr Übungsleiter und Präsidenten als Tim Mälzer gefühlt TV-Auftritte. Am Neckar gibt es traditionell viele Experten, aber zuletzt auch viel Verdruss. Verderben zu viele Köche Ihrer Meinung nach tatsächlich den Brei?

Ja, davon bin ich in jeder Hinsicht überzeugt. Wobei: Jeder Koch meint es gut, wenn er seinen Senf dazu gibt. Aber zu viele Leute, die mitreden, das ist nicht gut. Ich habe Gerhard Mayer-Vorfelder hautnah erlebt, der war in jedem Trainingslager dabei. Da gab es sowas nicht. Der gab die Richtung vor. Da gab es nichts anderes, das fehlte später. Ich habe das oft miterlebt, denn ich war abends immer einer der Letzten. Und der „MV“ auch. Wissen Sie, so umtriebig und vielleicht auch gutmütig wie der „MV“ nach draußen dargestellt wurde, so knallhart war er hinter den Kulissen, aber eben auch extrem kameradschaftlich.

Ein Beispiel?

Mir fällt der Fritze ein, also der Fritz Walter. Für den brauchte man keinen Trainer, das übernahm der „MV“ selbst. Der sprach mit dem einige Takte, das hat der Fritze verstanden. „MV“ schickte ihn dann zu mir, dann bekam er Vanille-Eis mit Schokoladenoße, was er über alles liebte. Durfte natürlich keiner wissen. Aber der Fritze hat am nächsten Tag seine Tore geschossen. Das war gewissermaßen auch eine Motivation durch Ernährung.

Die Schwaben kamen auch in dieser Spielzeit nur schwer in die Gänge. Warum kommt der Club trotz der zuletzt positiven Ergebnisse so deftig, so wenig filigran rüber?

Der VfB war zuletzt manchmal wirklich schwer zu ertragen, das stimmt schon. Es fehlt an Kontinuität. Das war schon früher so. Der Ralf Rangnick wollte das ändern, aber bei anderen Trainern war das so nicht spürbar.

Themawechsel: Was halte Sie davon, dass sich angeblich immer mehr Sportler vegan ernähren?

Ich glaube, das funktioniert nicht. Der Mensch ist ein Mischkostler, hat schon immer Fleisch und Fisch gegessen. Entscheidend ist, Maß zu halten, dass der Umfang verträglich für den Stoffwechsel und die Fitness ist. Ich setzte auf eine ausgeglichene biologische Ernährung mit viel gutem Gemüse, was auch an der Zubereitung liegt. Dazu Nüsse, ein gutes Müsli zum Beispiel. Das Frühstück muss stimmen, dazu Milchprodukte, Joghurt und Quark. Ein echter Veganer kann meiner Meinung nach nur in einem bestimmten Alter seine Leistung bringen. Es kommt aber auch auf den Typ an. Viele Sportler sind meinem Empfinden nach Vegetarier, aber keine Veganer.

Aber wenn es um die Wurst geht, muss die zumindest regional sein?

Absolut. Es gibt bei uns so viele hochwertige Produkte. Ich sage immer zu Fußball-Managern: „Ihr sorgt für alles, es muss immer das Beste sein, die Kleidung, was auch immer. Aber bei der Ernährung, da esst ihr den größten Dreck.“ Das kapieren die dann auch.

Die Fleischindustrie steht derzeit in der Kritik.

Zu Recht. Ich stehe manchmal fassungslos da, weil ich keine Antwort habe auf die Gleichgültigkeit der Menschen.

Ist die Ernährung in der Fußball-Bundesliga heute besser oder schlechter als früher?

Meiner Meinung nach hat sich da leider nicht viel verändert. Die wenigsten Teams leisten sich einen eigenen Koch. Außer Bayern München fallen mir da kaum Mannschaften ein. Klar, das kostet Geld. Beim VfB dachten früher einige, dass ein Koch umsonst arbeiten würde, nur um dabei zu sein. Aber freiwillig macht das keiner.

Was sagen Sie zu Heidenheim? Selbst wenn der VfB vorne bleibt, könnte das Team von der Ostalb noch über die Relegation den Aufstieg in die Bundesliga schaffen. Für Sie als alter VfB‘ler ein schwäbischer Alb-Traum?

Nein, gar nicht. Ich bin von Heidenheim begeistert. Vor allem davon, wie sich Trainer Frank Schmidt mit seiner Mannschaft identifiziert. Man spürt, wie er der Mannschaft gut tut. Ich würde mich freuen, wenn der Aufstieg gelingen würde.

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Sollten die Teams aus Baden-Württemberg am Wochenende feiern können, also Stuttgart, Heidenheim – und auch der Karlsruher SC im Kampf um den Klassenerhalt, was wäre dann Ihre Empfehlung für den Montag danach gegen den Kater? Hamburger Fischbrötchen vielleicht? Oder müssen Sie aufgrund Ihrer Zeit in Leverkusen da auf Bayer-Produkte verweisen?

Fisch ist immer gut. Saurer Hering kann nicht schaden. Wichtig ist, dem Körper Magnesium zuzuführen. Im Idealfall also noch vor dem Fisch ein Hafermüsli mit Sesam. Das wäre gut. Aber ob das einer wirklich macht, das bezweifle ich.