Tatjana Maria genoss ihren nächsten Gänsehaut-Coup mit geschlossenen Augen, Jule Niemeier warf ungläubig ihren Schläger auf den Boden. Mit begeisternden Auftritten haben die beiden deutschen Tennis-Überraschungen ihre Sensationsläufe beim Rasen-Klassiker in Wimbledon fortgesetzt und treffen nun im Viertelfinale der Generationen aufeinander.

Energieleistung führt zum Erfolg

Durch eine große Energieleistung bezwang die zweifache Mutter Maria, die früher in der Bundesliga auch für den TC Radolfzell spielte, im Alter von 34 Jahren die an Nummer zwölf gesetzte Jelena Ostapenko mit 5:7, 7:5, 7:5. Keine 30 Minuten später bejubelte die 22 Jahre alte Niemeier ihr souveränes 6:2, 6:4 auf dem Centre Court gegen die britische Lokalmatadorin Heather Watson. Maria und Niemeier kassieren für den Erfolg umgerechnet jeweils 36 0000 Euro. In ihrer kompletten vorigen Karriere hatte Niemeier insgesamt noch nicht so viel verdient. „Es tut mir leid, dass ich heute eine Britin rauswerfen musste“, sagte Niemeier. „Ich bin super-stolz auf mich selbst.“

Überwältigt nach dem Sieg

„Oh mein Gott. Ich habe keine Worte für dieses unfassbare Publikum“, sagte Maria überwältigt und bedankte sich für die Unterstützung. „Ich habe mir gesagt: Die glauben an mich, also glaube auch ich an mich.“ Im zweiten Satz wehrte Maria zwei Matchbälle ihrer Gegnerin ab und holte sich nach 2:07 Stunden den größten Erfolg ihrer Karriere. Nur 15 Monate nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Cecilia steht sie zum ersten Mal in ihrer Karriere bei einem Grand-Slam-Turnier unter den besten Acht. „Es macht mich so stolz, eine Mutter zu sein. Das ist das Beste auf der Welt“, sagte sie in ihrer Dankesrede. „Ich liebe meine zwei Kinder.“

Als könnte sie es selbst nicht glauben: Jule Niemeier nach dem Sieg gegen die Lokalmatadorin Heather Wilson.
Als könnte sie es selbst nicht glauben: Jule Niemeier nach dem Sieg gegen die Lokalmatadorin Heather Wilson. | Bild: ADRIAN DENNIS/AFP

Durch den Erfolg erhalten Maria und Niemeier auch Einzug in den elitären „Last 8 Club“ von Wimbledon. Darin sind alle Einzel-Viertelfinalisten und erhalten unter anderem lebenslang Tickets für das prestigeträchtigste Turnier der Welt.

Drei Siege bis zur Sensation

Niemeier fehlen nun nur drei Siege zur absoluten Sensation. Nach einer ausgeglichenen Anfangsphase gewann die Dortmunderin einen der spektakulärsten Punkte des gesamten Turniers. Nach einer gelungenen Rückhand aus dem Zurücklaufen nach einem Lob riss die Dortmunder beide Arme nach oben, der Punkt zum 2:2 begeisterte auch Legenden wie Billie Jean King und Björn Borg auf der Ehrentribüne.

Mit ihrem starken Aufschlag, der schnellen Vorhand und variablem Spiel dominierte die Weltranglisten-97. das Geschehen. Per feinem Vorhandstopp sicherte sie sich nach nur 27 Minuten den ersten Satz. Der zweite Durchgang geriet enger, doch abgeklärt behielt Niemeier stets die Nerven und nutzte den dritten Matchball.

Schwere Partie für Maria

Maria hatte deutlich mehr Mühe. Die frühere French-Open-Siegerin Ostapenko kam zu Beginn mit der unorthodoxen Spielweise von Maria nicht zurecht. Die Deutsche blieb mit hoher Laufintensität lange in den Punkten, spielte die Bälle mit unangenehmem Unterschnitt, häufig unterlief Ostapenko ein Fehler. Maria führte schnell mit 3:1, doch langsam dosierte die Lettin (25) ihre gewohnt aggressive Gangart besser und holte drei Spiele in Serie. Beide Spielerinnen stabilisierten sich bei eigenem Aufschlag.

Beim Stand von 5:6 und Einstand unterlief Maria ein folgenschwerer Doppelfehler, anschließend holte sich Ostapenko nach 39 Minuten mit einer peitschenden Vorhand in die Ecke den ersten Satz.

Zu Beginn des zweiten Satzes war Ostapenko zunächst nicht mehr zu stoppen, führte mit 3:0. Doch wie bei ihrem kraftraubenden Zweitrunden-Sieg gegen die Rumänin Sorana Cirstea gab Maria nie auf, kämpfte sich wieder heran und nahm Ostapenko den Aufschlag zum 3:4 ab. Beim Stand von 4:5 wehrte Maria mit ihrer Vorhand und einem Returnfehler ihrer Gegnerin die ersten beiden Matchbälle ab.

Ostapenko, die häufig Probleme mit der Konstanz hat, kam aus dem Tritt. Mit einem lauten Schrei feierte Maria das Break zum 6:5, wenig später machte sie zu Null den Gewinn des zweiten Satzes perfekt. Der entscheidende Durchgang wurde zur Nervenprobe. Wieder startete Ostapenko besser, schwankte aber zwischen den Extremen. Wieder kam Maria zurück. Beim Stand von 5:4 und einem Break vor schlug sie zum Matchgewinn auf, Ostapenko glich aus, doch die Deutsche schaffte erneut das Break – und durfte jubeln. (dpa)