In der Erinnerung reduziert sich manches Spiel, mancher Wettkampf auf einen einzigen Moment. Das ist in höchstem Maße ungerecht, weil so die zuvor und danach gezeigten Leistungen aller Beteiligten ausgeblendet werden. Aber der Sport, ach was, das Leben ist selten fair. Ein Beispiel? An was erinnern Sie sich, wenn es um das WM-Finale von 1990 geht? Brehmes Elfer, natürlich – aber sonst? Sonst war nicht viel, außer dass Buchwald dem Maradona ständig auf den Füßen stand, sodass der nichts Geniales zustande brachte.

Ein kaltschnäuziger Aufschlag

Und selbst wenn mehr gewesen wäre, überstrahlt eine einzelne Aktion – hier der Siegtreffer – manchmal eben alles. Im heutigen Serienteil unserer „großen und kleinen Sensationen der Sportgeschichte“ geht es aber nicht um Fußball, wir tauchen ein in eine Geschichte von Krämpfen und Schmerzen, erzählen vom Kampf eines Teenagers gegen einen vermeintlich übermächtigen Gegner. Wir sind in Paris, erinnern uns an den 5. Juni 1989, an ein Match, das John McEnroe später als das „verrückteste, das jemals in Paris, wenn nicht der ganzen Tennisgeschichte gespielt wurde“ bezeichnete. Vor allem aber erinnern wir uns an die vielleicht kaltschnäuzigste Aktion der Tennis-Geschichte. An einen Aufschlag, der einfach „incroyable“ war, unglaublich.

Die Nummer eins gegen einen Teenager

Aber der Reihe nach. An jenem Frühsommertag deutet zunächst nichts darauf hin, dass irgendetwas Besonderes passieren könnte. Ivan Lendl, die Nummer eins der Weltrangliste, möchte sein Achtelfinalspiel gegen den gerade 17 Jahre alten Michael Chang aus den USA möglichst schnell zu Ende bringen. Der Stoiker aus der Tschechoslowakei führt bereits mit 2:0-Sätzen. „Ivan, der Schreckliche“, wie er genannt wird, hat alles im Griff gegen einen Teenager, der da schon am Rande seiner körperlichen Belastbarkeit angekommen scheint.

Nach beinahe fünf Stunden muss sich Ivan Lendl geschlagen geben.
Nach beinahe fünf Stunden muss sich Ivan Lendl geschlagen geben. | Bild: imago sportfotodienst

Der Jungspund ist aber ein Sturschädel, ein Kämpfer der Klasse „Rocky Balboa“, der einfach nicht aufgeben will. Chang, ein Nobody taiwanesischer Abstammung, versucht alles, spielt Mondbälle, um Lendl aus dem Konzept zu bringen. Er wird von Krämpfen geschüttelt, findet wie aus dem Nichts aber auch immer wieder die Kraft für knallharte Schläge. Er gewinnt den dritten und vierten Satz, spielt längst nur noch im Unterbewusstsein. Ein Duracell-Hase, dem der Saft ausgeht, der aber wie aus dem Nichts immer wieder einen Energieschub bekommt.

Ein Moment der Überraschung

Und dann kommt der Moment, der vielleicht frech war, vielleicht respektlos, auf jeden Fall aber bis dahin einmalig. Bei 4:3 und 15:30 serviert Michael Chang. Er wirft den Ball aber nicht hoch, um ihn mit dem, was noch an Schmackes vorhanden ist, über das Netz zu zimmern, sondern schlägt zur Überraschung einiger Tausend Fans in der Arena und vieler Millionen vor den TV-Geräten von unten auf, mit viel Schnitt. Lendl hastet ans Netz – und wird passiert. Das Volk tobt, feiert diesen Chang, diesen Teufelskerl, der sein Aufschlagspiel tatsächlich durchbringt und wenig später Matchball hat. Da erlaubt er sich eine zweite Frechheit, stellt sich provokativ an die Aufschlaglinie, was Lendl so irritiert, dass er mit einem Doppelfehler das Match verliert. Das verkommt aber zur Randnotiz.

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Dieser eine Aufschlag bleibt in Erinnerung. Diese Frechheit, dieser Geniestreich. Warum eigentlich? Kritiker sehen in Aufschlägen von unten eine Respektlosigkeit dem Gegner, wenn nicht gleich der ganzen Tennis-Szene gegenüber. Sieht blöd aus, ist nur was für absolute Anfänger, lässt den Gegner außerdem oft schlecht aussehen, weil das halt eigentlich keiner macht. Inzwischen gibt es auch Befürworter, die darin ein legitimes taktisches Mittel sehen, wie etwa den Australier Nick Kyrgios, Pierre Hugues Herbert oder Monica Niculsecu. Sie alle wurden für Aufschläge von unten allerdings vom Publikum ausgebuht.

Der Sieg der French Open 1989 bleibt Michael Changs größter Erfolg.
Der Sieg der French Open 1989 bleibt Michael Changs größter Erfolg. | Bild: imago sportfotodienst

Michael Chang wurde gefeiert. Er gewann später auch seine Viertel- und Halbfinalpartie, im Endspiel bezwang er noch Stefan Edberg und wurde zum jüngsten Grand-Slam-Sieger der Geschichte. Es sollte der einzige Sieg dieser Größenordnung in seiner Karriere bleiben.

Von unten schlug er in seiner langen Karriere übrigens nie wieder auf.

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