Das gelingt eindrucksvoll im „Lokomotiv“, einer alten Schachtel von Stadion, die nach dem Vereinsnamen benannt ist. Jürgen Klinsmann trifft zweimal, Andi Herzog, Mehmet Scholl und der eingewechselte Thomas Strunz lassen weitere Treffer folgen. 5:0, eine Runde weiter, auf der Bank kann Trainer Otto Rehhagel aufatmen. Alles prima, aber wie nun einen aktuellen Bericht in die Heimat senden? In der russischen Hauptstadt ist kommunikationstechnisch Steinzeit.

Der FC Bayern hat extra an alle Reporter Handys ausgegeben, da deren eigene nicht funktionieren würden. Klasseservice – mit einem Haken: Auch die FCB-Handys, Fabrikate, die man heute vielleicht noch in entsprechenden Museen finden kann, versagen den Dienst. Es bleibt deshalb, so ein Bayern-Presseattaché, nur die Möglichkeit, vom Mannschaftshotel im Zentrum Moskaus aus zu kabeln. Das liegt zig Kilometer und mindestens eine Stunde entfernt.

Da hilft nur Eigeninitiative. Zehn Minuten vor Spielende, gerade ist das fünfte Tor der Münchner gefallen, schleiche ich durch die Stadionkatakomben. Es riecht nach, nein, das lasse ich jetzt weg. Am Ende des Ganges müssen die Umkleidekabinen sein, ich öffne drei Türen, begutachte schmuddelige Räume, deren Verwendungszweck sich mir nicht erschließt, plötzlich sehe ich ein an der Wand angebrachtes, schwarzes Telefon.

Die Älteren unter uns werden eine Erinnerung haben, für alle anderen: Das Kunststoffding hat einen Hörer und eine Wählscheibe – aber auch eine Dose, in die der Modularstecker meines Modems passt. Ich arbeite schon seit Langem mit dem Berliner Unternehmen „combox“ zusammen, das weltweit agiert und auch in Moskau einen Verteilerknoten anbietet. Stecker vom Telefon raus, Stecker vom Modem rein, das eingerichtete Wählprogramm starten, auf Pfeifton warten, um die Übermittlung via Entertaste am Computer zu starten.

Es rattert, aber noch pfeift nichts. Gedanken schießen mir durch den Kopf. Was, wenn jetzt irgendein Gospodin auftaucht, ich mit dem Laptop in der Hand, die Telefonleitung angezapft? Ein zwiespältiges Gefühl – zum einen Furcht, weil man, erst mal aufgeflogen, ja kein Gespräch führen könnte, zum anderen ein Hauch von prickelnder Erregung, ein Hauch von James Bond im Reich des Bösen. Dann pfeift es, ich drücke die Enter-Taste, es surrt und dann steht im Display „gesendet“.

Sekunden später sieht der Raum wieder aus wie immer, ich verlasse das Innere des Stadions und höre weit hinten Stollen klackern. „Wir beeilen uns, ins Hotel zu kommen, da können Sie den Bericht senden“, sagt der FCB-Mitarbeiter. Ich nicke und sage danke. Fünfnull für Bayern, einsnull für mich und combox.

 

Der Autor dieses Textes Ralf Mittmann.