Radja Nainggolan ist ein furchterregender Spieler. Seine Tattoos ragen über den Trikotrand bis fast ans Kinn. Ein wilder Typ auf der so wichtigen Sechser-Position im zentralen Mittelfeld. Geld ist nicht alles, aber wenn just für einen schon 30-Jährigen 29 Millionen Euro Ablöse gezahlt wird von Inter Mailand an den AS Rom, dann muss an dem Mann mit belgisch-indonesischen Wurzeln etwas dran sein. Typ „Straßenköter“ auf dem Feld, einer wie Arturo Vidal von Bayern München, der die ganz harten, grenzwertigen Tacklings riskiert.

Wenn so einer es nicht in den Kader Belgiens geschafft hat, dann braut sich da eine Superauswahl zusammen. Im Moskauer Nordwesten, genauer gesagt im Istrinsky-Distrikt, haben die „roten Teufel“ für die Zeit der WM ihre Zelte aufgeschlagen. Der Großraum der Millionen-Metropole beherbergt gleich neun Nationalteams. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden, eigens wurden 23 maßgeschneiderte Matrazen in den Sportcomplex Guchkovo verschickt – und damit waren einige Tage vor der geplante Bekanntgabe des Aufgebots aller Spielernamen raus. Und Nainggolan draußen. Belgien hatte sein „Matrazen-Gate“, mehr aber auch nicht.

„Viele sprechen in Belgien vom Finale oder dem Gewinn der WM. Ich denke, das ist möglich, obwohl viele Kleinigkeiten dazwischen kommen können“, umreißt Thorgan Hazard (25) von Borussia Mönchengladbach die gigantische Erwartungshaltung im Beneluxstaat. Das Team von Roberto Martinez ist in der Gruppe G Favorit auf den ersten Platz – trotz England. „Wir haben die besseren Premier-League-Spieler“, erklärt der 44-Jährige trocken, insgesamt ein Dutzend. Gegen Panama und Tunesien sind Pflichtsiege geplant. Keiner legt die Messlatte niedrig an, schon gar nicht Martinez, aber Hazards Zweifel sind unüberhörbar: „Ich hoffe, es läuft besser als in Brasilien und Frankreich.“ Viertelfinale bei der WM 2014 in Brasilien: Das Aus nach dem 0:1 gegen Argentinien. Viertelfinale bei der EM 2016 in Frankreich: Das Aus nach dem 1:3 gegen Wales. Belgien war Geheimfavorit auf den Turniersieg gewesen, ein Haufen extravaganter Talente. Im entscheidenden Moment reichte es nicht, der Ex-Schalker Marc Wilmots seinen Trainerstuhl räumen.

Martinez hat an der Hierarchie geschraubt. Der verletzungsanfällige Abwehrchef und Ex-Hamburger Vincent Kompany (Manchester City) gab die Kapitänsbinde an Eden Hazard (Chelsea London) weiter. Im Mittelfeld ist der Ex-Wolfsburger Kevin de Bruyne (Manchester City) der Chef. Romelu Lukaku (Manchester United) der Garant für Tore, einzig die Deckung ist anfällig. WM-Qualifikation und Vorbereitung, alles ging glatt und geräuschlos, zuletzt imponierte ein 4:1-Sieg über WM-Starter Costa Rica. Ging das zu einfach?

Die ewigen Talente sind erwachsen geworden, auch der „kleine“ Hazard. In Mönchengladbach ist er Schlüsselspieler, bei Belgien hat er sich in die Rolle des „Jokers“ vorgearbeitet. Er nimmt die Rolle an, klaglos, spricht leise: „Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein, dass ich jetzt dazu gehöre. Das war früher anders.“ Vielleicht ist es das Mantra dieser Ansammlung von Individualisten, dass das Ego sowohl 2014 als auch 2016 zu sehr in den Vordergrund gerückt war. Martinez hat sich in Sachen Teambuilding daher ein großes Vorbild genommen: „Wir wollen so sein wie die Deutschen.“