Herr Seidenberg, wenn Sie an Ihre Jugend im Schwarzwald zurückdenken. Wie war der Weg von Villingen zum Eishockeyprofi?

Schwenningen war damals eine Eishockey-Hochburg. Die Möglichkeiten waren nicht so gut wie für die Kids aus Hochburgen wie Kanada, den USA, Schweden oder Finnland.

Meine Mutter hat mich und meinen Bruder Yannick täglich zum Training gefahren. Das war total okay und hat Spaß gemacht. Wir müssen auch einiges richtig gemacht haben damals, schließlich sind Marcel und Sascha Goc sowie Yannick und ich in der Zeit Profis geworden. Nicht schlecht für eine so kleine Stadt, oder?

Stolzer Nachwuchsspieler: Dennis Seidenberg als Zwölfjähriger im Trikot des Schwenninger ERC.
Stolzer Nachwuchsspieler: Dennis Seidenberg als Zwölfjähriger im Trikot des Schwenninger ERC. | Bild: privat

Dabei war für Sie ja eine Zeit lang Tennis die Sportart Nummer eins.

Das stimmt. Mit 16 hatte ich ein bisschen die Lust am Eishockey verloren und mich auf Tennis konzentriert. Das ging ein paar Wochen gut, dann wurde ich mit der U17- oder U16-Nationalmannschaft zu einem Turnier in Kanada eingeladen. Dort habe ich die Freude am Eishockey wiedergefunden.

Sie kommen aus einem 2000-Einwohner-Dorf und wurden zum Weltbürger, der in New York lebt. Würden Sie das so unterschreiben?

Das kann man schon sagen. Wenn man in Marbach aufwächst, denkt man erstmal nicht daran, in den USA Profi zu werden.

Sie waren ja nicht nur irgendein Profi, sondern haben große Erfolge auf dem Eis gefeiert. Was war Ihr persönliches Highlight?

Das war auf jeden Fall der Gewinn des Stanley Cup 2011 mit den Boston Bruins. Wir hatten ein großartiges Team damals, in den Playoffs sind wirkliche Freundschaften entstanden. Da konzentrierst du dich zwei Monate lang nur aufs Eishockey. Eine Achterbahn der Gefühle und die ganze Stadt feiert mit. Bei der Parade anschließend waren zwei Millionen Menschen auf der Straße. Da hat man erst gesehen, was das für Boston bedeutet hat, dass wir nach 39 langen Jahren mal wieder diesen Pokal gewinnen konnten.

Dennis Seidenberg (Mitte) feiert den gewonnen Stanley Cup 2011 mit seiner Frau Rebecca und seinem Bruder Yannic.
Dennis Seidenberg (Mitte) feiert den gewonnen Stanley Cup 2011 mit seiner Frau Rebecca und seinem Bruder Yannic. | Bild: imago sportfotodienst

Der Tradition entsprechend, darf jeder Spieler die Trophäe einen Tag mit nach Hause nehmen. Was haben Sie mit dem Stanley Cup angestellt?

Wir haben ihn mit auf ein Boot genommen, am Nachmittag unsere Kinder darin taufen lassen und danach mit in ein Kasino in Atlantic City genommen, wo wir eine Party gefeiert haben.

Außerhalb der Hallen kennt man Sie als höflichen und zuvorkommenden Menschen, auf dem Eis können Sie ein echtes Raubein sein. Was denken Ihre Familie und Ihre Kinder, wenn Sie Videos von Ihren Schlägereien sehen?

Das ist schon ernst. In den Situationen wird man sauer und will dem anderen eine reinhauen. Das passiert aber nur, wenn ein Gegner dich verletzen wollte. Das waren auch gar nicht so viele Fights von mir. Der netteste Mensch auf der Welt ist mein früherer Mitspieler Adam Mc Quaid. Ein gläubiger Mann und der liebste Junge abseits vom Eis. Der hat 15 Schlägereien pro Jahr. Das sind einfach Sachen, die auf dem Eis passieren.

Dennis Seidenberg (links) kämpft im Stanley Cup Finale 2011 (Spiel 3) mit Ryan Kesler von den Vancouver Canucks.
Dennis Seidenberg (links) kämpft im Stanley Cup Finale 2011 (Spiel 3) mit Ryan Kesler von den Vancouver Canucks. | Bild: W51

Sie sind der Deutsche mit der meisten Eiszeit in der NHL, haben als einer der wenigen den Titel gewonnen und sind ein Star in Ihrer Sportart. Werden Sie oft auf der Straße erkannt?

Hier in New York auf gar keinen Fall (lacht). Mein letzter Verein, die Islanders, sind hinter Yankees, Rangers oder Knicks weniger bekannt. Vielleicht in Boston, da kennt mich der eine oder andere schon noch. In Deutschland auch nicht. Das ist aber alles okay, ich bin total zufrieden damit, mich unter dem Radar der Öffentlichkeit zu bewegen.

Mittlerweile spielen im Vergleich zu Ihren ersten Jahren viel mehr Deutsche in der NHL. Woran liegt das?

Ich denke, dass die Deutschen besser geworden sind. Es spielen ja auch mehrere Junge in der Junior League, die für viele junge Spieler als Sprungbrett in die NHL dient. Trotzdem liegt noch viel Arbeit vor uns, um so gut zu werden wie die Top-Acht-Nationen.

Leon Draisaitl ist bei den Edmonton Oilers der erste Spieler nach dem großen Wayne Gretzky, der in den ersten 15 Saisonspielen der NHL mindestens 13 Tore erzielt. Hat er das Zeug zum nächsten Superstar?

Das ist er schon. Leon und Connor Mc David spielen regelrecht mit ihren Gegnern. Jetzt fehlt Leon nur noch ein Teamerfolg. Hoffentlich geht es so weiter für ihn. Ich habe bei den Weltmeisterschaften in Deutschland und Dänemark mit ihm gespielt. Wenn wir in der NHL gegeneinander gespielt haben, sind wir ab und zu essen gegangen.

Wie sieht Ihr Alltag als Eishockey-Rentner im Moment aus?

Ich bin im Entwicklungsbereich meines letzten Teams, der New York Islanders, tätig. Gerade mache ich morgens Reha mit den Verletzten. Danach trainiere ich für mich im Kraftraum, abends schaue ich Spiele. Das Ganze wird sich in den nächsten paar Monaten weiterentwickeln. Das ist perfekt. Ich habe mehr Zeit mit der Familie und bleibe trotzdem dabei.

Dennis Seidenberg mit Tochter Story, Sohn Breaker und Tochter Noah (von links).
Dennis Seidenberg mit Tochter Story, Sohn Breaker und Tochter Noah (von links). | Bild: privat

Wäre auch eine Rückkehr nach Deutschland denkbar?

Man soll ja nie nie sagen. Im Moment habe ich meinen Mittelpunkt aber auf jeden Fall hier. Meine Frau hat gerade einen Kleiderladen aufgemacht, meine Kinder haben ihre Schule.

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Sprechen die drei denn Deutsch?

Leider nicht so gut. Ich versuche, jetzt ein bisschen mehr mit ihnen zu sprechen. Ich hätte viel früher damit anfangen sollen, aber in meiner aktiven Zeit war ich leider viel unterwegs und mit dem Kopf zu sehr beim Eishockey.

Was vermissen Sie denn am meisten an der alten Heimat?

Die deutschen Innenstädte, wo sich das ganze Leben abspielt, man essen oder Kaffee trinken gehen kann. Das gibt es hier weniger, es sei denn, man wohnt in Boston. Und natürlich die deutsche Esskultur. Bratwürste, Schnitzel, Kartoffelsalat – das sind doch wunderbare Sachen. (lacht)

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Mit 38 Jahren hängt er Hockeyschläger und Schlittschuhe an den Nagel: Ex-NHL-Profi Dennis Seidenberg über seine Zeit in der NHL und sein Karriere-Ende