Es ist der größte Club in Baden-Württemberg. Ein Verein mit nationaler und internationaler Strahlkraft, der Millionen Menschen am Herzen liegt. Und Wolfgang Dietrich, der amtierende Präsident, will alles dafür tun, dass die Erfolgsgeschichte im Jahr des 125-jährigen Bestehens fortgeschrieben wird. Dabei weiß auch Dietrich (70) ganz genau: „Der Fußball ist ein verrücktes Geschäft, in dem nur das Hier und Jetzt zählt. Erfolg kennt keinen Kredit und keinen Bonus.“

Gegenüber vom Clubzentrum steht das Mercedes Benz-Museum. Gemeinsam mit dem Automobilkonzern hat der Fußballkonzern eine Ausstellung ins Leben gerufen, die am Sonntag, den 9. September, dem Datum der Gründung des Vorgängervereins FV Stuttgart, eröffnet wird. Eine Ausstellung zur Geschichte der Weiß-Roten, am Abend zuvor gibt es im Museum einen Festakt. Was ist schon ein verpatzter Ligastart gegen eine ruhmreiche Historie?

Meisterschale, Pokale, Trikots, Fußballschuhe, Wimpel und Spielerauszeichnungen, Fotos und Eintrittskarten sowie spannende Originaldokumente: Mehr als 100 Schlüsselexponate hat das VfB-Archiv für die Ausstellung ausgewählt. In der Sonderaustellung finden sich einige Raritäten, die Fan-Herzen höher schlagen lassen: Der originale Flipchart-Plan mit der Mannschaftsaufstellung von Trainer Armin Veh ist dabei und auch die Maske, mit der VfB-Kapitän Christian Gentner nach seinem Zusammenprall mit Wolfsburgs Torhüter Koen Casteels 2017 spielte.

Der VfB bewegt. Jürgen Klinsmann nennt ihn „meine Heimat, ein sehr besonderer Verein“. Meister-Trainer Christoph Daum schwärmt: „Wenn die Schwaben dich einmal in ihr Herz geschlossen haben, bleibt das ein Leben lang.“ Und Armin Veh sagt: „Tradition ist ein großes Wort, aber der VfB lebt sie. Das ist auch spürbar. Ich bin ein visueller Mensch, wenn ich die Bilder von 2007 sehe, wo uns Hunderttausende in den Straßen der Stadt gefeiert haben, dann berührt mich das immer wieder.“

Das würde Wolfgang Dietrich auch gerne wieder erleben. Momentan sind sie aber noch ohne Punkt und Tor in der zweiten Saison nach dem Wiederaufstieg. „Wir wissen, dass die ersten drei Spiele nicht so gelaufen sind wie erwünscht. Vor allem die Niederlage im Pokal hat mich richtig geärgert, aber wir bleiben ruhig und besonnen, wir müssen die Balance in dieser Saison erst noch finden.“ Sonst ist alles nichts. „Das Jubiläum hat mit dem aktuellen Saisonverlauf weniger zu tun. Es ist etwas, was die Größe, die Stärke, die Geschichte des Vereins betrifft und die ist großartig“, sagt Kapitän Christian Gentner und will die erfolgreiche Vergangenheit als Mutmacher nutzen: „Vielleicht kann man auch noch mal Kraft rausziehen.“

Schwäbische Meisterleistungen, Fehltritte und kühne Prognosen

  • Daums Lapsus: Es war der 30. September 1992. Der VfB Stuttgart nahm als deutscher Meister an der Qualifikation zur Champions League teil. Nach einem 3:0 im Hinspiel gegen den englischen Meister Leeds United flog die VfB-Delegation zuversichtlich auf die Insel. Es kam anders: Leeds erzielte nach dem Stuttgarter Ausgleich noch drei Tore. Trotzdem: Der VfB wäre dank des Auswärtstors mit dem 1:4 trotzdem weiter gewesen. Zur Absicherung wechselte Trainer Christoph Daum (rechts) den Serben Jovo Simanic ein. Ein Fehler: Simanic war der vierte Ausländer im VfB-Dress, erlaubt waren nur drei. Leeds protestierte, das Entscheidungsspiel verlor der VfB 1:2.
  • Die Frage: Spielt Kevin Kuranyi (links) nächste Saison noch für den VfB? Das sei die Frage schlechthin, die die Fans im Frühjahr 2005 beschäftige, meinte Premiere-Reporter Jan Henkel. Also stellte er sie an Kuranyi. „Wollen Sie mich verarschen?“, antwortete der Stürmer und schaute entgeistert. Legendär auch seine Aussage, nachdem Henkel ihm die Ernsthaftigkeit der Frage versicherte: „Diese Antwort brauchen Sie mir nicht zu stellen.“ Und weiter: „Ich antworte nicht auf so eine Scheiß-Frage.“ Im Sommer wechselte er zu Schalke 04, heute nimmt er das Interview mit Humor. Würde er eine Scheiß-Frage beantworten? Ja, mit einer „Scheiß-Antwort“.
  • Meira und die Meisterschale: Im Mai 2007 gewann der VfB Stuttgart das letzte Saisonspiel gegen Energie Cottbus und wurde überraschend zum fünften Mal in seiner Vereinsgeschichte deutscher Meister. Wie üblich gab es die flache, silberne Meisterschale. Für den damaligen VfB-Kapitän Fernando Meira (Bildmitte) war das Aussehen dieses runden Stücks Silberware wohl noch überraschender als der Titel selbst. Sekunden nachdem Vereinslegende Guido Buchwald ihm das Objekt der Begierde übergeben hatte, reckte der Portugiese es schreiend in die Höhe – falsch herum. Immerhin: Auch so kann man für einzigartige Bilder sorgen.
  • Sängerknaben: Musik gehört in der jüngeren Vergangenheit einfach dazu. Auf dem Weg zum WM-Titel unterstützten die Weiß-Roten Benjamin Pavard, indem sie vor dem Viertelfinale der Franzosen gegen Uruguay ein Video samt Tanz- und Gesangseinlage aufnahmen. In die Reihe der musischen VfB-Auftritte fügte sich auch das Weihnachtsvideo von 2012 bestens ein, darin probieren sich unter anderen Martin Harnik, Antonio Rüdiger und das japanische Duo Gotoku Sakai/Shinji Okazaki an Jingle Bells. Mitte der 90er-Jahre sang das „tragische Dreieck“ mit Fredi Bobic (Mitte), Marco Haber (rechts) und Gerhard Poschner (links) ihren Hit „Steh auf“.
  • Zuversicht: Die ehemaligen Profis Jürgen Klinsmann und Karlheinz Förster trauen ihrem früheren Club nach 1950, 1952, 1984, 1992 und 2007 eine sechste Meisterschaft zu. Trotz der Überlegenheit der Bayern. Und von Dortmund. Und Leverkusen. Egal! „Der nächste Meistertitel wird beim VfB wohl schon ein wenig dauern. Aber mit guter Arbeit kann es schnell gehen mit den Erfolgen. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass Hoffenheim mal in der Champions League spielt?“, sagte der 60-jährige Förster. Der 54-jährige Klinsmann antwortete auf die Frage, ob er noch einen Titel des VfB erleben werde: „Klar. Ich bin immer optimistisch.“ (dpa)