An einem vernebelten Samstagvormittag stehen 50 Zuschauer an der Seitenlinie des Sportplatzes in Mühlingen. Die C-Juniorinnen des Hegauer FV spielen gegen die männliche D-Jugend der SG Stockach 2 in der Kreisklasse 3. Mädchen gegen Jungs, längst ist das Alltag in Baden-Württemberg, denn für eine reine Mädchenspielklasse fehlen schlicht die Spielerinnen.

Viele Vereine haben sich aufgelöst

In Mühlingen sind die Mädels an diesem Tag körperlich überlegen, dominieren die Zweikämpfe, spielen risikoreiche Steilpässe. „Völlig okay, riskiert diese Bälle ruhig“, ruft Trainer Daniel Jedlicka auf das Spielfeld. Seine Schützlinge sind mit viel Spaß und Engagement dabei, bei vielen anderen Vereinen haben sich die Mädchenteams schon lange aufgelöst.

Die Zahl der Mädchenteams sinkt rapide

Generell steht es seit einigen Jahren nicht gut um den weiblichen Nachwuchsfußball. Der Südbadische Fußball-Verband (SBFV) verlor seit 2010 47,03 Prozent seiner Mädchen-Mannschaften, der Badische Fußballverband (bfv) hatte einen Verlust von 40,9 Prozent. Landesweit schrumpfte die Zahl der Mädchenteams von 1417 im Jahr 2010 auf aktuell 779 Teams. Aus 47 080 wurden 37 864 aktive Mädchen die in Vereinen angemeldet sind.

Bild: Schönlein, Ute

So messen sich die Spielerinnen immer häufiger mit den Jungs, wobei das für Ute Wilkesmann, Vorsitzende des Frauen- und Mädchenausschusses des Südbadischen Fußball-Verbandes, auch positive Seiten hat: „Das ist sehr gut für die Entwicklung der Mädchen, da sie sich gegen die körperlich stärkeren Jungs durchsetzen müssen.

Ein gewohntes Bild im Nachwuchsfußball in Baden-Württemberg. Immer häufiger kommt es zum Duell Mädchen gegen Jungs.
Ein gewohntes Bild im Nachwuchsfußball in Baden-Württemberg. Immer häufiger kommt es zum Duell Mädchen gegen Jungs. | Bild: Peter Pisa

Ab der D-Jugend sind jedoch nicht alle dazu bereit – da gibt es früh pubertäre Barrieren, außerdem findet man in diesem Alter alle Jungs erstmal doof.“

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Auf dem Spielfeld tobt so früh der Geschlechterkampf, auch in Mühlingen, wo nach einem Zweikampf eine Spielerin und ein Spieler zunächst am Boden liegen bleiben. Der Junge krümmt und rollt sich, bevor er dann plötzlich wieder aufsteht. Das Mädchen fasst sich kurz an den Schuh und spielt weiter, als wäre nichts gewesen. Kurz nach der Halbzeitpause gehen die Hegauer in Führung, gejubelt wird nur kurz.

„Wir erstellen einen individuellen Plan über zwei bis vier Jahre für jede Spielerin“
Daniel Jedlicka, Trainer der Hegauer C-Juniorinnen

Dass die Hegauer im Vergleich zu vielen anderen Vereinen weniger Probleme haben, Fußballerinnen zu finden, liegt unter anderem an der Konzeption. „Wir bieten mit unseren Mannschaften in der Regional- und Verbandsliga eine sportliche Perspektive. Wir erstellen einen individuellen Plan über zwei bis vier Jahre für jede Spielerin,“ erklärt Jedlicka, der im Mädchenfußball großes Begeisterungspotenzial sieht.

Andere Sportarten stehen höher im Kurs

„Das gemeinsame Trainieren und auch der Teamgedanke sind Aspekte, welche für Mädchen sehr wichtig sind. Den Hegauerinnen fehlt allerdings die Wertschätzung für ihr Schaffen. Im Vergleich zu den Männern ist das schon ein extremer Unterschied.“ Auch stehen andere Sportarten wie Turnen, Leichtathletik oder Handball höher im Kurs.

Zehn Minuten vor Schluss bringt ein langer Ball tief in die Hälfte der Stockacher die Stürmerin der Hegauerinnen in Position, die mit dem 2:0 für die Vorentscheidung sorgt. Der Anschlusstreffer fällt zwar noch kurz vor dem Abpfiff, ist aber nur noch statistisch von Bedeutung. Abpfiff, Schluss. Die Mädchen laufen grinsend und zufrieden vom Feld zu ihren Eltern und klatschen sich gegenseitig ab.