Das Gras ist noch feucht vom morgendlichen Tau, die Sonne kämpft sich nur langsam den Horizont hinauf, zwei Frauen und zwei Männer mit konzentrierter Miene sind in ruckartige Bewegungen vertieft. Handkanten durchschneiden die Luft, nackte Füße stemmen sich in den Boden, der Schweiß perlt von der Stirn. Eine ehrfurchtsvolle Verbeugung beendet die Szene kurz darauf wieder. Ihre vier Hauptdarsteller sorgen für einen Hauch Bruce Lee und Todeskralle hinter der Schänzle-Halle am Konstanzer Seerhein. Fernost im Mini-Format, denn die Vierergruppe kommt lediglich aus Sachsen-Anhalt. "Mit knapp zehn Stunden Anfahrt zum Bodensee war das weit genug", sagt eine von ihnen gut gelaunt. Genau genommen gehören sie zur 18-köpfigen Gruppe des Budo Karate Clubs Magdeburg.

Nicht zu übersehen sind dieser Tage die rund 1000 weißen Tupfer am Ufer des Schänzle. Es handelt sich um Karateka aus aller Welt, die in der typischen Trainingskleidung zwischen Schänzle-Halle und dem nahen Zeltplatz pendeln. Bereits zum neunten Mal gastiert das seit 1973 jährlich stattfindende Treffen in Konstanz. Wörtlich ist ein Gasshuku eine gemeinsame Unterkunft, keiner der Teilnehmer würde es als reines Trainingslager abtun. Mathias Hanselmann kommt aus Calw und sitzt gerade mit einem Tee bei seinen Zelt-Nachbarn aus Helmstedt in Niedersachsen. "Genau darum geht es, im Vordergrund steht das Zusammensein", sagt Hanselmann. Einmal umhören genügt, um diesen Eindruck bestätigt zu bekommen.

Von innigen Freundschaften ist die Rede, die während eines Gasshuku entstünden, die Magdeburger Gruppe spricht gar "von einer zweiten Familie". Eine Familie, die über mehrere Generationen reicht. Zum Gasshuku konnte sich jeder anmelden: Die jüngsten Teilnehmer haben gerade die Grundschule verlassen, der älteste wird demnächst 80 Jahre alt. "Karate ist ein Sport, der alle Lebensphasen umfasst", so der Konstanzer Chef-Organisator Markus Rues, um sich wenige Augenblicke zu korrigieren: "Nein, es ist weit mehr als nur ein Sport. Es ist eine gewisse Einstellung zum Leben." Disziplin gehöre dazu, aber auch Freundlichkeit und Dankbarkeit. Eigenschaften, die Rues heute bei vielen Menschen vermisst.
 

Ein Gasshuku ist jedoch nicht nur ein einwöchiges Treffen der Karate-Familie, der sportliche Anspruch kommt nicht zu kurz. Bis zu vier Stunden täglich, in drei Trainingseinheiten unterteilt, verbringen die Karateka in einer der Hallen. Viele empfinden es als Ehre, von und mit einem der acht hoch dekorierten Trainer lernen zu dürfen. Der Calwer Mathias Hanselmann beschreibt das so: "Als Normalsterblicher ist das schon etwas besonderes." Man spürt den Respekt, den Hanselmann gegenüber den Sensei hat, die nicht nur Trainer, sondern auch Lehrer und Vermittler von Werten sind.

Dieses Zusammenspiel zwischen Schüler und Lehrendem zeigt sich eindrucksvoll beim Morgen-Training, als Keith Geyer vor rund 200 Träger des Dan-Grades tritt. Es handelt sich also um erfahrene Karateka, zu erkennen an den schwarzen Gurten. Der 62-jährige gebürtige Südafrikaner, der seit 2001 in Australien lebt, mag physisch kein Riese sein, im Karate zählt er zu den Größten der Welt. Markus Rues sagt: "Wegen ihm haben wir es früher bei Weltmeisterschaften gehasst, zu früh gegen Südafrikaner antreten zu müssen." Rues und Geyer kennen sich seit 1994, der Einladung seines Freundes aus dem fernen Deutschland folgte Sensei Keith wie selbstverständlich. Etwa 15 australische Sportler begleiteten ihn nach Konstanz, eigens für das Gasshuku – ungeachtet des 20-Stunden-Fluges und der Zeitverschiebung.

Mit Geyer schließt sich der Kreis zwischen Sport und Weltanschauung. Karate habe ihn sein ganzes Leben begleitet, er habe nie etwas anderes gemacht. Für beides helfen ihm vier Ds, wie er sagt: Desire (Verlangen), Discipline (Disziplin), Determination (Entschlossenheit), Dedication (Hingabe). Karate ist für Geyer "ein Weg, der niemals endet".

Für die Magdeburger Freiluft-Gruppe soll er in Konstanz zumindest auf einen vorläufigen Höhepunkt einbiegen. Sie wollen in den Grad eines Dan-Trägers aufsteigen, den schwarzen Gurt anlegen. Aufgeregt sind sie angesichts der bevorstehenden Prüfung nicht. "Wir sind perfekt vorbereitet und entspannt", sagen sie. Ruhe und Gelassenheit – noch zwei dieser Karate-Eigenschaften.

 

Karate – ein Sport fürs Leben

Aktive beschreiben Karate, wie die meisten Budo-Sportarten ("bu" bedeutet Militär, "do" beschreibt den Weg) als Sport für alle Lebensphasen. Ein Ausschnitt des Teilnehmerfelds beim Gasshuku:

  1. Der Junior: Bruno Vogel (13) stammt aus Konstanz und hat bereits mit fünf Jahren gemeinsam mit seiner Mutter angefangen, Karate zu betreiben. Er zählt zu den jüngsten Teilnehmern des Gasshuku und ist fasziniert von den Übungen, die er sonst nicht sieht. "Mir kommt es vor allem auf den sportlichen Teil an", sagt Vogel.
  2. Der Senior: Albert Beha (79) aus Konstanz ist Brunos Gegenpart. Der älteste Karateka des Gasshuku hat erst vor vier Jahren begonnen. "Meine Bekannten hielten mich für verrückt, als ich damit anfing", erinnert er sich. Inzwischen schätzt er, dass Karate für Einklang von Geist und Körper sorge. "Ich fühle mich fitter, kann wieder leichter Treppen steigen", so Beha.
  3. Der Organisator: Markus Rues (50) aus Konstanz besitzt den sechsten Dan-Grad und ist maßgeblich mitverantwortlich für das hohe Ansehen des Karate-Standortes Konstanz. Der Sportlehrer betreibt seit 1975 Karate und organisiert den Gasshuka in der Stadt bereits zum vierten Mal. Als Aktiver wurde er mehrfach Deutscher Meister, Europameister von 1991 und Vize-Weltmeister (1992 und 1994). "Karate ist mehr als Sport, es beschreibt eine Einstellung zum Leben, es geht auch um Respekt und Freundlichkeit", sagt Rues.
  4. Der Weit-Gereiste: Keith Geyer (62) ist gebürtiger Südafrikaner und kennt die deutsche Karate-Szene seit 1977. Wegen der politischen und gesellschaftlichen Probleme während der Zeit des Apartheid stieß er in seiner Heimat an Grenzen, konnte beispielsweise nicht an internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Wegen der anhaltenden Kriminalität verließ er 2001 Südafrika nach Australien und arbeitet dort als Trainer. "Im Karate kommt es auf Verlangen, Disziplin, Entschlossenheit und Hingabe an", sagt Geyer. Diese Denkweise begleitet ihn auch im alltäglichen Leben.