Ruwen Filus nimmt es, wie es kommt. Und macht das Beste daraus. Verteidiger eben. Seit seinem neunten Lebensjahr hat er sich darauf spezialisiert, möglichst jeden Angriffsschlag zu parieren, egal wie dreckig oder überraschend sie kommen. Für die härtesten Gegner reicht eine Defensiv-Taktik aber schon lange nicht mehr aus. Im modernen Tischtennis müssen Verteidiger auch in den Angriffsmodus umschalten können. Ruwen Filus kann kämpfen. Für sich und seine Profi-Karriere, vor allem aber für seine Familie, für Marie, deren Gehirn bei der Geburt mit zu wenig Sauerstoff versorgt wurde.

Neulich hielt er seine zweieinhalbjährige Tochter nach einem Spiel auf dem Arm und gab mit der freien Hand Nachwuchsspielern Autogramme. Der 28-Jährige hat in dieser Bundesliga-Saison für den TTC Rhönsprudel Fulda-Marberzell von neun Spielen bislang sieben gewonnen, in der Weltrangliste wird er auf Rang 64 geführt. „Es läuft ganz gut“, erklärt er, nur das Viertelfinal-Aus vor wenigen Wochen im Pokal gegen Mühlhausen ärgert ihn noch. In der National-Mannschaft steht er im Schatten von Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov, aber auch hier hat er sich längst etabliert. Deutschlands große Tischtennis-Generation ist längst erwachsen geworden. Boll, Ovtcharov und auch Filus gehören dazu, alle drei sind in den vergangenen Jahren stolze Väter von Töchtern geworden.

Marie kommt am 14. April 2014 nach einer problemlosen Schwangerschaft auf die Welt, wenn es denn so etwas überhaupt gibt. Filus und seine Frau Verena freuen sich auf den Nachwuchs, haben ihr Zuhause für ein Leben zu Dritt vorbereitet. „Dann gingen während der Geburt die Herztöne runter“, erinnert sich Filus. Marie bekommt zu wenig Sauerstoff, nach der Geburt muss sie „über einen längeren Zeitraum reanimiert werden“, wird von einem Notarzt in ein Krankenhaus mit Neugeborenen-Intensivstation transportiert. Dort wird sie in ein künstliches Koma versetzt und ihre Körpertemperatur heruntergefahren, damit sich ihr Gehirn erholen kann. Ihr EEG schreibt eine Nulllinie, keine Hirnaktivität, erst nach vielen Stunden des Bangens steigt die Linie langsam an. Eine Nottaufe lehnen Ruwen und seine Frau Verena ab, ganz in der Überzeugung, dass ihre Kleine durchkommen wird, einfach durchkommen muss. Sie schafft es. Aber die Prognosen für ihr weiteres Leben sind brutal: körperlich und geistig schwerstbehindert, kein Sitzen, kein Krabbeln, kein Laufen, keine Sprache, kein selbstständiges Essen und Trinken, keine Wahrnehmung, kein Hören und Sehen. Wie und warum es soweit kommen musste, soll ein Gutachten in den kommenden Monaten klären.

Was soll man zu solchen Diagnosen sagen? Wie die Stunden und Tagen beschreiben, die Gefühle in Worte fassen? „Natürlich war das ein Schock“, sagt Filus, „aber man funktioniert einfach.“ Er schaltet von Verteidigung auf Angriff. Wird zum Allrounder. Wie im Tischtennis, so im Leben. Ruwen und seine Frau setzten sich ein Ziel: „Wir werden unserer Tochter alle Möglichkeiten von Therapien ermöglichen, um ihr ein so selbstbestimmtes Leben wie möglich zu ermöglichen.“

Seither ist Ruwen Filus ein Tischtennis-Profi auf dem Sprung, für den mehrstündige Autofahrten längst Routine geworden sind. Von seinem Wohnort im hessischen Florstadt pendelt er zu den Spielen, zum Mannschaftstraining seines Vereins oder ins Leistungszentrum des Deutschen Tischtennis Bundes nach Düsseldorf. Einige Tage zu Hause, einige in Sachen Tischtennis unterwegs. „Ich kann nicht mehr so regelmäßig trainieren wie früher, dafür sind die Behandlungen unseres Kindes zu aufwendig“, erzählt der 28-Jährige, der bei Bundestrainer Jörg Roßkopf dennoch großen Rückhalt genießt. „Immer, wenn was ist, hat er Verständnis.“ Es gibt eben noch wichtigeres als Sport. Zumal wenn die Leistung nicht darunter leidet.

Marie wurde inzwischen ganz normal getauft und macht Fortschritte. Sie kann noch immer nicht reden oder alleine sitzen, aber sie rollt sich durch die Wohnung und lacht dabei, nimmt ihre Umgebung wahr und ist auf keine künstliche Ernährung angewiesen. Das ist mehr, viel mehr, als ihre Ärzte vor zweieinhalb Jahren für möglich gehalten hätten. Von einer Delfintherapie in der Karibik erhofft sich Familie Filus nun weitere Fortschritte. Weil man als Tischtennis-Profi in Deutschland zwar gut leben kann, „die einzelnen Therapien aber extrem teuer sind“, hoffen Ruwen und Verena auf Hilfe vom Club und Freunden bei der Finanzierung (siehe Infokasten). „Da tut sich bereits was“, sagt Filus, der sich über jede Unterstützung freut. Und danach? Einige Jahre möchte Ruwen Filus noch Tischtennis-Profi bleiben. Nebenher absolviert er ein Maschinenbau-Fernstudium. „Für die Zeit danach“, wie er sagt. Ob er und seine Frau manchmal mit dem Schicksal hadern? „Ja, das passiert schon mal“, antwortet er. „Aber das bringt nichts.“ Man muss das Leben nehmen, wie es ist. Auch wenn es einem manchmal verdammt schwer fällt.

Und das Beste daraus machen.

Zur Person

Ruwen Filus wurde am 14. Februar 1988 geboren. Seit seinem vierten Lebensjahr spielt er Tischtennis. Filus wurde Jugend-Europameister, gewann bei den Aktiven 2011 EM-Gold mit der deutschen Mannschaft und schaffte es bei großen Turnieren mehrfach bis ins Einzel-Viertelfinale. Er wohnt mit seiner Frau Verena und dem zweieinhalbjährigen Töchterchen Marie in Florstadt. Im Juli 2015 erreichte er mit Rang 32 seine bislang beste Weltranglistenplatzierung. (sal)

Die Delfintherapie

Eine Defintherapie in der Karibik kostet etwa 16 000 Euro. Die Kosten sollen teilweise durch Spenden bewältigt werden.

Spenden-Kontakt: Ev. Regionalverwaltungsverband Wetterau, Evangelische Bank, Stichwort: Delfintherapie Marie. IBAN: DE 29 520 604 10 0004100 255