Herr Neblung, das Rennen der Vereine um die besten Talente setzt immer früher ein. Das der Berater auch?

Natürlich. Das U-14-Sichtungsturnier in Bad Blankenburg, wo man alljährlich die besten 14-Jährigen aller Landesverbände beobachten kann, wird von Jahr zu Jahr von immer mehr Sichtern besucht, früher hatten Talente in diesem Alter meistens noch keinen Berater. Das hat sich deutlich geändert, der Wettbewerbsdruck führt dazu, dass Spieler immer früher von Agenturen und Vereinen gesichert werden. Manchmal schon mit zwölf Jahren…

Lässt sich bei Zwölfjährigen eine Profilaufbahn vorhersagen?

Nein, die Trefferquote in dem Alter ist extrem niedrig. Dieses Risiko können nur große Agenturen eingehen, die sehr viele Jungs an sich binden und darauf hoffen, dass in ihrem Netz ein zukünftiger Star zappelt. Salopp gesagt: Da wird mit Schrot geschossen nach dem Motto: Wenn einer trifft, sind die neun Fehlschüsse eingepreist. Mir ist das wirtschaftliche Risiko zu groß, denn an einem Spieler verdient ein Berater erst, wenn der volljährig ist. Bei mir geht es mit 15 los, weil man erst dann annähernd etwas voraussagen kann. Aber dann sind wir natürlich oft zu spät.

Sprechen Sie mit dem Talent und seinen Eltern darüber, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass er mal ein Bundesligaprofi wird?

Natürlich, darauf muss man sie vorbereiten, das gehört zu unserer Verantwortung. Aus der U15-Nationalmannschaft schaffen es pro Jahrgang keine fünf Prozent in den Lizenzfußball. Wir müssen doch nur schauen, wie viele Kinder insgesamt Fußball spielen, wie viele in den Nachwuchsleistungszentren sind und wie wenig Profi-Arbeitsplätze es gibt. Dorthin schafft es nur ein Bruchteil – das müssen wir jedem Jungen vergegenwärtigen.

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Das hören wahrscheinlich die Eltern gar nicht gern.

Das gilt nicht für alle, aber für viele. Sie haben extreme Erwartungen und machen andere dafür verantwortlich, wenn es nicht wie am Reißbrett klappt. Es gibt Leute, die glauben, dass es reicht, Sky, DAZN und den Kicker zu abonnieren, um die Karriere des Sohnes zu begleiten und zu planen. Dazu gesellen sich dann die Freizeit-Agenten, die den Familien das Blaue vom Himmel versprechen. Aber ein guter Berater muss klar, direkt und manchmal auch mahnend sein, er muss reinen Wein einschenken, anstatt mit Zucker um sich zu blasen. Wenn wir merken, dass das nicht gefragt ist, weil da ein ganzer Schwarm von Schulterklopfern den Eltern souffliert, dann verzichten wir, auch wenn uns der Junge selbst gefällt.

Trotz aller Fördermaßnahmen bleiben viele Talente auf der Strecke. Werden da nicht Enttäuschungen produziert und Versagensgefühle programmiert?

Nein, denn auch im normalen Leben gehört es dazu, Enttäuschungen zu erleben und damit umzugehen. Zu erkennen, dass man seine Ziele mit seinen Mitteln und Möglichkeiten nicht erreicht, kann einen Menschen auch weiterbringen. Wichtig ist, dass man die Jungs darauf vorbereitet und ihnen vergegenwärtigt, wie wichtig es ist, die Schule oder die Ausbildung abzuschließen oder ihnen alternative Wege aufzeigt. Wir raten früh zur Zweigleisigkeit, öffnen Wege in eine duale Ausbildung. Wenn man erkennt, dass man mit Fußball nicht reich wird, muss man reagieren.

Wo kommt der Beraternachwuchs her?

Von überall, wenn man zynisch wäre, würde man sagen: Er wächst wie Unkraut. Es gibt keine Ausbildung, kein Berufsbild, geschweige denn ein Berufsethos. Die Methoden sind oft fragwürdig, die Agenturen werden immer größer. Manche arbeiten wie Drückerkolonnen, andere besitzen Anteile an Vereinen. Es werden Klienten abgeworben, Geld im Voraus gezahlt, Provisionsleistungen werden geviertelt oder Väter bekommen einen Job mit Dienstwagen. Unsere Branche hat sich ihren schlechten Ruf hart erarbeitet.

Ihnen macht der Job nach 20 Jahren in diesem Haifischbecken noch Spaß?

Gute Frage. Nicht immer, aber mein Team und ich sind inzwischen richtig gut in dem, was wir machen und wir machen es gerne. Ich habe meine Nische gefunden und finde immer noch Spieler, die das zu schätzen wissen, was wir pflegen – eine enge, persönliche und ehrliche Betreuung für ein überschaubares Portfolio an Klienten. Wenn man dann eine persönliche Beziehung zu einem Spieler aufbaut, in der Loyalität gelebt wird, man Erfolg hat und der einen bei der Aufstiegsfeier auf den Rathausbalkon zerrt, um sich zu bedanken – dann entschädigt das für vieles andere.

Fragen: Harald Pistorius