Es hatte etwas von einem Auszug der Gladiatoren, als die Spieler nach 30 Minuten das Spielfeld verließen. In der Halle brodelte es, die Zuschauer auf den Tribünen befanden sich in Extase und unten marschierten die Helden in Richtung der eigenen Kabine im Bauch der Arena. Das zweite Vorrundenspiel der deutschen Handballer bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land war erst zur Hälfte vorüber, aber die zentrale Botschaft des Abends war schon versendet worden – an die Konkurrenten bei diesem Turnier, an das Handball-Land, aber vor allem an sich selbst: Die Mannschaft ist bereit für die WM.

Steffen Weinhold wirft aufs Tor. Gegen Brasilien gelangen ihm vier Tore.
Steffen Weinhold wirft aufs Tor. Gegen Brasilien gelangen ihm vier Tore. | Bild: Soeren Stache, dpa

Die Körpersprache der Akteure zeigte keine euphorischen oder beglückten Anzeichen auf, sie war geprägt von Überzeugung und Selbstvertrauen. Das 34:21 gegen Brasilien wirkte nachhaltig nach innen. Vor dem Start der Weltmeisterschaft hatte Bundestrainer Christian Prokop beinahe gebetsmühlenartig wiederholt, dass sich seine Mannschaft durch eine starke Defensive im Verbund mit einem guten Torhüterspiel so viel Selbstvertrauen aneignen muss, um in der Offensive überzeugend auftreten zu können. Auf die Frage, ob die Leistung gegen die Brasilianer die perfekte Blaupause für den eigenen Spielplan gewesen sei und die Mannschaft eben deshalb viel Selbstvertrauen daraus ziehen könne, antwortete Weinhold: „Ja.“

Brasilien war im Gegensatz zum Auftaktgegner Korea ein ernstzunehmender Kontrahent, weil sportlich gefährlich. Auch wenn im weiteren Turnierverlauf noch deutlich stärkere Gegner warten, war die Partie wichtig, weil sie der Mannschaft und Bundestrainer Christian Prokop das Selbstverständnis vermittelte, in ihrem Miteinander auf dem richtigen Weg zu sein. Diese Überzeugung gibt keine Gewissheit für eine erfolgreiche WM, aber sie ist die Grundvoraussetzung dafür.

Torhüter Andreas Wolff war erneut überragend.
Torhüter Andreas Wolff war erneut überragend. | Bild: Michael Kappeler, dpa

„Irgendwann kam eins zum anderen“, sagte Hendrik Pekeler. Der Kreisläufer hatte gemeinsam mit Patrick Wiencek entscheidenden Anteil daran, dass eines zum anderen kommen konnte, denn die beiden Kieler bildeten in der ersten Halbzeit den Innenblock und strahlten miteinander so viel Stärke aus, dass dies auf die Kollegen abstrahlen musste. Gleich zu Beginn setzte zudem Torhüter Andreas Wolff Akzente und versprühte mit und nach seinen Paraden die Aura, die ihn beim EM-Erfolg vor drei Jahren innerhalb von knapp zwei Wochen zum Topstar werden ließ. Das eine, die Dominanz in der Abwehr, verursachte das andere: Die Souveränität im Angriff. Die hatte viel damit zu tun, dass Steffen Fäth eine herausragende Leistung zeigte. Es spricht für den Rückraumspieler der Rhein-Neckar Löwen und für Prokop, dass sie gemeinsam die Form-Blockade lösten, die Fäth in den vergangenen Monaten im Verein erwischt hatte. Nicht nur die vier Treffer machten den Mann im linken Rückraum so wertvoll, sondern viel mehr die Gefahr, die er ausstrahlte. Sie zwang die Brasilianer, den wurfgewaltigen Rechtshänder offensiv zu attackieren, was automatisch für mehr Platz der Nebenleute sorgte.

Heute geht es mit der Partie gegen Russland weiter

Fäth machte, wie übrigens die übrigen Spieler und Prokop, nicht den Fehler, den Sieg gegen die Brasilianer zu überhöhen. „Das nächste Spiel ist sehr, sehr wichtig, um zu sehen, wohin die Reise geht“, sagte Fäth mit Blick auf die Begegnung mit Russland am heutigen Montag (18.00 Uhr/ARD). Dabei verrieten seine Augen die Lust auf das nächste Match, Verunsicherung war nicht zu spüren.