Als die 90. Minute naht, bricht Lennart Johansson auf. Der Uefa-Präsident hat ja ordentlich Pfunde auf den Rippen und der Weg von der Ehrentribüne hinunter zum Spielfeld ist weit, auch wenn der Schwede natürlich den Aufzug im Nou Camp benutzt. Der FC Bayern führt 1:0 im Champions-League-Finale 1999, er hat Manchester United dominiert – und Johansson wird den Münchnern wenig später den Pokal überreichen. Denkt er, denken alle.

Ralf Mittmann hat vor über 40 Jahren seine journalistische Ausbildung beim SÜDKURIER absolviert und danach Betriebswirtschaft studiert. Mit dem Diplom in der Tasche zog es ihn zurück in den Sportjournalismus. Olympische Spiele, Fußball-Weltmeisterschaften und vieles mehr – 16 Jahre lang war er freiberuflich als Reporter für 25 Zeitungen in Deutschland und der Schweiz unterwegs.
Ralf Mittmann hat vor über 40 Jahren seine journalistische Ausbildung beim SÜDKURIER absolviert und danach Betriebswirtschaft studiert. Mit dem Diplom in der Tasche zog es ihn zurück in den Sportjournalismus. Olympische Spiele, Fußball-Weltmeisterschaften und vieles mehr – 16 Jahre lang war er freiberuflich als Reporter für 25 Zeitungen in Deutschland und der Schweiz unterwegs. | Bild: Tesche, Sabine

Doch dieser Abend ist kein normaler, dieser Abend ist ein verrückter. Während der Uefa-Chef im Bauch der Arena unterwegs ist, kommt der englische Patient zu Kräften. Teddy Sheringham nutzt einen Fehler von Torsten Fink, Tor, 1:1 in der ersten von drei Nachspielminuten. Auf der Pressetribüne werden die Gesichter der deutschen Reporter zu Fratzen.

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Alle hatten alles reingepackt an Informationen – die Bayern erstmals seit 1976 wieder auf dem Thron des europäischen Klubfußballs, der Triumph des Welttrainers Hitzfeld, des Machers Hoeneß, der Granden auf dem Rasen, Kahn, Matthäus, Effenberg, Scholl. Und nun? „Wenigstens haben wir noch 30 Minuten Zeit“, sagt ein Kollege zu mir. Ich war 1999 noch als freier Journalist unterwegs und musste nicht aktuell schreiben.

Reporter hämmern mit den Fäusten auf die Tische

Johansson hat den Innenraum von Nou Camp noch nicht erreicht, da fliegt der Eckball von David Beckham in den Strafraum und Ole Gunnar Solskjaer schnellt mit der Fußspitze gegen den Ball, Tor, 2:1 für ManU in der dritten, der letzten Nachspielminute. Die englischen Reporter hämmern mit den Fäusten auf die Tische, die deutschen scheinen von den Sitzen zu rutschen. Wie in Trance hacken einige auf die Tastatur ihres Computers, andere starren vor sich hin, machen gar nichts und klappen dann ihren Laptop zu. Aus, Schluss. Peter Kleiner, damals SÜDKURIER-Sportchef, wird erst zum Jahresende eine Story schreiben über den Bericht, der nie geschrieben wurde – der Bericht über den grandiosen Triumph des FC Bayern in der Nacht von Barcelona.

Lennart Johansson ist verwirrt

Als Lennart Johansson unten ankommt, sieht er, wie in den Pokal der Schriftzug Manchester United graviert wird. Er versteht nicht, will eingreifen. Der Mann hat die zwei Tore von ManU nicht gesehen! Die zwei Tore, die aus Münchner Sicht nie hätten fallen dürfen. Mein Auftrag hatte übrigens so gelautet: Feature über Manchester United, ganz egal wie es ausgeht. Ich war der letzte Deutsche in Nou Camp in dieser Nacht, denn Beckham & Co. feierten noch lange nach Abpfiff im Stadion und gingen mehrfach zurück auf den Rasen – bejubelt von ihren Fans, die trunken vor Glück gar nicht mehr wegwollten.