Alois, was machen Sie am Freitag kurz nach 13.00 Uhr?

Da ist meine Spielvorbereitung schon vorbei, da habe ich alles parat, was ich vor dem Fernseher brauche. Dann wird mitgefiebert, gehofft, dass was passiert. Und wenn’s net passiert, dann gibt’s ja am Samstag noch mal eine Chance. 

Alois Schloder im Jahr 2016.
Alois Schloder im Jahr 2016. | Bild: imago sportfotodienst

Hatten Sie für möglich gehalten, dass die deutsche Mannschaft die Schweden aus dem Olympiaturnier wirft?

Wissen’s, es gibt da Parallelen zu 1976. Unsere Mannschaft ist jetzt ohne große Vorschusslorbeeren nach Pyeongchang gefahren, so wie wir damals nach Innsbruck. Und wie seinerzeit findet auch diesmal das Turnier ohne die Spieler aus der NHL (Nordamerikanische Eishockey-Profiliga; die Red.) statt. Man hat im Turnierverlauf bald gesehen, dass die Teams vom Niveau her enger beisammen sind. Schon im Gruppenspiel beim 0:1 gegen die Schweden haben unsere Jungs gezeigt, was sie draufhaben, da hätten sie ja mindestens einen Punkt verdient gehabt. Da war für mich klar, da baut sich was auf, und den Wind aus diesem Spiel gegen den amtierenden Weltmeister haben sie mitgenommen. Die Burschen haben die richtige Einstellung, den Spirit, wie man so schön sagt, und die Disziplin – und was dann im Viertelfinale gegen die Schweden passiert ist: Großartig.

Wie war denn Ihre Reaktion, als der Puck zum 4:3 drin war, es aber noch eine Wartezeit gab, weil die Schiedsrichter die Szene auf Video überprüften?

Die Wartezeit war nicht so tragisch. Als der Reimer den Puck reingemacht hatte, lag der ja im Tor, das war für mich klar, dass das Tor zählt. Im unmittelbaren Augenblick hatte ich so einen Urschrei losgelassen, dass meine Frau, die im ersten Stock oben war, richtig erschrocken ist. Was ist los, hat sie runter gerufen. Und ich habe hochgeschrien: Wir haben das Ding! Unglaublich!

Das Ding, also den Sieg gegen Schweden, der Einzug ins Halbfinale. Und da geht es jetzt gegen die Kanadier, wie sehen Sie die Chancen?

Ich muss da mal etwas ausholen. Ich hatte ja das Glück, 1968, 1972 und 1976 an drei Spielen teilnehmen zu können. Olympia, dieses Erlebnis ist gewaltig. Und erst recht, wenn du bei Olympia die Schweden putzt. Selbst wenn es am Ende nicht reichen sollte zur Medaille, dieses Ereignis ist auf der Festplatte gespeichert, das werden die Jungs nie mehr vergessen.

Und wie sind nun die Chancen gegen die Kanadier?

Also erst mal ist es so. Generell kann eine deutsche Eishockeymannschaft bei Olympia unheimlich viel Stimmung für ihre Sportart machen. Da schaut die Oma in Zwiesel im Bayerischen Wald genauso zu wie die Oma in Buxtehude, und jeder, der das Spiel gegen die Schweden gesehen hat, und wenn er auch kein Eishockeyfan war, der hat sich sofort gesagt, das Spiel am Freitag gegen die Kanadier muss ich sehen, denn das war ja der Wahnsinn.

Sie haben recht, Alois. Aber die Chancen gegen Kanada?

Die Unsrigen werden sicher nicht auf Bronze spielen. Der Marco (Bundestrainer Marco Sturm; die Red.) wird die bestens einstellen – der ist übrigens auch Landshuter, auf den bin ich richtig stolz. Ja, und in der Verfassung, in der die Burschen jetzt sind, mit diesem Hype, da ist alles möglich.

Das deutsche Team hat zweimal die Chance auf eine Medaille. Sie wissen, wie sich so ein Edelmetall anfühlt.

Der Unterschied zu 1976 und heute ist, dass sie heute bei einem Sieg gleich wissen, ob sie eine Medaille gewonnen haben. Bei uns war das damals ja anders. Da spielten wir in einem Gruppensystem und mussten in unserem letzten Spiel gegen die USA gewinnen – wir alle dachten, mit vier Toren Unterschied, damit wir die Finnen noch abfangen und Bronze gewinnen können. Dann führen wir 4:1, und ich bin noch alleine auf den Torhüter zugelaufen und habe diese Chance versiebt. Es blieb beim 4:1 und für uns war klar: Ist nix mit Bronze!

Hatte keiner das Reglement gekannt?

Nein, aber das war ja jetzt nicht unsere Aufgabe als Spieler, dafür hatten wir unsere Offiziellen. Aber von denen hat auch keiner gewusst, dass unser Torverhältnis von 7:6 besser war als das der Finnen mit 9:8.

Euer Trainer war der 2012 verstorbene Xaver Unsinn. Stimmt es, dass die Mannschaft in der Schlussphase von ihm fordert, den Torhüter für einen weiteren Feldspieler vom Eis zu nehmen?

Ja selbstverständlich, wir haben ihm gesagt, Trainer, wir führen zwar 4:1, aber das ist zu wenig. Dann musst du doch alles probieren und es ist ja auch wurscht, ob du dann 4:1 oder nur 4:2 gewinnst. Etwa zwei Minuten vor Schluss haben wir den Unsinn bekniet, nimm den Torhüter runter, doch der war stur.

Oder er hat gewusst, dass es reicht?

(lacht) Ja, vielleicht hat er’s gewusst. Aber stur war er auf jeden Fall.

Ihr seid niedergeschlagen in der Kabine gesessen, bis plötzlich der Sportdirektor Roman Neumayer reinstürmte und verkündete, dass ihr Bronze gewonnen habt. Und dann?

Der Neumayer hatte das von seinem tschechischen Kollegen Subrt erfahren, der kannte sich aus im Reglement. Es war erst mal Ruhe im Saal, alle mucksmäuschenstad (stad; bayerisch für still; die Red.) – und dann ging’s ab. Die einen barfuß, die schon unter der Dusche gewesen waren, die anderen noch mit den Schlittschuhen an den Haxen, alle zusammen legten einen Siegestanz hin und mich wundert’s bis heute, dass da keiner einen Zehen verloren hat.

Wie wurden Sie und Ihre Mannschaftskollegen in der Heimat empfangen?

Bei mir da war das ja so, dass ich seit 1974 Sportamtsleiter in Landshut war, und so musste ich den Empfang der Landshuter und praktisch auch meinen eigenen organisieren. Empfang im Rathaus, Autokorso durch die Stadt, es war gigantisch. Und in den Kaufhäusern waren die Schlittschuhe ausverkauft und die Eishockeyschläger auch. Leider waren die Verbandsoberen damals nicht in der Lage, den sich abzeichnenden Boom auszunutzen. Mit dem Franz Reindl, der 76 ja als ganz junger Spieler dabei war, hat man jetzt einen an der Verbandsspitze, der sich auskennt. Ich hoffe, dass es dem Franz zusammen mit der DEL gelingt, was draus zu machen, dass sie den Schwung mitnehmen für den Eishockeysport in Deutschland.

Sie sind 2000 als Stürmer ins All-Star-Team des Jahrhunderts gewählt worden. Aber wissen Sie eigentlich, dass Sie mit einer Szene aus dem olympischen Spiel 1976 gegen Finnland vier Jahre später auf einer Briefmarke in Paraguay verewigt wurden? Paraguay!

Ja, selbstverständlich! Ich bin im Moment gerade bei mir oben im Haus, ich habe da eine eigene Hall of Fame, vor mir sind ungefähr fuffzig Bilder und auch zwei Briefmarken. Auf einer bin ich mit Schweizern in unserem 76er-Spiel zu sehen, die haben sie in Deutschland vor der WM 1983 herausgebracht. Auf der anderen bin ich zu sehen im 76er-Spiel gegen Finnland, diese Briefmarke wurde zu Olympia 1980 in Lake Placid aufgelegt – jawohl, in Paraguay, eine Riesengeschichte.

Und was macht Alois Schloder im Alltag, wenn er nicht gerade Interviews gibt?

Ich bin ein Lexikon geworden! Der EV Landshut wird im April 70, ich habe eine Vereinschronik erstellt und jetzt die gesamte Geschichte im Kopf. 896 Seiten, über 1600 Bilder, 3000 Bücher Gesamtauflage, 2400 Exemplare sind schon verkauft. Der Erlös von über 100 000 Euro kommt dem Verein und seinem Nachwuchs zugute.

Und zur körperlichen Ertüchtigung gibt’s dann Spaziergänge mit der Frau?

Spaziergänge mit meiner Frau? Das eher weniger. Vier Tage die Woche, immer um 16 Uhr, gehe ich Richtung Eisstadion und zur Isar, mache eine Stunde Sport. Wissen’s, so kann man auch im fortgeschrittenen Alter die Arztbesuche reduzieren.

Fragen: Ralf Mittmann

Zur Person

Alois Schloder kam am 11. August 1947 in Landshut zur Welt, wo er bis heute lebt. Er spielte ab 1963 23 Jahre nur für den EV Landshut in der Bundesliga (1085 Spiele, 631 Tore). In 206 Länderspielen erzielte Schloder 87 Treffer. Höhepunkt seiner sportlichen Karriere war der Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck. Das kleine Bild oben zeigt Schloder (l.) auf einer Briefmarke von Paraguay. (sk)