Das Heck leicht verloren, bis es nicht mehr zu halten ist. Der Versuch, in die Gänge zu kommen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Wohlgemerkt: Sebastian Vettel spricht über sein Auto, nicht über sich und seine Aussichten bei Ferrari. Die Italiener feiern sich und Charles Leclerc, der zum zweiten Mal in einer Woche das schafft, was dem Heppenheimer seit einem Jahr nicht mehr gelungen ist: ein Triumph in Rot.

Leclerc wird gelobt

Dem Monegassen huldigt die „Gazetta dello Sport“ als „siegreichen Prinzen“, der „Corriere“ behauptet, dass sogar Senna stolz gewesen wäre auf den „ebenso Zarten wie Unerbittlichen“. Schöne Formel-1-Poesie, im Kontrast zur Bitterkeit für den viermaligen Weltmeister, der auf Rang 13 ins Ziel trudelte, bestraft durch einen frühen eigenen Fahrfehler und die Rennkommissare. Auf der Party in Rot wirkt er wie ein Aussenseiter. Vettel hat sich gedreht – dreht sich jetzt alles?

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Als sich die Dämmerung über das Autodromo Nazionale legt und es zu nieseln beginnt, bittet Ferrari zu einer kleinen Sprechstunde. Sebastian Vettel ist pünktlich da, sein Kollege und Gegenspieler noch nicht. Dafür wird mehrmals die Siegertrophäe an dem Deutschen vorbeigetragen, das muss den erklärten Pokalfetischisten besonders schmerzen. Dann kommt Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, der plötzlich wieder fester im Sattel sitzt, und ein paar Minuten später Leclerc, tatsächlich mit der Aura des Prinzen. Lässigkeit? Kaltschnäuzigkeit? Berechnung? Vermutlich von allem etwas.

Kampf um den Machtwechsel

Der 21-Jährige tritt auf wie er fährt, der von ihm abgedrängte Lewis Hamilton bekam das schon mit aller Härte zu spüren. Leclerc sucht nicht seine Chance, er erzwingt sie notfalls auch. Spa und Monza mögen der Beginn einer Wachablösung bei der Scuderia gewesen sein, aber um diesen Machtwechsel wird es noch einen Kampf geben.

Leclerc düpierte Vettel in der Qualifikation

Sebastian Vettel, WM-Fünfter, sitzt mit der Regenjacke und hochgezogenem Kragen da; Leclerc, kurz vor Platz drei in der Gesamtwertung, im Polohemd. Besser lassen sich die klimatischen Unterschiede nicht ausdrücken. Dazwischen Binotto, der sowieso immer auf heiter macht. Weniger das Rennergebnis sorgt für die Differenzen, es ist das, was samstags passiert war, als Leclerc zum siebten Mal in Folge Vettel in der Qualifikation düpiert hatte. Im Chaos auf der Strecke verweigerte er samstags im zweiten Anlauf Vettel den Windschatten. So holte er die Pole-Position, Vettel stand als Vierter bloß in der zweiten Startreihe.

„Was in den letzten Tagen passiert ist, werden wir drei miteinander intern diskutieren“, beschwichtigt Binotto, „Sebastian hat aber schon selbst gesagt, dass wir diese Episode hinter uns lassen und nach vorne blicken sollten.“ Was soll er auch sonst sagen? Vettel verzieht das Gesicht, legt den Finger auf die Lippen, es muss brodeln in ihm. Aber Ausreden sucht er keine.

Die Fehler häufen sich

Doch, doch, er liebe noch immer, was er tue, beteuert der Hesse. Aber: „Wenn Du es nicht gut machst, kannst Du auch nicht glücklich sein. Vor allem, wenn Du weißt, dass Du es besser kannst.“ Die Dreher und die Unpässlichkeiten häufen sich, was das Leben am Limit immer so mit sich bringt. Doch während der andere den Lauf hat, verfolgt Vettel ein Fluch.

Vettel droht eine Sperre

Neun schwere Patzer in den letzten 27 Rennen hat die „BBC“ errechnet, das ist eine harte Quote. Dazu so viele Strafpunkte, dass ihm beim nächsten Vergehen eine Sperre droht. Schon wird gedichtet, dass Leclerc Vettel in Rente schicke. Das ist sicher zu früh, aber Sebastian Vettel muss sich die Frage stellen, wie er sich aus dem Teufelskreis befreit, denn Monza war der neuerliche Beweis, dass er mit diesem SF 90 H nicht zurechtkommt. „Er hat ein paar Fehler gemacht, aber so ist Monza“, beschwichtigt Binotto, der jetzt die Nummer-Eins-Regel überdenken muss, die zugunsten von Vettel galt. Spontan hat er sich zu der Order so geäußert: „Nein, das wird nichts ändern. Wer immer gewinnen kann, der soll gewinnen.“ Das ist interpretierbar.

Der Druck auf Vettel wird größer

Leclerc und die Öffentlichkeit bauen Druck auf, so viel ist klar. Der Ferrari-Debütant geht weit, manchmal zu weit. Aber das ist eine Tugend von Ausnahmepiloten, sie polarisieren immer. Etwas, das Vettel fremd ist, zumindest außerhalb der Rennstrecke. Ausgerechnet von Toto Wolff, dem Mercedes-Teamchef, kommt jener wärmende Beistand, den Vettel im frostigen Ambiente der Scuderia gerade vermisst: „Ich würde ihn nicht abschreiben, schließlich ist er ein vierfacher Champion. Und der Unterschied zwischen den guten und den großen Rennfahrern ist, dass die großen sich wieder aufraffen können. Ich habe keinen Zweifel, dass Sebastian das kann.“ So viel dürfte klar sein: In seinem fünften Ferrari-Jahr macht es sich der Tedesco in der Scuderia selbst nicht einfach, aber dem anderen wird er es auch nicht so einfach machen.

Dem 32-Jährigen sagt schon der Rennfahrerinstinkt, was in dem Generationenduell für ihn auf dem Spiel steht. Vielleicht braucht es nicht mehr als einen großen Sieg. Aber das ist momentan schon ganz schön viel.