Sebastian Vettel ist in den Urlaub verschwunden. Vielleicht ein bisschen angeln will er. Nichts Aufregendes. Mehr Erholung und Ruhe als ausschweifende Abenteuer nach Teil eins der Formel-1-Saison. Der ganz dicke Fisch soll ihm ohnehin erst am Ende des Jahres ins Netz gehen. Erstmals will der 31-Jährige mit Ferrari Weltmeister werden. Das ist sein Traum. Und trotz Rückstands gegen den Mercedes-Piloten Lewis Hamilton ist das möglich. Vettel hat derzeit den schnellsten Dienstwagen im Formel-1-Feld. Ferrari hat durch ein Motorenupdate ein paar Extra-PS gefunden. Die Konkurrenz rätselt über die Rechtmäßigkeit des neuen Motors, die technischen Delegierten aber haben nichts auszusetzen. Also kann Vettel davon profitieren. Tut er aber nicht in dem Ausmaß, wie er es selbst gerne hätte.

Starkes Auto, starker Fahrer – diese Kombination sollte Lewis Hamilton eigentlich mächtig zusetzen. Das hatte der Brite im Mercedes auch befürchtet, nun aber überraschend die beiden letzten Rennen vor der Sommerpause am Hockenheimring und in Budapest gewonnen. Hamilton ist wieder obenauf, und das ist kein gutes Zeichen für die Konkurrenz. Der 33-Jährige strahlt viel Zuversicht und Selbstvertrauen aus. Läuft es bei ihm nicht, neigt er zum Grübeln. Fährt er vorneweg, geht vieles einfacher.

Nun gibt es Statistiken, die Vettel Mut machen. Zum Beispiel hat ein Ungarn-Sieger letztmals 2004 auch den WM-Titel gewonnen. Oder Vettels eigener Vorsprung vor einem Jahr zur Saisonhalbzeit, den Hamilton noch scheinbar mühelos zu seinen Gunsten veränderte. Noch ist also nichts verloren. „Wir wissen, dass das Auto noch Ausbaupotenzial hat und schneller werden kann. Deshalb mache ich mir keine Sorgen“, versichert Vettel. „Ich bin zuversichtlich, dass wir mit dem, was an unserem Auto noch kommt, eine Schippe draufpacken können. Dann sollten wir auch in der zweiten Saisonhälfte viel Spaß haben.“

Spaß hatte er in der ersten Saisonhälfte nicht immer. Auch aus eigener Schuld. Beim Rennen in Baku wählt Ferrari die falsche Strategie. Vettel will retten, was zu retten ist, verbremst sich aber und rutscht von der Strecke. Am Ende steht nur Rang vier. In Le Castellet fährt er übermütig beim Start in den Mercedes von Valtteri Bottas, am Ende wird er nur Fünfter. Auf dem Hockenheimring verbremst sich Vettel souverän in Führung liegend im Regen und fährt in einen Reifenstapel. Das Rennen ist für ihn vorzeitig beendet, Lewis Hamilton gewinnt. Doch Vettel leidet auch unter den Fehlern anderer. In China wird er nur Achter, nachdem Max Verstappen sein Auto demoliert hatte. Und in Barcelona sowie Spielberg funktionieren Kommunikation und Strategie bei Ferrari nicht reibungslos. In Österreich versäumt das Ferrari-Team in der Qualifikation, Vettel vor einem von hinten kommenden Rivalen zu warnen. Weil er Carlos Sainz jr. auf seiner schnellen Runde behindert, wird er beim Start um drei Plätze strafversetzt, was nicht mehr als Rang drei am Ende zulässt. In Spanien muss er wegen zu hohen Reifenverschleißes gleich zweimal an die Box, mehr als Platz vier ist so nicht möglich. Vettels Problem: Ging bei ihm etwas schief, war Hamilton gnadenlos zur Stelle. Auf der anderen Seite konnte der Ferrari-Pilot die Probleme seines Konkurrenten nicht in diesem Ausmaß nutzen.

Hamilton jedenfalls ist es nicht bange. „In der zweiten Hälfte läuft es für uns für gewöhnlich ein bisschen besser“, sagt er kurz vor dem Urlaub. Das darf durchaus als Warnung verstanden werden. Vettel wird sie gehört haben, Angst wird sie ihm nicht machen. Er kennt seine Stärken und weiß um das Tempo seines Dienstwagens.