Sonntagmittag in der Helios-Arena: Die zehnjährigen Eishockey-Talente aus Deutschland und der Schweiz kämpfen zwei Tage lang beim Kleinstschülerturnier des Schwenninger ERC um den Siegerpokal. 340 Talente aus 16 Vereinen nutzen die Bühne, um sich zu präsentieren. Im Finale schlägt der EHC Kloten den Nachwuchs aus Frankfurt mit 3:2. Anastasia Zerr hüpft das Herz vor Freude. „So viele Mannschaften hatten wir noch nie. Wir mussten sogar etlichen Klubs absagen, weil unsere Kapazität nicht reichte“, sagt die Turnierleiterin.

Die Schwenninger können sich deutschlandweit vor Anfragen für ihr Turnier kaum retten und bei den Eisbären Berlin melden sich vor einem halben Jahr innerhalb einer Woche 20 Kinder an, just in jenen Tagen, als die deutsche Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang für Furore sorgt und eine ganze Nation in Ekstase versetzt. Mehr als drei Millionen Zuschauer huschen am 25. Februar um fünf Uhr in der Früh aus dem Bett, um das Finale gegen Russland am Bildschirm mitzuerleben.

Beim Kleinstschülerturnier in Schwenningen waren 16 Vereine dabei, natürlich auch ein Team des Gastgebers (blaues Trikot).
Beim Kleinstschülerturnier in Schwenningen waren 16 Vereine dabei, natürlich auch ein Team des Gastgebers (blaues Trikot). | Bild: Roger Müller

Silber in Südkorea: Was hat dieser sensationelle Erfolg dem deutschen Eishockey gebracht? Hat er geholfen, beim schnellsten Mannschaftssport der Welt in Deutschland einen Boom auszulösen? Oder ist die damalige Begeisterung wirkungslos verpufft? „Das Thema Eishockey steckt bei den Leuten immer noch in den Köpfen. Mittlerweile interessiert sich ein breiteres Publikum für den Sport. Die Grundstimmung ist sehr positiv. Im Nachwuchs verzeichnen wir Zuwächse. Vor allem bei den Bambini haben wir deutlich mehr Anmeldungen“, sagt Gernot Tripcke, Geschäftsführer der Deutschen Eishockey Liga. Für ihn ist der schnellste Mannschaftssport der Welt hinter Fußball hierzulande klar die Nummer zwei.

Auch Tino Boos schaut sich das Kleinstschüler-Turnier am Neckarursprung an. „Wenn ich die Jungs spielen sehe, kriege ich Gänsehaut“, sagt der 43-jährige Düsseldorfer. Dem ehemaligen Nationalspieler, der 100 Länderspiele auf dem Buckel hat, liegt der Nachwuchs am Herzen. Kein Wunder, ist er doch für die Spielerentwicklung in der Deutschen Eishockey Liga zuständig. Boos will dafür sorgen, dass künftig mehr junge deutsche Spieler in der Top-Liga vertreten sind. „Die Frage lautet: Was können wir tun, damit unsere Talente in der DEL eine Chance kriegen? Das wäre gut für die Nationalmannschaft.“ Eine der Antworten liegt in dem sogenannten Fünf-Sterne-Programm. Bei diesem Projekt müssen alle 52 Vereine der drei höchsten deutschen Spielklassen bei ihrer Nachwuchsarbeit bestimmte Anforderungen erfüllen. Wer alle Vorgaben umsetzt, erhält fünf Sterne und einen finanziellen Bonus. Wer ein bestimmtes Level nicht erreicht, wird zur Kasse gebeten.

„Bei uns steht Eishockey klar im Schatten des Fußballs."

Die Schwenninger Wild Wings kommen gemeinsam mit ihrem Stammverein, dem SERC, in den Genuss von fünf Sternen, leisten also optimale Jugendarbeit. Aktuell jagen etwa 240 Nachwuchsspieler dem Puck hinterher. Von einem Boom, den die Silbermedaille in Pyeongchang ausgelöst haben könnte, spüren sie jedoch nichts. „Wir haben in den vergangenen Monaten sogar Kinder verloren“, sagt Stefan Kurth, stellvertretender Jugendleiter beim SERC. Er weiß, warum viele Klubs vor allem im ländlichen Raum nicht von dem Olympia-Boom profitieren. „Bei uns steht Eishockey klar im Schatten des Fußballs. Das liegt am hohen finanziellen und zeitlichen Aufwand, den die Kinder und Eltern leisten müssen.“ Ein Starterset für Eishockey-Anfänger kostet 200 Euro, ein paar Kickschuhe rund ein Fünftel. Der Bolzplatz liegt oft nur fünf Minuten vom Haus entfernt, die nächste Eishalle mitunter viele Kilometer.

Kurth glaubt, dass die Verantwortlichen des deutschen Eishockeys nach dem Gewinn von Olympia-Silber eine große Chance vertan hätten. „Städte wie Berlin, München oder Köln hatten etliche Nationalspieler in Südkorea. Diese Klubs konnten nach der Silbermedaille Aktionen mit ihren Silberhelden starten. Von den Wild Wings aber stand keiner in der Olympia-Auswahl. Wir hatten keine Chance, den Effekt zu nutzen und einen Star hautnah zu präsentieren. Der Deutsche Eishockey Bund hätte seine Aushängeschilder zu den kleineren Klubs schicken und die Werbetrommel stärker rühren müssen.“

Es geht um den Namen und den Ruf

Bei den Schwenninger Profis ist von der erhofften Eishockey-Welle ebenfalls noch kein Tropfen rübergeschwappt. „Einen Boom an Zuschauern und Sponsoren haben wir nicht registriert“, sagt Oliver Bauer, Sprecher der Wild Wings. Die Zahl der verkauften Dauerkarten sei lediglich um 28 auf 1558 gestiegen. Bauer: „Auch die Zahl der Sponsoren hat sich wegen der Silbermedaille nicht erhöht. Die Fans und Sponsoren kommen nicht wegen der Silbermedaille zu uns, sondern weil wir in der Region einen guten Namen haben.“

Mit der Einführung von Auf- und Abstieg zwischen DEL und DEL2 ab der Saison 20/21 erhofft sich Gernot Tripcke einen weiteren Schub für seinen Sport. „Mit diesem Schritt wollen wir gleichzeitig die Basis verbreitern und mehr Eishockey-Standorte mitziehen. Aktuell haben wir 16 bis 18 DEL-taugliche Standorte. 28 bis 30 wären wünschenswert. Nun strengen sich die Klubs mehr an, um die Kriterien für die DEL zu erfüllen.“ Aber auch der DEL-Geschäftsführer weiß, dass die Vereine nur begrenzte Strahlkraft haben. „Die Popularität des Eishockeys beruht vor allem auf dem Erfolg der Nationalmannschaft.“ Die Auswahl bestimmt die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und nicht die DEL mit ihren 14 Klubs.

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Die Auswahl glänzt aber nur, wenn sie Erfolg hat. Hier gilt es anzusetzen. Tripcke: „Nehmen wir die U20-Nationalmannschaft: In Tschechien sind alle Spieler dieser Altersklasse in der 1. Liga aktiv. Bei uns kommt vielleicht einer aus der DEL. Unsere U20-Auswahl soll sich in absehbarer Zeit ausschließlich aus DEL-Spielern rekrutieren. Das ist unser Ziel.“ Um diesem Vorhaben nachzuhelfen, soll bis zur Saison 2023/24 die Zahl der Feldspieler, die älter als 23 Jahre sind, auf dem Spielberichtsbogen schrittweise von derzeit 19 auf 16 gesenkt werden. „Damit wollen wir Druck aufbauen und den Talenten eine sportliche Perspektive bieten“, sagt der gelernte Jurist.

Gelingt dies, könnte der zweite Platz von Pyeongchang nicht nur eine Sternschnuppe sein, die rasch wieder verglüht, sondern weitere Glanzlichter hervorbringt. Vielleicht standen beim Kleinstschülerturnier in Schwenningen auch einige Olympia-Sieger von morgen auf dem Eis, Kinder, die das Silber irgendwann vergolden.

So gingen andere Sportarten mit einem Boom um – nicht immer mit Erfolg

Boris Becker, Steffi Graf, Michael Schumacher, Jan Ullrich und die deutschen Handball-Weltmeister: Einen Boom durch große Heldengeschichten wie zuletzt durch den Olympia-Erfolg beim Eishockey hat in der Vergangenheit so manche Sportart erlebt. Auf den Hype folgte oft wieder der Abschwung:

  • Formel 1: Michael Schumachers (49) Weg zur PS-Ikone, intensiv begleitet vom RTL-Fernsehen, löste in der Autofahrer-Nation einen Formel-1-Boom aus. Wenn „Schumi“ im Ferrari vorneweg fuhr, saßen oft weit mehr als zehn Millionen Deutsche vor den Bildschirmen. Kartbahnen erhielten Zulauf, Kinder nahmen sich den Kerpener zum Vorbild. Über einige Jahre hinweg stellte Deutschland die größte Fraktion im Formel-1-Fahrerlager. Das Interesse ist inzwischen abgeflaut. Die TV-Quoten haben sich trotz der WM-Titel von Sebastian Vettel (30) und Nico Rosberg (32) halbiert. Auch die Zahl deutscher Talente ist gesunken. Immerhin macht Mick Schumacher mittlerweile große Hoffnung auf einen Aufstieg in die Königsklasse.
Michael Schumacher.
Michael Schumacher. | Bild: Harry Melchert (dpa)
  • Handball: Das „Wintermärchen“ 2007 ist vielen Handball-Fans noch im Gedächtnis: Mit dem Gewinn des WM-Titels im eigenen Land löste das Team von Bundestrainer Heiner Brand (65) einen Boom aus. In den Jahren danach flachte die Euphorie etwas ab. Sportliche Erfolge blieben aus. Einige große Turniere waren nicht mal im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen. Dann kam 2016 der sensationelle EM-Titel in Polen – knapp 13 Millionen sahen den Finalsieg in der ARD. Von solchen Zahlen träumt der Handballbund auch mit Blick auf die Heim-WM im kommenden Januar. Noch ist auch hier die TV-Situation nicht geklärt.
  • Radsport: Als Jan Ullrich (44) ins Gelbe Trikot des Führenden der Gesamtwertung gedüst war, wurde Deutschland 1997 über Nacht zur Radsport-Nation. Bis zu zehn Millionen Zuschauer verfolgten die Etappen der Tour de France vor dem Fernseher. ARD und ZDF berichteten teilweise schon morgens von den Kletterpartien in den Alpen und verzeichneten hervorragende Quoten. Wie bei einer enttäuschten Liebe schlug der Hype um Ullrich aber auch in die andere Richtung aus, als das Doping-Ausmaß im Radsport immer deutlicher wurde. ARD und ZDF stiegen aus der Berichterstattung aus, deutsche Rennen verschwanden von der Bildfläche. Sponsoren stellten ihr Engagement ein. Erst in den letzten vier, fünf Jahren konnte der Radsport durch eine starke und glaubhafte Generation mit Fahrern wie Tony Martin (33), Marcel Kittel (29) und John Degenkolb (29) wieder Sympathien zurückgewinnen. Ullrich steht nach wie vor in den Schlagzeilen – mittlerweile allerdings ausschließlich wegen seiner Eskapaden.
  • Tennis: Mit rund 1,4 Millionen Mitgliedern ist der DTB zwar noch immer der größte Tennisverband der Welt. Aber von den Zahlen in den Boris-Becker- und Steffi-Graf-Jahren ist er weit entfernt. In den 1980er- und 1990er-Jahren erlebte der Sport in Deutschland seine Blütezeit. 1994 zählte der DTB fast 2,3 Millionen Mitglieder. Zu Beginn des Jahrtausends ging es mit der Aufmerksamkeit rapide bergab. Zwar sorgten Sabine Lisicki (28) mit dem Einzug ins Wimbledon-Endspiel 2013, Angelique Kerber (30) mit ihren Grand-Slam-Siegen und Alexander Zverev (21) als Nummer drei der Weltrangliste in jüngerer Zeit wieder für erfreuliche Schlagzeilen. „Ein Boom wie in den 80er und 90er-Jahren lässt sich aber sicherlich nicht mehr wiederholen“, sagt der frühere DTB-Präsident Claus Stauder (80/1985 bis 1999). Das liegt auch daran, dass die Fans mit den derzeitigen Spielern nicht mehr so fiebern wie noch mit einem Boris Becker und einer Steffi Graf. Deutschland versammelte sich 1985 vor dem Fernseher, als der Leimener in Wimbledon gewann.(dpa)
Boris Becker.
Boris Becker. | Bild: Wolfgang Eilmes (dpa)