Auf einen Camembert lässt sich wunderbar mit schwarzer Lebensmittelfarbe das Muster eines Fußballs zeichnen – die kreative Verkaufsidee eines Käseladens in Paris. Ein Bäcker im westfranzösischen Bonchamp bestreicht seine Baguettes in den Farben der Trikolore, blau-weiß-rot. Auch französische Schokoladenhersteller und Konditoren lassen sich derzeit zu thematisch passenden Kreationen hinreißen, um ihre Begeisterung über das Erreichen der „Bleus“ des WM-Finales am Sonntag auszudrücken – und jene ihrer Kunden für sich zu nutzen. Seit dem 1:0-Sieg der französischen Nationalelf gegen die belgische Mannschaft am Dienstagabend herrscht Feierstimmung im ganzen Land. Frankreich-Fahnen wehen an Balkonen und aus Autofenstern, Flaggen und Fan-Schals finden guten Absatz.

Nachdem die „Équipe Tricolore“ bereits bei der in Frankreich ausgetragenen Europameisterschaft vor zwei Jahren das Finale erreicht und das junge Team von Trainer Didier Deschamps auch bei den ersten Matches überwiegend überzeugt hatte, galt Frankreich schon zu Beginn dieser WM als Favorit. Mit jedem Sieg wuchs der Enthusiasmus im Land, bis er am Dienstag eine Art verfrühten Höhepunkt fand: Die halbe Nacht düsten Autos laut hupend durch die Straßen und es gingen in Frankreich eigentlich verbotene Knallkörper in die Luft. Um das Pariser Rathaus, wo das Spiel auf einer riesigen Leinwand vor 20 000 Fans übertragen wurde, herrschte Verkehrschaos. Die Stimmung weckt nostalgische Erinnerungen an das legendäre Jahr 1998, als die französische Nationalelf im eigenen Land den WM-Titel holte. Der Sieg wurde nicht nur aus sportlicher Sicht gefeiert, sondern auch gesellschaftlich-politisch interpretiert: Eine Mannschaft aus Schwarzen, Weißen und Arabern – „black, blanc, beur“– schien zu beweisen, dass das französische Integrationsmodell funktionieren und das multikulturelle Zusammenspiel erfolgreich sein konnte. Wie der algerischstämmige Zinédine Zidane oder Lilian Thuram aus dem französischen Überseegebiet Guadeloupe erhalten auch heute Männer wie Samuel Umtiti, Kylian Mbappé und Paul Pogba den Status von Nationalhelden, welche es durch ihre dunkle Hautfarbe in einem anderen Kontext nicht unbedingt leicht hätten.

Ausgerechnet sie versöhnen so manchen Unterstützer mit dem Sport nach einigen schwierigen Jahren, in denen den französischen Fußballern der Ruf anhing, überbezahlte Lümmel zu sein. Bei der WM in Südafrika 2010 sorgte der Trainings-Boykott einiger Kicker und das verfrühte Ausscheiden für Entsetzen; auch Skandale um Spieler wie Franck Ribéry, der eine Affäre mit einer minderjährigen Prostituierten hatte, oder Karim Benzema, dem der Erpressungsversuch eines Kollegen vorgeworfen wurde, sorgten für Negativ-Schlagzeilen.

Die Mitglieder der heutigen Mannschaft hingegen erhalten ausreichend Kommunikationstraining, um bei Interviews Fehltritte zu vermeiden; sie geben sich auch nach ihrer bisherigen Siegesserie bescheiden. Und galt der frühere Trainer Raymond Domenech zeitweise als „meistgehasster Mann Frankreichs“, so hat sein Nachfolger Deschamps gute Chancen auf Rekord-Beliebtheitswerte, sollte seine Mannschaft die nun sehr hohen Erwartungen erfüllen.

Durch den allgemeinen Stimmungsaufschwung könnte dann auch Präsident Emmanuel Macron, ein erklärter Fußball-Fan, auf bessere Umfragen hoffen. Er saß bereits am Dienstag im Publikum in Sankt-Petersburg und wird auch am Sonntag mit dabei sein. Fußball-Triumphe, so scheint es, sind ebenso gut fürs Geschäft wie für die Politik.