Herr Leki, haben Sie die Telefonnummer vom Manager des FC Arsenal?

(lacht) Ja, die habe ich natürlich, na klar. Aber wir rufen da im Moment nicht an.

Dürfen wir davon ausgehen, dass mit Arsenal Kontakt bestand? Der Club soll ja Interesse an Caglar Söyüncü haben.

Nein, es gab keine Gespräche.

Also können Sie den SC-Fans, die den Verteidiger in ihr Herz geschlossen haben, mitteilen, dass Söyüncü bleibt?

Er ist voll motiviert ins Training eingestiegen, hat sich dann aber einen Muskelfaserriss zugezogen. Er fällt etwa drei Wochen aus. Dass Söyüncü in Freiburg sehr beliebt ist, ist kein Geheimnis, dass er die eine oder andere Ambition geäußert hat, weiß auch jeder. Wir sind sehr gelassen und schauen, was passiert.

Na ja, Sie sind der Herr des Geldes…

… auch.

Oliver Leki im Gespräch mit Ralf Mittmann (rechts). | Bild: Patrick Seeger

Hat man da zwei Gedanken? Der eine sagt, Söyüncü ist ein Spieler, der mit Herzblut kickt und den Fans gefällt – er muss bleiben! Der andere sagt, Söyüncü ist angesichts der Summen, die bezahlt werden, eine Chance für den Verein, viel Geld zu machen – verkaufen! Wie bewältigen Sie diesen Spagat?

Sie haben recht, es ist ein Spagat, vor dem wir oft stehen. Einerseits schauen wir ja auf Qualität, weil wir unseren Kader weiterentwickeln wollen. Es ist ein Grundprinzip unserer Arbeit, den SC Freiburg immer besser machen zu wollen, auch mit einer guten Transferpolitik. Da ist es zunächst einmal nicht sehr hilfreich, wenn wir – wie in der Vergangenheit immer wieder passiert – viele gute Spieler abgeben müssen. Ich glaube aber, dass wir in den letzten Jahren eine gute Balance gefunden haben.

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Wir konnten auch Leistungsträger halten, etwa mit den Vertragsverlängerungen mit Nils Petersen und Christian Günter. Das sind zwei Aushängeschilder des Sportclubs, es war sehr wichtig, dass sie bei uns bleiben. Weil das auch ein Zeichen an die bestehende Mannschaft darstellt und eines für Neuverpflichtungen: Dass Spieler sehen, hier entwickelt sich etwas weiter, hier hat man auch mit bescheideneren Mitteln als anderswo das klare Ziel, sportlich erfolgreich zu sein. Ja, und dann ist es eben auch wahr, dass es zum Geschäft und unserem Selbstverständnis dazugehört, auch mal einen Spieler zu verkaufen – um Transfererlöse zu erwirtschaften, die dann wieder in den Kader investiert werden können.

Grifo und Philipp waren solch prominente Abgänge, die viel Geld in die Kasse gespült haben. Darf man Ihre Aussage zu Petersen und Günter auch so verstehen, dass man Transfererlöse nicht nur für Neuverpflichtungen nutzt, sondern auch dazu, Leistungsträgern zu vermitteln, bleibt bei uns, wir honorieren das.

Beides. Wir haben auch letztes Jahr ordentlich in neue Spieler investiert. Da hat sicher nicht jede Verpflichtung wie gewünscht funktioniert, aber das kommt immer mal wieder vor. In der Summe finde ich, dass wir eine sehr gute Transferquote haben. Das ist der eine Punkt, der andere ist, dass wir, wenn man so will, auch in die bestehenden Spieler ein Stück weit investiert haben – mit neuen Verträgen, auch als eine Art der Wertschätzung. Insofern zu Ihrer Frage: Ja, stimmt.

Ist die Zeit der Saisonvorbereitung für Sie die stressigste des Jahres?

Die beiden Transferphasen benötigen immer besondere Energie und sie sind teilweise von einer gewissen Hektik geprägt. Diesmal ist es uns sehr früh gelungen, Verpflichtungen auch zu realisieren, das hat natürlich gleich eine gewisse Ruhe reingebracht. Das gelingt aber nicht jedes Mal, im vergangenen Sommer war das anders.

Ist das Geschäft schwieriger geworden?

Die Transfermärkte haben sich dramatisch verändert, es ist wahnsinnig viel Geld hineingeflossen – auch in Deutschland durch den neuen Fernsehvertrag, in England ist das ja schon etwas länger der Fall. Wir haben Märkte, wie etwa China, wo Geld überhaupt keine Rolle zu spielen scheint. Das sind internationale Zusammenhänge, die man nicht isoliert betrachten kann, die wirken sich auch auf die deutsche Bundesliga aus. Auch wir in Freiburg können uns dem nicht völlig entziehen und müssen vor allem darauf achten, in diesem Spiel eine gute Balance zu halten. Eines ist klar, wir werden keine unvernünftigen Dinge machen, nur um sagen zu können, dass wir agiert haben. Das wäre ein schlechtes Management.

222 Millionen Euro Ablöse für einen Neymar, bei Jungstar Mbappé wären bis zu 300 Millionen Ablöse denkbar – was sagen Sie denn zu diesen Summen?

Absurd, völlig absurd, ob nun 100 Millionen oder 200 Millionen. Das ist doch den Menschen nicht mehr zu vermitteln, dass solche Beträge angeblich gerechtfertigt sind. Mit regulären Marktmechanismen hat das auch nichts mehr zu tun, diese Summen funktionieren in der Spitze nur deshalb, weil sehr viel externes Geld im Markt ist.

Die Europäische Fußballunion hat das Financial Fairplay eingeführt. Hat es versagt?

Zunächst mal ist es gut und richtig, dass es eingeführt wurde. Aber es hat immer noch Schwächen, die im nächsten Schritt verbessert werden müssen. Ich nehme es der Uefa auch ab, dass sie das tun will. Und es führt auch kein Weg daran vorbei.

In Deutschland gibt es Versuche, die 50+1-Regel abzuschaffen. Die garantiert, dass die Vereine noch Kontrolle haben über ihre Finanzen. Christian Streich hat gesagt, sie sichere dem Profifußball den letzten Rest Glaubwürdigkeit. Wie sehen Sie das?

Wir sind aus voller Überzeugung für den Erhalt dieser wichtigen Regel. Ich möchte es mir nicht vorstellen, dass wir Verhältnisse wie in anderen Ländern bekommen. Es lohnt sich, für den Erhalt der Regel zu kämpfen. Man muss aber auch schaffen, die Rechtssicherheit zu erhöhen. Die aktuelle Diskussion um Martin Kind (Präsident von Hannover 96, der für seinen Verein die 50+1-Regel ausgesetzt haben will; die Red.) ist bekannt, er hat keine Ausnahmeregelung bekommen und will nun vor einem ordentlichen Gericht klagen. Dann wird man sehen, wie solide die Regelung ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass es richtig ist, sie zu erhalten und sie an den Punkten, wo sie möglicherweise vor dem Hintergrund europäischer Regeln Schwächen hat, zu verbessern und stabiler zu machen. Die Deutsche Fußball Liga muss sich dringend intensiv damit beschäftigen.

Der SC Freiburg hat mit Heintz, Waldschmidt und Gondorf Spieler verpflichtet, die schon in der Bundesliga gezeigt haben, dass sie da mitspielen können. Wo besteht noch Handlungsbedarf?

Ich glaube, dass wir uns mit den Verpflichtungen weiterentwickelt haben. Wir könnten so in die neue Saison gehen. Es ist aber möglich, dass wir auf dem Transfermarkt noch mal aktiv werden. Aber wir tun nur dann etwas, wenn wir wirklich total überzeugt sind, dass es richtig ist.

Anderes Thema: Der Gemeinderat hat in Sachen Stadionneubau gerade grünes Licht gegeben für den Bebauungsplan. Wann geht’s los mit den Bauarbeiten?

Ich bin froh, dass auch die letzte politische Hürde genommen wurde. Wir hoffen und gehen derzeit davon aus, dass das Regierungspräsidium die Baugenehmigung im Oktober erteilen wird.

Es könnte aber noch Klagen von privater Seite geben. Ist der Sportclub weiter im Austausch mit potenziellen Gegnern?

Wir haben den Austausch immer versucht, aufrechtzuerhalten, um auch die Gegner von dem Projekt zu überzeugen und Bedenken ernst zu nehmen, Aber wir sind nicht so naiv, als dass wir das von Ihnen angesprochene Szenario nicht im Hinterkopf hätten. Ja, wir gehen von Klagen aus. Aber noch ein grundsätzlicher Satz dazu: Ich respektiere natürlich jeden demokratischen Prozess, aber ich denke schon auch, dass es für diejenigen, die insbesondere seit dem Bürgerentscheid gegen den Stadionbau gekämpft haben, an der Zeit wäre, eine hochdemokratische Entscheidung einmal anzuerkennen.

Wie ist der Zeitplan?

Die Debatte um die Spiegelvariante (Flugschulbetreiber Udo Harter hatte vorgeschlagen, das Stadion auf der anderen Seite des Flugplatzes zu bauen, also gespiegelt zum ausgesuchten Standort; die Red.) hat uns sicherlich ein paar Monate Zeit gekostet. Aber wir gehen immer noch davon aus, dass wir mit Beginn der Saison 2020/21 im neuen Stadion spielen können. Dafür müssen wir aber Ende des Jahres mit den Bauarbeiten beginnen, dann ist der Zeitplan zu halten.

Gibt es ein Detail, das Ihnen am geplanten Stadion ganz besonders gefällt?

Was mir unglaublich gut gefällt, ist diese kantige, enge Form. Genau so stelle ich mir ein Fußballstadion vor. Man wird es in Freiburg ja von allen Seiten und weit hin sehen können. Von daher war es richtig, auch in Form und Gestaltung zu investieren. Natürlich sind für uns als Verein Funktionalität, gute Vermarktbarkeit und Trainingsmöglichkeiten von großer Bedeutung. Diese Dinge sind ebenfalls gut erfüllt.

Es sieht im Modell toll aus, aber das Stadion muss vor allem Geld generieren?

Wir haben uns in den letzten Jahren sportlich wie auch wirtschaftlich gut entwickelt. Das neue Stadion gibt uns die Möglichkeit, wettbewerbsfähig zu bleiben. Es geht erst einmal darum, unsere Position abzusichern. Es wird ja nicht so sein, dass wir vom unteren Drittel der finanziellen Möglichkeiten mit dem neuen Stadion plötzlich ins obere Drittel wandern. Aber mit der Möglichkeit, 10 000 Zuschauer mehr im Schnitt zu haben, und mit deutlich besseren Vermarktungsmöglichkeiten können wir uns besser im Wettbewerb positionieren und mutig nach vorne schauen.

Die Nachfrage von potenziellen Werbekunden ist da?

Wir haben schon heute eine gute Vermarktungssituation und pflegen mit vielen Sponsoren eine lange und gute Zusammenarbeit. Wir merken aber schon eine gewisse Dynamik in unserem Kernmarkt, die sicher auch etwas mit dem neuen Stadion zu tun hat und die wir auch unbedingt brauchen.

Was ist unter Kernmarkt zu verstehen und welche Unternehmen interessieren sich eine Zusmamenarbeit mit dem Sportclub?

Ich definiere unseren Heimatmarkt so etwa 200 Kilometer um Freiburg herum. Dazu gehören also auch die gesamte Bodensee-Region sowie die Grenzregionen in der Schweiz und in Frankreich. Es sind viele sehr gut etablierte mittelständische Unternehmen schon seit Jahren als Sponsoren dabei und es kommen auch immer neue dazu. Wir müssen versuchen, so die maximale Unterstützung für den Verein zu bekommen. Denn klar ist: Wir werden nie zwei oder drei große Unternehmen als Partner haben, die uns gigantische Summen zur Verfügung stellen, wir müssen viele an Bord haben, um erfolgreich zu sein. Deshalb versuchen wir, Unternehmen die bisher noch keine Partner sind, vom SC, von den Möglichkeiten, die ein Sponsoring bietet, und von der gemeinsamen Sache zu überzeugen. Das ist so ein bisschen die Parallele zu dem, was auf dem Platz passiert, wir sind auch da nur im Kollektiv stark.

Eine starke Gemeinschaft hat etwas Besonderes, im Idealfall Bereicherndes: Man hat mit vielen Menschen zu tun.

Es existiert eine sehr starke Verwurzelung des Vereins, aber es ist schon noch Potenzial da. Und ich sage das in aller Deutlichkeit: Wir müssen als Verein weiter wachsen, das ist alternativlos. Wir können uns der Kommerzialisierung ja nicht völlig entziehen. Das wäre doch heuchlerisch, wenn ich das jetzt sagen würde. Aber ich glaube, es gibt einen Weg, dabei die eigene Identität und die damit verbundenen Werte trotzdem nicht zu verlieren, nicht beliebig zu werden, dem besonderen Wesen, das diesen Verein ausmacht, treu zu bleiben.

Der Videobeweis war vergangene Saison kein Freund, man musste gar einen Elfmeter in der Halbzeitpause hinnehmen, es geschahen Dinge, die man sich nie hätte vorstellen können. Gibt es einen Wunsch für die neue Spielzeit?

Ein Wunsch? (lacht) Eine ruhige Saison im gesicherten Mittelfeld wäre schon nicht schlecht.

Fragen: Ralf Mittmann