Er ist ziemlich viel in der Welt herumgekommen, er war ein Publikumsliebling in Dresden und Tirol, aber seine Arbeit folgt den Regeln vergangener Zeiten in der Sowjetunion. Stanislaw Tschertschessows Grundidee sei Disziplin, sagt sein Vorgänger Leonid Sluzki, der mit seiner Vorstellung vom schnellen Offensivfußball westeuropäischer Prägung zwar mit ZSKA Moskau drei Meistertitel holte, aber in der Nationalmannschaft gnadenlos scheiterte. Bei der Europameisterschaft in Frankreich fuhren die Russen nach der Vorrunde chancenlos zurück in die Heimat.

Sluzki verlor erwartungsgemäß seinen Job, Tschertschessow folgte. Tanzten die Stars, von denen der russische Fußball nach wie vor nicht wenige besitzt, dem Trainer doch vorwiegend auf der Nase herum. Nicht mit Tschertschessow. Wer es sich mit dem ehemaligen Torwart einmal verdirbt, hat kaum noch Chancen unter diesem Nationaltrainer. Als Tschertschessow 2007 von Wacker Innsbruck zu Spartak Moskau zurückkehrte, überwarf er sich mit fast allen Stammspielern. Mangels Disziplin konnte er mit denen nicht. Als er danach Trainer bei Dynamo Moskau wurde, zerstritt er sich mit Mittelfeldspieler Igor Denissow, der unter Tschertschessow auch keine Zukunft in der Nationalmannschaft mehr hatte.

Kritiker sagen, er sei nachtragend, Leute, die viel von ihm halten, sagen, er sei ein Trainer mit Prinzipien. In Russland gefällt das vielen, auch wenn Staatspräsident Wladimir Putin zuletzt die wenig überzeugenden Leistungen in der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft kritisierte. Die Nationalmannschaft der Russischen Föderation ist von alten Glanzzeiten weit entfernt, und wenn die Mannschaft, die am morgigen Eröffnungstag der Weltmeisterschaft auf die Vertretung Saudi-Arabiens trifft (17.00 Uhr/ARD), die Vorrunde nicht übersteht, sollten die Tage von Tschertschessow gezählt sein.

Ihn schert das nicht. Der Mann geht seinen Weg. Das hat er immer getan. Aus der Fußballschule von Ordschonikidse kam er zu Spartak und stand dort in der Reserve im Tor. Mit seinem unbändigen Ehrgeiz kämpfte er sich ins Rampenlicht, wurde Publikumsliebling und Nationaltorhüter. Nie hat sich Tschertschessow von Irgendjemandem etwas sagen lassen. 1993 wechselte er zu Dynamo Dresden. Er faszinierte seine Fans. In Dresden war er nur der „Stan“, später in beim FC Tirol unter Trainer Joachim Löw der „Schtani“. Der FC Tirol gewann drei Meisterschaften hintereinander, auch durch Tschertschessow, was nichts daran änderte, dass Löw ihn schon einmal zu den Amateuren verbannte. Was wiederum auch nichts daran änderte, dass Tschertschessow ein Bewunderer von Löw ist. Das merkt man, wenn die beiden zusammen treffen. Herzlicher geht es kaum.

Mit Spartak hat er einmal den SSC Neapel mit Diego Maradona aus dem Europapokal geworfen, auch im Estadio Bernabéu schon gegen Real Madrid gewonnen und es bis ins Halbfinale geschafft. Der Mann weiß, wie Fußball geht, obwohl Torleute doch eigentlich nie gute Trainer werden, sagt man. Aber was heißt das schon? Alexej Lebedew ist ein russischer Fußballexperte, und der sagt: „Ihm fehlt das diplomatische Geschick, um mit Spielerpersönlichkeiten umzugehen.“ Komplizierte Charaktere sind nicht seine Welt. Tschertschessow ist einer, der am liebsten mit Mannschaften arbeitet, in denen es keine Stars gibt. Mit Legia Warschau wurde er polnischer Meister 2016, danach Nationaltrainer Russlands. Und jetzt geht es im Luschniki-Stadion gegen Saudi-Arabien, die Mannschaft, die zuletzt in Leverkusen gegen den Weltmeister nur 1:2 verlor.

Aber wenn es um die Weltmeisterschaft geht, wird der ansonsten eher gesprächige russische Trainer, der perfekt deutsch spricht, eher wortkarg. Kein Wort zu den Aussichten der Mannschaft. Keine Auskunft über taktische Marschrouten. Dabei kann es doch nur besser werden. Nach dem Zerfall der UdSSR nimmt Russland zum vierten Mal an der Endrunde teil, doch weder 1994 noch 2002 oder 2014 erreichte die „Sbornaja“ das Achtelfinale. „Wir sollten das achten, was wir haben, und es verbessern“, sagt der Trainer. Er steht vor einer Herkulesaufgabe, und er weiß das. „Analyse, Analyse, mehr arbeiten, weniger reden“, sagt Tschertschessow.