Fußball ist wichtig in Russland, Eishockey ist wichtiger. In den Siebziger- und Achtzigerjahren waren die Duelle Tschechoslowakei gegen die Sowjetunion die emotionalsten Spiele der WM-Turniere. Da ging es nicht nur um Sport, sondern stets auch um Politik, seit die Sowjets 1968 mit Panzern den „Prager Frühling“ niedergewalzt hatten.

1972, 1976 und 1977 holte die CSSR WM-Gold, danach waren die Sowjets nahezu unbesiegbar: WM-Titel 1979, 1981, 1982 und 1983. Die große rote Maschine war das stärkste Eishockey-Nationalteam der Nachkriegszeit – unglaublich der Block mit Fetisow, Kasatanow, Makarow, Larionow und Krutow.

WM 1985 in Prag. Die ersten vier der Vorrunde kommen in die Finalrunde und beginnen da wieder bei null. In ihrem letzten Vorrundenspiel kassieren die Gastgeber ein 1:5 gegen die UdSSR, das Land steht unter Schock. Und nun muss das Team der CSSR nur zwei Tage später zum Auftakt der Finalrunde wieder gegen den russischen Bären aufs Eis. Heimische Pressevertreter zweifeln an den Fähigkeiten von Nationaltrainer Ludek Bukac. Der reagiert auf seine Weise, lädt sie zu einem Abendessen ein, ich darf als Gast dabei sein.

Bei deftiger Kost und starken Getränken erzählt Bukac eine wundersame Geschichte. Das 1:5 sei willkommen gewesen, weil man im Vorfeld zur Einschätzung gekommen sei, man könne die UdSSR keinesfalls zweimal besiegen – und dann lieber im zweiten Match! Kannte man das nicht aus dem Fußball? An Sepp Herberger selig sei erinnert, der 1954 in der Vorrunde mit der zweiten Garnitur 3:8 gegen Ungarn verlor und später im Endspiel in Bestbesetzung mit dem 3:2-Triumph das „Wunder von Bern“ schaffte.

Es sei ein Vorteil, sagt Bukac, dass man gleich im ersten Spiel wieder die Sowjets habe. Die würden die Verlierer unterschätzen – und er seine Reihen umstellen. Bukac redet nicht wie ein Gedemütigter, sondern voller Zuversicht, er prognostiziert den Sieg. Was ich da noch nicht wusste: Lange vorher hatten an der Sporthochschule Prag kluge Köpfe unter Leitung von Bukac an taktischen Geheimplänen getüftelt, um die rote Maschine zu stoppen – wie Generäle, die sich über Kartentische beugen, um einen Feldzugsplan auszuarbeiten. Und für sie war es auch ein Feldzug.

Es ging darum, das „tödliche“ Passspiel der Sowjets zu unterbrechen und durch schnelle Gegenstöße die Entscheidung herbeizuführen. 2:0 nach zwei Dritteln, dann eine Abwehrschlacht und der 2:1-Sieg der CSSR. 11 000 Menschen in der alten Fucik-Halle, heute nur noch Aufwärmareal, singen mit Tränen in den Augen die Hymne. Erst das melancholische tschechoslowakische „Kde domov muj – wo ist mein Heim? Mein Vaterland?“ Dann das feurige slowakische „Wenn Blitz und Donner die hohe Tatra schlägt.“ Ein grandioses Spektakel.

Die CSSR wird Weltmeister. Auf den Straßen Prags aber traut sich niemand zu feiern, denn noch immer sind sowjetische Panzer in der Stadt. Sechs Jahre danach zerfällt die UdSSR, deren Soldaten ziehen ab. Ludek Bukac übernimmt wenig später die deutsche Nationalmannschaft und wird mit ihr Sechster bei Olympia 1992 in Albertville.

 

Der Autor dieses Textes Ralf Mittmann.