„Wenn ich mir den Emanuel Buchmann so anschaue, weiß ich nicht wirklich, wo der Lenker aufhört und die Arme anfangen“. Zugegeben, der Eindruck eines Fans bei der Tour über die Ärmchen von „Emu“ Buchmann ist ein wenig krass, aber die Tendenz stimmt schon.

Dünn ist immer mehr chic oder anders gesagt: Wer am Ende nach drei Wochen Tour de France vorne mit dabei sein will, muss ganz offensichtlich streng auf sein Gewicht achten. Das wird spätestens am Donnerstag sichtbar, wenn sich der Tour in den Vogesen die erste Bergetappe mit gleich vier schweren Anstiegen der ersten Kategorie in den Weg stellt. Spätestens beim bis zu 20 Prozent steilen Schlussanstieg nach La Planche des Belles Filles wird es eine schlanke Spitze geben.

Ein Kilo mehr kostet am Berg sechs Watt

Hinter dem immer größer werdenden Trend zu immer niedrigeren Gewicht stehen nüchterne Zahlen. Ein Kilo mehr kostet am Berg sechs Watt. Anders gesagt, wer ein Kilo schwerer ist als sein Gegner, braucht in den Anstiegen konstant sechs Watt mehr Leistung, um das gleiche Tempo zu fahren.

Das ist auf Dauer ein Wort. Früher war man skeptisch, Leichtgewichte hätte zu wenig Reserven für ein drei Wochen langes Rennen, sie seien zudem anfälliger für Infekte und hätte beim Zeitfahren zu wenig schiere Kraft, um in der Ebene konstant um die 50 Stundenkilometer und mehr zu treten.

Die ersten beiden Punkte gelten heute nicht mehr, der Nachteil im Zeitfahren gegen schwerere Athleten ist zwar nach wie vor Fakt, aber offenbar weniger gewichtig wie der erhoffte Vorteil am Berg. Und so werden sich die Favoriten präsentieren: Allen voran zwei Profis aus dem britischen Team Ineos, das bis zum Mai noch Sky hieß und seit Jahren die Tour dominiert.

Emanuel Buchmann aus Deutschland vom Team Bora-hansgrohe.
Emanuel Buchmann aus Deutschland vom Team Bora-hansgrohe. | Bild: Valentin Flauraud/dpa

Gestatten, Geraint Thomas, Sieger von 2018. Der Mann aus Cardiff ist mit 70 Kilo bei 1,83 Meter Größe mit Abstand der Schwerste unter den Favoriten. Sein Mannschaftskamerad und Geheimfavorit Egan Bernal ist acht Zentimeter kleiner als der Waliser und stolze zehn Kilo leichter. Das heißt, Thomas muss 60 Watt mehr leisten, um mit dem Kolumbianer, der vor Kurzem die Tour de Suisse gewonnen hat, am Berg mitfahren zu können. Wattsparender als der Waliser kommen auch andere die Berge hoch, die sich Ambitionen im Gesamtklassement machen.

Das Gewicht der Spitzenfahrer

Der Franzose Romain Bardet (1,84 Meter, 65 Kilo), Nairo Quintana aus Kolumbien (1,67 Meter, 58 Kilo), der Däne Jakob Fuglsang (1,82 Meter, 65 Kilo) oder „Mister Thin“ Adam Yates (1,73 Meter, 58 Kilo) brauchen alle am Berg weniger Energie bei gleicher Geschwindigkeit als der Titelverteidiger. Das gilt auch für den aktuellen Mann in Gelb, Julian Alaphilippe (1,73 Meter, 62 Kilo), und die deutsche Hoffnung Emanuel Buchmann, der bei einer Größe von 1,81 Meter nur 60 Kilo auf die Waage bringt. Der Ravensburger sieht so dünn aus, dass bei seinem Anblick Beschützerinstinkte wach werden und man ihm gerne was Deftiges zu essen geben würde.

Egan Bernal bringt es ebenfalls lediglich auf 60 Kilogramm Körpergewicht.
Egan Bernal bringt es ebenfalls lediglich auf 60 Kilogramm Körpergewicht. | Bild: ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/AFP

Aber sind die superdünnen Radprofis dann auch wirklich schneller als Geraint Thomas, der mit seinen 70 Kilo leicht, aber nicht superleicht ist? Muss nicht unbedingt sein, vor einem Jahr war er sogar der Beste in den Rampen, aber auch zwei Kilo leichter. Grundsätzlich gilt aber auch, dass eben jene sechs Watt Nachteil auch der Wert sind, den man als Spitzenathlet pro Kilo Körpergewicht abrufen kann.

Allerdings als Maximalleistung. Alles darüber halten Sportwissenschaftler ohne Doping für ausgeschlossen. Die 6,6 Watt pro Kilo Körpergewicht, die einst bei Lance Armstrong gemessen wurden, gelten als „nur für Mutanten möglich“, wie der französische Experte Antoine Vayer behauptet. Mit sechs Watt Leistung pro Kilo könnte Geraint Thomas also auch mit den Leichten mitfahren. Es scheint aber so zu sein, dass es mit jedem Kilo weniger ein bisschen einfacher wird, am Anschlag zu fahren.

Vogesen werden das Feld selektieren

Besonders über lange Zeit, bei Hitze und am Berg. Deshalb geht der Trend immer mehr zu wenig Gewicht. Und deshalb werden heute hinauf die Dünnen den Dicken davonfahren. Auch weil der Anstieg am Ende mit bis zu 20 Prozent extrem steil ist. Die Vogesen werden also eine erste Selektion bringen. Und zeigen, wie dünn man sein muss, um am Ende ein dickes Ergebnis in Paris zu haben.