Herr Kittel, der Höhepunkt der Saison, die Tour de France, rückt langsam näher. Sie beginnt am 7. Juli. Wie geht es Ihnen, wie ist die Form?

Ich fühle mich sehr gut, ich bin seit Anfang Juni aus dem Höhentraining in Colorado zurück, das war zusammen mit der Kalifornien-Rundfahrt noch einmal ein richtiger Block, um an der Form zu arbeiten. Der Start in diese Saison war zwar durchwachsen und nicht ganz so erfolgreich wie sonst, aber ich fühle mich auf dem richtigen Weg. Ich hätte natürlich gerne ein paar Rennen mehr gewonnen, aber ich denke nicht, dass ich viel liegengelassen habe.

Sie fahren seit dieser Saison für die Mannschaft Katjuscha Alpecin. Haben sich Ihre Erwartungen in den Wechsel erfüllt, sie kamen immerhin von Quickstepp, nicht zuletzt dank Ihnen dem erfolgreichsten Team der Welt?

Es ist natürlich nicht einfach, in der kurzen Zeit schon perfekte Arbeit zu machen, für mich verging die Zeit nach dem Wechsel wie im Flug. Wir arbeiten hart an einem perfekten Sprintzug, aber da gibt es schon noch Defizite, das wissen wir. Rick Zabel, Nils Politt und Tony Martin sind super engagiert und wichtig, aber der Ausfall von Marco Haller nach seinem schweren Trainingsunfall ist für die Tour de France natürlich ein Nachteil.

Sie werden wie in den vergangenen Jahren bei Quickstep der Chef Ihres Teams bei der Tour de France sein. Spüren sie da vor ihrem Tour-Debüt für die Schweizer Druck?

Zunächst einmal mag ich das Wort Chef nicht so gerne. Aber es stimmt – ich bin nicht zuletzt mit dem Ziel gewechselt, hier bei Katjuscha einen starken Sprintzug mit aufzubauen. Wir haben natürlich noch Arbeit vor uns, um uns als Mannschaft zu finden, aber der Weg stimmt. Und wir haben ja auch viele junge Fahrer, die schon sehr gut sind, die aber auch noch besser werden können. Auch dabei will ich helfen.

Das heißt die Erwartungen dieses Jahr sind nicht so hoch?

Nein, die Jungs sind stark und auch taktisch clever, aber man kann nicht ernsthaft mit dem Ziel fünf Etappensiege in eine Tour gehen. Zunächst einmal ist wie immer ein Etappensieg mein Ziel, je früher, desto besser.

Gleich die erste Etappe der Tour dürfte mit einer Sprintankunft enden. Und da es 2018 keinen Prolog gibt, wird der Etappensieger in der Vendée auch ins Gelbe Trikot schlüpfen. Ein lohnendes Ziel?

Ist es tatsächlich. Ich habe mir die letzten zehn Kilometer nach Fontenay schon angesehen, da geht es oft links, rechts, links, rechts und am Ende wird es wellig. Es wird auf jeden Fall ein sehr herausforderndes Finale werden, zumal der Sprint leicht bergauf geht. Aber es ist machbar und es ist natürlich ein Ziel für uns.

Seit den fünf Erfolgen 2018 sind sie in punkto Etappensiege Deutschlands erfolgreichster Profi in der Tourgeschichte. Was hat sich für sie verändert, vor allem in Sachen Popularität?

Ich tue mich ein wenig schwer mit Popularität, ich muss nicht unbedingt berühmt werden. Aber ich werde natürlich jetzt schon öfter erkannt und angesprochen, aber das ist schon ok.

Mit was entspannen Sie sich eigentlich vor so wichtigen Rennen wie etwa der Tour?

Zum Beispiel mit Lesen.

Ihr Lieblingsbuch?

Eines ist „Das Café am Rande der Welt“. In dem Buch findet ein gestresster Typ zu sich selbst und erkennt, dass man versuchen sollte ab und zu über den Tellerand zu schauen und sich zu überprüfen, ob man eigentlich glücklich ist mit dem, was man tut. Mir hat das Buch 2015 geholfen, als ich lange krank war und mich mein Team nicht für die Tour nominiert hat, obwohl ich wieder auf dem Weg nach oben war. Ich musste damals vieles ändern und das Buch hat mit dabei ein wenig geholfen.

Jetzt sind sie ein Star der Tour, ein anderer ist Chris Froome, der vierfache Gesamtsieger. Der fährt allerdings seit Dezember trotz eines immer noch nicht erklärten drastisch überhöhten Werts eines ihm per Attest gestatten Mittels von der Dopingliste munter weiter Rennen. Finden Sie das in Ordnung?

Es ist keine schöne Situation für den Sport insgesamt. Das Problem liegt am Anti-Doping-Regelwerk, dass Sportlern, die bei der betreffenden Substanz erlaubte Grenzwerte überschreiten, weiterhin eine Teilnahme am Wettkampf ermöglicht und Ihnen zusätzlich und ohne jegliche Frist die Möglichkeit gibt, sich zu erklären, wie es zur Überschreitung des Grenzwertes gekommen ist. Genau das ist bei Chris Froome passiert und diese Phase der Abklärung zieht sich jetzt ewig, weil sein Team an dieser Stelle auch alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpft. Dieses Zeitspiel stößt vielen Leuten übel auf und ich finde es auch nicht in Ordnung. Eine, nennen wir es Schutzsperre, und Fristen würden hier schon sehr viel helfen.

Chris Froome sollte also bei der Tour nicht starten?

Das ist schwierig zu beantworten: Das Reglement ermöglicht es ihm und seinem Team und das wird genutzt. Hier sollte man nicht vergessen, dass sich Team Sky von Beginn an der Transparenz und dem sauberen Sport verschrieben hatte und hier die Chance da gewesen wäre, für diese Werte auch einzutreten und bis zur Klärung mit einem Start von Chris zu warten. Haben sie aber nicht und Chris fährt weiter Rennen, weil es das Reglement eben zulässt. Wie man das findet, sollte jeder für sich bewerten.