Mit einem Plastikball im heimischen Garten fing alles an. Blau war die Grundfarbe des Balles, unterbrochen von ein paar braunen, grünen und gelben Flecken, von denen das Kleinkind auf dem Familienbild nicht wusste, was diese bedeuten sollen.

Im Nachhinein aber passt es ganz gut zur Karriere von Oliver Kahn, dass er damals in Karlsruhe mit einem Plastikball spielte, der den Globus darstellte. Und wie der ehemalige Torwart findet, fügt es sich ebenso gut ins Bild seines Lebens, dass er den kleinen Erdball nicht zuerst mit dem Fuß berührte, sondern diesen in die Hände nahm.

Eine weltweit beachtete Karriere

Heute feiert Kahn seinen 50. Geburtstag, und er kann dabei auf eine weltweit beachtete Karriere als Torwart zurückblicken, die sich auch lange nach dem Spielen mit der Plastikkugel noch nicht absehen ließ. Wie bei jenem anderen schönen Zeitdokument vom 27. November 1987, in dem er als 18 Jahre alter Abiturient mit blonder Mähne ein paar Sätze in eine Fernsehkamera spricht. „Es ist net so, dass ich jetzt hier irgendwie schlaflose Nächte hätt‘“, sagt der Teenager Kahn dabei in breitem Badisch, „natürlich ist Nervosität da. Aber die Nervosität – ich bin sicher, wenn der Anpfiff erfolgt ist, verspüre ich keine Nervosität mehr.“

Debüt geht mit 0:4 daneben

Nach dem Spiel wird der damalige Amateur-Fußballer auf eine 0:4-Niederlage mit dem Karlsruher SC beim 1. FC Köln blicken und dabei für seine Verhältnisse erstaunlich gelassen wirken. „Wenn man vier Tore kriegt, na gut, kann man eigentlich net zufrieden sein“, sagt er, „aber es war für ein Debüt eigentlich einigermaßen.“ Danach dauerte es noch drei Jahre, bis Kahn zur dauerhaften Nummer eins beim KSC aufstieg.

Geduld ist gefragt

Es war Geduld für den Durchbruch gefragt, der ihn mit seinem Wechsel 1994 zum FC Bayern für die damalige Bundesliga-Rekordablöse eines Torwarts (4,6 Millionen Mark) in neue Dimensionen führte. Acht Mal wurde Kahn bis zu seinem Karriereende 2008 dort Meister, zudem sechs Mal DFB-Pokal-Sieger und als Höhepunkt 2001 Gewinner der Champions League, als er im Finale gegen den FC Valencia drei Elfmeter parierte.

Drei Mal wurde er als Welttorhüter ausgezeichnet, bei der WM 2002 in Japan und Südkorea gar als bis heute einziger Torwart zum besten Spieler gekürt. Der Boulevard erhob ihn zu King Kahn und zum Torwart-Titan, auch ohne maßgebliches Mitwirken an einem großen Titel mit der DFB-Auswahl. Den Gewinn des EM-Titels 1996 erlebte er als Reservist der Nationalmannschaft, für die er zwischen 1993 und 2006 86 Spiele bestritt.

Oliver Kahn hat auch schwierige Tage erlebt. Das WM-Finale 2002 fand an einem solchen statt. Kahn hat bis dahin ein überragendes Turnier gespielt, aber ausgerechnet gegen Brasilien patzt er.
Oliver Kahn hat auch schwierige Tage erlebt. Das WM-Finale 2002 fand an einem solchen statt. Kahn hat bis dahin ein überragendes Turnier gespielt, aber ausgerechnet gegen Brasilien patzt er. | Bild: Oliver Berg, dpa

Wenn Kahn nun seinen 50. Geburtstag feiert, wird auch und vor allem an seinen einzigartigen Ehrgeiz erinnert, ohne den er kaum zum gefürchteten Ballfänger geworden wäre. Im Ligagedächtnis geblieben sind dabei auch seine Ausbrüche. Wie seine Annäherung im April 1999 an den Hals von Borussia Dortmunds Stürmer Heiko Herrlich, gefolgt nur Minuten später von seiner Kung-Fu-Einlage gegen Stéphane Chapuisat. Als „Höhepunkt meiner Aggressionen, die sich je in mir entladen haben“, sollte er diese Aktionen später einstufen und sich selbst mit einem „wilden Tier“ vergleichen.

Beim 2:2 gegen Borussia Dortmund am 3. April 1999 setzt Oliver Kahn zu einer Kung-Fu-Attacke gegen Stéphane Chapuisat an.
Beim 2:2 gegen Borussia Dortmund am 3. April 1999 setzt Oliver Kahn zu einer Kung-Fu-Attacke gegen Stéphane Chapuisat an. | Bild: imago sportfotodienst

Ähnlich legendär waren seine markanten Aussagen vor laufenden Kameras. „Eier, wir brauchen Eier“, sagte er 2003 nach einer 0:2-Niederlage beim FC Schalke. Zwei Jahre zuvor, bei der Last-Minute-Meisterschaft in Hamburg samt entrücktem Eckfahnenjubel, wurde sein Lebensspruch „Weiter, immer weiter“ zum Markenzeichen. Auch deshalb, weil ihn heftige Rückschläge zusätzlich anstachelten. Wie 1999, als er durch zwei Gegentore in der Nachspielzeit die „Mutter aller Niederlagen“ im Finale der Champions League gegen Manchester United erlebte (1:2).

Kahn wird zum souveränen Experten

Auch in seiner zweiten Karriere im ZDF seit 2008 und als Geschäftsmann für Torwart-Förderprogramme trieb ihn sein Ehrgeiz an. Nach anfänglicher Kritik gelang ihm die Wandlung vom verbissenen Profi zum souveränen Experten. So gibt er sich nun auch in Bezug auf seine dritte Karriere. Vom 1. Januar 2020 an soll er im Vorstand des FC Bayern eingearbeitet werden, um sukzessive AG-Chef Karl-Heinz Rummenigge abzulösen, der sich Ende 2021 verabschieden wird. „Ich glaube, dass er ein guter Nachfolger sein wird“, sagte Rummenigge über Kahn, der nun „gelassener“ sei. Nach einer Eingewöhnungszeit könne dieser „das Schiff Bayern München erfolgreich als Kapitän steuern“. Das Vorgehen konkret abstimmen wollen sie nach dem Urlaub.

Die schwierigste Aufgabe wartet noch

Rummenigges designierter Nachfolger gab sich dieser Tage zurückhaltend. Noch sei „nichts spruchreif“, sagte er, aber die Gespräche seien schon „sehr weit entwickelt“. Für Kahns Werdegang scheint mittlerweile „Höher, immer höher“ zu gelten. Damit verbunden ist allerdings seine Ahnung, dass ihm die schwierigste Aufgabe wohl noch bevorsteht – als Lenker des FC Bayern, spätestens nach dem Abschied von Präsident Uli Hoeneß.