Sie können feiern, die Russen. Ausgelassen, emotional, lange. Sie konnten das bereits vor dieser Fußball-Weltmeisterschaft, allerdings stets im Privaten. Die WM spülte diese Feierfreude hinaus auf die Straße, in die Öffentlichkeit, ließ sie auf all die Lateinamerikaner, Europäer, Afrikaner, Asiaten treffen und zeigte dadurch das, was die Welt nicht erwartet hatte, was die Russen selbst nicht erwartet hatten: ein vermeintlich neues russisches Gesicht. Nicht das mürrische, das graue. Es zeigte sich zugänglich und aufgeschlossen.

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Die Fußball-WM ist für Russland zu einem Sommermärchen geworden. So wie die Deutschen vor zwölf Jahren ihre Liebe zur eigenen Nation entdeckten und sie freudig feiernd zur Schau trugen, so entdeckten die Russen die Leichtigkeit samt der Liebe zu ihrer Nationalmannschaft und zum Fußball. Vor allem aber zerstörten all die Bilder fröhlich tanzender WM-Gäste die Illusion eines von Feinden umgebenen Russland.

Die Fußball-Anhänger aus Peru machten mit Tröten auf sich aufmerksam.
Die Fußball-Anhänger aus Peru machten mit Tröten auf sich aufmerksam. | Bild: Adrian Dennis (afp)

Die Russen, zumindest die, die diese Stimmung der Unbekümmertheit in Moskau, St. Petersburg, Saransk, Kaliningrad oder auch Nischni Nowgorod erlebten, begriffen, dass die Welt ihnen wohlgesonnener ist als das das Staatsfernsehen jeden Tag in ihre Köpfe zu pressen versucht. Aber schon im Südwesten Moskaus, unweit des weitläufigen Troparjowo-Waldparks, war das Party-Russland fern. Keine Fifa-Fahne entlang der Wege, kein Hupen und kein Tanzen mit den Lateinamerikanern. 20 Autominuten von hier steht das Luschniki-Stadion, es wären gerade einmal vier Metrostationen. Die WM war hier genau so weit entfernt wie sie es an der russisch-kasachischen Grenze war, sie fand vor allem im Fernsehen statt und lieferte vielen Russen eine Realität, so fern von ihrer eigenen.

Mit traditionellem Kopfschmuck ging diese Russin ins Stadion.
Mit traditionellem Kopfschmuck ging diese Russin ins Stadion. | Bild: JUAN MABROMATA

Schon die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi, das Prestige-Projekt des russischen Präsidenten Wladimir Putin, sollten Russland in ein positives Licht rücken. Geglückt ist das nicht – zu hohe Kosten, das systematische Doping der Russen, die darauf folgende Krim-Annexion. Die WM war von Anfang an anders: In einem Land, das eher dem Eishockey huldigt, hatte niemand Erfolge der als desolat erscheinenden Fußball-Nationalmannschaft erwartet. Die Sbornaja aber überraschte alle, und plötzlich durfte öffentlich gefeiert werden. Der Fußball ließ die Russen den positiven Schock erleben, der sie für eine kurze Zeit miteinander verband. Sie spürten, dass diese Zeit bald wieder beendet sein könnte. Also probten sie relativ zurückhaltend den Ungehorsam.

Auf einem Bild vereint: Wladimir Putin, steht zusammen mit Lothar Matthäus, Gianni Infantino, FIFA Präsident, Jorge Campos Navarrete, ehemaliger Nationalspieler von Brasilien, und Nikita Simonyan, Erster Vizepräsident der Russischen Fußballunion, für ein Foto zusammen, nachdem Putin ein Fußball-Trikot überreicht bekommen hat.
Auf einem Bild vereint: Wladimir Putin, steht zusammen mit Lothar Matthäus, Gianni Infantino, FIFA Präsident, Jorge Campos Navarrete, ehemaliger Nationalspieler von Brasilien, und Nikita Simonyan, Erster Vizepräsident der Russischen Fußballunion, für ein Foto zusammen, nachdem Putin ein Fußball-Trikot überreicht bekommen hat. | Bild: Alexei Druzhinin (dpa)

Fifa-Chef Gianni Infantino übertraf mit seiner überschwänglichen Schwärmerei selbst die früheren Hymnen seines Vorgängers Joseph Blatter. Breit grinsend sprach Infantino dem WM-Gastgeber das größtmögliche Lob aus. „Es war die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“, urteilt der Chef des Weltverbands.

Nach der WM beginnt wieder der Alltag

Nach der Fasnet aber beginnt das Fasten. Daran erinnern Russlands Mächtige auch während der WM. Die freundlich lächelnden Polizisten führten ernst blickend Menschenrechtler aus der Feiermenge, wenn diese Plakate mit politischen Botschaften ausrollten. Die russische Justiz sperrte zum Spielstart Juri Dmitrijew ein, den prominenten Erforscher des Stalin-Terrors. Sie ließ auch den ukrainischen Regisseur Oleg Senzow nicht frei, der nach einem hanebüchenen Urteil für 20 Jahre eingesperrt ist und seit zwei Monaten hungert. Die Regierung erhöhte das Rentenalter und setzte darauf, dass der Unmut darüber im Jubel über die Tore untergeht.

Lieferte die WM die Hoffnung auf ein anderes Russland? Das tat sie. Doch diese Hoffnung ist ein hübsches Trugbild.