Sotogrande, Andalusien. Sonne, Wärme, ja. Faulenzen, nein. Eine Woche lang bereiteten sich die Fußballer des SC Freiburg in Spanien auf die Rückrunde der Bundesliga vor. Intensives Training mit klaren Schwerpunkten: Taktik, Spieleröffnung, Zweikämpfe – und vor allem Standards. Das war harte Arbeit, der Schweiß floss.

Nicolas Höfler wäre zu gerne dabei gewesen, hätte freiwillig Sonderschichten geschoben, wenn es nur möglich gewesen wäre. Stattdessen Freiburg, Breisgau, Folterkammer. So nennen Sportler gerne die Räume, in denen sie nach Verletzungen schuften müssen, um wieder beweglich zu werden und möglichst bald wieder in Form zu kommen. Die Schweißtropfen waren das einzige, was Höfler in den ersten Januartagen mit seinen Kollegen gemein hatte.

Statt Jubeltag nur Tiefschläge

Rückblende: Am 10. November 2018 erlebt Nicolas Höfler im Spiel gegen Mainz 05 einen Tiefschlag nach dem anderen. Einen Flugkopfball pariert der Mainzer Torwart Zentner. Einen zweiten Flugkopfball setzt der Freiburger Mittelfeldlenker neben das Tor. Dann verliert er am eigenen Strafraum den Ball, was die Rheinhessen zum entscheidenden 3:1 nutzen.

Und schließlich räumt ihn auch noch Gegenspieler Karim Onisiwo so rücksichtslos ab, dass das Innenband im rechten Knie reißt. „Den zweiten Kopfball hätte ich reinmachen müssen, vor dem 1:3 hätte ich den Ball auf die Tribüne schlagen sollen, und dann noch die Verletzung“, sagt Nicolas Höfler, „das war echt ein gebrauchter Tag.“

Dabei hätte dieser 10. November eigentlich genug Anlass für ein Gläschen im Stadion und deren zwei zu Hause geboten: Es war Höflers 100. Bundesligaspiel und es war sein erster Hochzeitstag. Doch statt einen schönen Abend mit Gattin Carolin zu verbringen, musste der Unglücksrabe zur Untersuchung in die Klinik.

Abgehakt. Hadern bringt nichts und ist sowieso nicht die Art des Mannes, den sein Trainer Christian Streich mal einen „Krieger“ genannt hat. Nicolas Höfler muss da schmunzeln. „In Freiburg müssen doch alle Krieger sein“, sagt er – und meint damit auch den Trainer. An einem Bundesliga-Standort, wo Jahr für Jahr der Klassenerhalt das angestrebte Ziel ist, gehe das gar nicht anders.

„Da muss jeder alles geben, muss jeder fighten“, sagt Höfler. Er sitzt auf einem Hocker im Vorraum der Geschäftsstelle, rutscht dann und wann unruhig hin und her, macht zwischendurch immer wieder Rotationsbewegungen mit dem Oberkörper, ganz so, als ob die Reha auch während eines Gesprächstermins weitergehen muss, sanft wenigstens.

Die Sehnsucht nach dem Joggen

Direkt nach den Weihnachtsfeiertagen hat Nicolas Höfler die Krücken in die Ecke gestellt. Seine Tage beginnen morgens kurz vor 7.00 Uhr mit einer ersten Familieneinheit. Die Höflers haben vier Kinder, Tochter Lina (4), Sohn Lias (2) und die Zwillingsbuben Rian und Jona (1).

Da ist ständig Leben im neu erworbenen Eigenheim in Freiburg-Littenweiler, nur ein paar hundert Meter vom Schwarzwaldstadion entfernt. „Kinder fertig machen, in die Kita bringen, danach im Stadion Therapie mit den Physios, Radfahren auf dem Ergometer, Beinkrafttraining, Rumpftraining, Stabilitätsübungen, Dehnen, Rollen, Eisbecken“, so skizziert Höfler im Schnelldurchgang seinen momentanen Alltag. Der nächste Meilenstein auf dem Weg zurück zur Normalität wird das erste Laufen, das erste Joggen sein, „in drei bis vier Wochen ist das hoffentlich der Fall“.

Am 9. März wird Nicolas Höfler, den alle „Chicco“ rufen, 29 Jahre alt. Bis dahin, so sein vorläufiger Zeitplan, soll die Rückkehr ins Mannschaftstraining möglich sein. Dafür wird er sich schinden – und dem inneren Schweinehund trotzen? „Den habe ich noch nicht kennengelernt, bis jetzt habe ich alles gut hingekriegt“, sagt Höfler mit einem Lächeln im Gesicht, das dann doch ernsten Zügen Platz macht, „ich weiß schon, dass nun die Phase kommt, in der es mal zwickt und brennt, aber jede Reha bringt natürlich Schmerzen mit sich.“

Hier regt sich wieder der Krieger in ihm. „Die Saison ist für mich noch nicht gelaufen“, erklärt Höfler, „ein paar Spiele möchte ich schon noch absolvieren.“ Die letzte Partie der vergangenen Spielzeit taugt als Motivationshilfe. Da machte der Sportclub mit einem 2:0 gegen den FC Augsburg den Klassenerhalt endgültig perfekt und das 1:0 erzielte wer? Nicolas Chicco Höfler!

Streich und das Hosianna

Christian Streich wäre es recht, wenn Höfler noch zurückkäme. „Weil“, so der Trainer, „der Chicco ein sehr erfahrener Spieler und strategisch auf seiner Mittelfeldposition ungemein wichtig ist.“ Es ist ein Hoffen und Bangen. Er habe Höfler „nicht mehr auf der Liste“, wurde Streich zitiert, aber eben auch so: „Wenn er im April in der Verfassung wäre zu spielen, dann würde ich Hosianna rufen.“

Doch jetzt startet die Rückrunde erst mal ohne den Freiburger Mittelfeld-Dirigenten. Das Spiel am Samstag in Frankfurt wird sich Nicolas Höfler zuhause im Fernseher anschauen, da muss der geliebte Nachwuchs 90 Minuten hintenan stehen. „Die Eintracht ist Favorit“, sagt Höfler, „ich sehe aber durchaus gute Chancen, dass die Jungs da was holen.“ Die letzten vier Begegnungen in Frankfurt unterstützen diese Sicht der Dinge durchaus, sie brachten zwei Sportclub-Siege, ein Unentschieden und nur eine Niederlage (aus Freiburger Sicht 1:1, 2:1, 0:1, 4:1).

Lebensmittelpunkt Freiburg

Eine Woche später wird Nicolas Höfler dann von seinem Zuhause ins Schwarzwaldstadion laufen. Ohne Krücken und guter Dinge, dass es auch gegen Hoffenheim Zählbares gibt für den SC Freiburg. Denn dieser Verein ist sein Leben, seit er einst als 15-Jähriger aus Herdwangen mit dem Segen der Eltern zum Sportclub ging, für den er bis auf eine Leihstation in Aue stets die Kickschuhe schnürte und dies noch ein paar weitere Jahre tun möchte, ehe er vielleicht in die Jugendarbeit wechselt. Freiburg ist vom Lebensmittelpunkt des Fußballers zur Heimat der sechsköpfigen Familie Höfler geworden.

Das hat zur Folge, dass man den Chicco am Bodensee, wo der ältere Bruder für die Spielvereinigung F.A.L. kickt, und bei den Eltern in Herdwangen nur noch selten sieht. Aber das macht nichts, denn alle, die ihm lieb sind, „kommen eben oft nach Freiburg“. Er sagt’s, rutscht vom Hocker und grinst. „Ich habe den nächsten Termin.“ Ab in die Folterkammer.