Das Derby zwischen dem VfB Stuttgart und dem SC Freiburg hatte es mal wieder in sich. Die Südbadener waren lange Zeit das klar bessere Team, versäumten aber den frühen Vorsprung durch Haberer (4.) auszubauen. Dann glichen die Schwaben durch Insua (75.) aus, gingen durch Didavi (83.) sogar mit 2:1 in Führung und hatten den dringend notwendigen Dreier vor Augen, ehe Niederlechner mit seinem 2:2 (90.+4) die Stuttgarter schockte. Es folgte die dritte Halbzeit vor den Mikrofonen – und da gab es einiges zu klären. Wir fassen die wesentlichen Punkte zusammen.

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Das Sportliche: Freiburgs Trainer Streich hatte seine Elf nominell defensiv, aber im Geiste offensiv aufgestellt. Soll heißen: Permanentes frühes Stören des Gegners war angesagt und konsequentes Umschalten auf Attacke bei Balleroberung. Das funktionierte gut, über eine Stunde lang bestimmten die Freiburger das Geschehen. Nach Haberers 1:0 hatten Höler, Grifo und der für den verletzten Gulde eingewechselte Jungspund Keven Schlotterbeck bis zur 60. Minute klare Möglichkeiten, die Partie vorzeitig zu entscheiden.

Trainer Markus Weinzierl war nach der Partie bedient. Er hielt die Gelb-Rote-Karte für nicht nachvollziehbar. Weinzierl stufte sie wie Gomez als spielentscheidend ein. „Mit elf hätten wir das Spiel gewonnen“, behauptete der 44-Jährige.
Trainer Markus Weinzierl war nach der Partie bedient. Er hielt die Gelb-Rote-Karte für nicht nachvollziehbar. Weinzierl stufte sie wie Gomez als spielentscheidend ein. „Mit elf hätten wir das Spiel gewonnen“, behauptete der 44-Jährige. | Bild: MATTHIAS BALK/dpa

Und die Stuttgarter? Sie waren schwach, kickten ideenlos, einzig der Wille, nicht aufzugeben, war anzuerkennen. In der Schlussphase profitierte die Elf von Trainer Weinzierl von Nachlässigkeiten des Gegners. „Wir hatten keine Ballsicherheit mehr im Mittelfeld“, urteilte SC-Coach Streich, „und haben auch zweimal schlecht verteidigt.“ Der späte Ausgleich durch Niederlechner, als die Gäste nach dem Platzverweis von Gomez mit elf gegen zehn spielten, versöhnte den Freiburger Übungsleiter. Die Stuttgarter waren missmutig und sauer auf Schiedsrichter Aytekin.

Der Platzverweis von Gomez

Gelb in der 85., Gelb-Rot in der 89. Minute – für VfB-Trainer Weinzierl war die Sachlage beim Platzverweis gegen Mario Gomez klar: „Zweimal kein Foul, zweimal kein Gelb, also auch kein Gelb-Rot.“ Ebenso sah es VfB-Manager Reschke: „Deniz Aytekin ist wahrscheinlich der einzige Schiedsrichter, der das so entscheidet. Das war nicht nachvollziehbar.“ Und der sich nicht als Sünder fühlende Gomez unterstellte dem Unparteiischen sogar Rachegelüste. Aytekin hatte schon das Hinspiel in Freiburg (3:3) geleitet, war danach von Gomez im Fernsehen kritisiert worden und hatte sich deshalb den VfB-Stürmer noch im Schwarzwaldstadion zur Brust genommen.

Schiedsrichter Deniz Aytekin zeigt Stuttgarts Mario Gomez (rechts) Rot.
Schiedsrichter Deniz Aytekin zeigt Stuttgarts Mario Gomez (rechts) Rot. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Das habe er sich „wohl gemerkt und nur darauf gewartet“, sagte Gomez, weil: „Innerhalb von vier Minuten eine Gelb-Rote Karte zu zeigen, das muss man schon wollen“. Immerhin war der 33-Jährige so couragiert und fair zugleich, dass er nach Abpfiff am Sonntagabend den Schiedsrichter mit seiner Sicht der Dinge konfrontierte. „Ich habe ihm gesagt, er hat sich das Hinspiel gut gemerkt.“ Nach der Unterredung mit Aytekin nahm Gomez seinen im Grunde ungeheuerlichen Vorwurf zurück. „Er hat gesagt: Nein, er wisse nicht mal mehr, was er gestern gegessen habe. Es scheint, dass es keine Rache war. So habe ich es interpretiert, doch damit lag ich falsch.“ Aytekin selbst schweigt.

Experten sind sich nicht einig

Gelb-Rot – richtig oder falsch? Beide Male traf Gomez Freiburger Spieler mit dem Arm am Kopf. Es ist dem Kicker, der in seinem 584. (!) Pflichtspiel als Profi zum ersten Mal vom Platz flog, abzunehmen, dass alles ohne Absicht geschah. In der ersten Szene landete Gomez‘ Arm mit Wucht im Gesicht von Lienhart – diese Gelbe Karte ist unstrittig. Vier Minuten später touchierte Gomez‘ Arm den Kopf von Koch nur leicht, weshalb auch die Experten im Sky-TV-Studio Gelb-Rot als „harte Entscheidung“ beurteilten. In der Mercedes-Benz-Arena verteidigte dafür der ehemalige Bundesliga-Referee Karl-Heinz Tritschler, 1989 Schiedsrichter des Jahres und noch als Spielbeobachter im Einsatz, die Entscheidung Aytekins. Hand oder Arm im Gesicht sei zwingend mit Gelb zu ahnden. Einen Spielraum sähe diese Anweisung überhaupt nicht vor.

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Da war noch etwas anderes: Auch die Freiburger haderten mit einer Entscheidung Aytekins. Die 57. Minute, Stand 0:1. Im Stuttgarter Strafraum schießt Kempf den Ball ungelenk über die Torauslinie, doch bevor die Kugel im Aus ist, tritt VfB-Weltmeister Pavard dem Freiburger Schlotterbeck erst in die Beine, ehe er ihn auch noch umstößt. Aytekin zückt Gelb für den Franzosen. Die richtige Entscheidung aber wäre gewesen: Rot und Elfmeter für Freiburg, denn als Pavard mit voller Absicht Schlotterbeck trat, war der Ball noch im Spiel. Wenn man so will, hat die vorbildliche Haltung des 21-jährigen Freiburgers, der den Tritt einfach klaglos wegsteckte, Pavard und seinen Stuttgartern die Niederlage vermieden. Man könnte es allerdings auch so sehen: Schiedsrichterassistent Eduard Beitinger hätte sich melden müssen, tat dies aber trotz freier Sicht nicht. Und warum Video-Assistent Frank Willenborg schwieg, bleibt völlig unverständlich.

Das 2:2 und seine Folgen

Der SC Freiburg hat den Sieben-Punkte-Vorsprung auf Stuttgart gewahrt, muss aber in Hab-Acht-Stellung bleiben. Für den VfB steht am Sonntag bereits das nächste wegweisende Spiel an. Ein Sieg in Düsseldorf würde die Fortuna wieder ins Abstiegsgeschehen ziehen, eine Niederlage dagegen die ohnehin schlechte Stimmung zwischen VfB-Führung und Anhang weiter belasten.