Die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Emre Can haben sich für ihre Reaktion auf ein umstrittenes Foto salutierender türkischer Fußballer verteidigt. „Glauben Sie mir: nach dem letzten Jahr ist das Letzte, was ich wollte, ein politisches Statement zu setzen“, ließ der 28 Jahre alte Gündogan kurz vor seinem Startelf-Einsatz beim 3:0-Sieg im EM-Qualifikationsspiel in Estland am Sonntagabend mitteilen, zu dem er zwei Tore beisteuerte. „Das war ein klares Statement von Ilkay für Deutschland“, sagte Bundestrainer Joachim Löw zum Doppelpack des Mittelfeldspielers. „Wer beide Spieler kennt, der weiß, dass sie gegen Terror, gegen Krieg sind“, sagte der Bundestrainer nach dem Spiel am Sonntagabend. „Beide wollten dem Spieler, mit dem sie mal zusammengespielt haben, einfach nur gratulieren“, meinte Löw.

Auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff hat um Nachsicht mit den deutschen Nationalspielern gebeten: „Ich sehe es nach den Aussagen der Spieler nicht so kritisch“, sagte der 51-Jährige. „Insofern hoffe ich, dass dies gesehen wird, dass es einfach auch ein Like war, der einem guten ehemaligen Kollegen galt und keine Aktivität, keine Message war.“ Auch viele andere Spieler auf der Welt hätten das Foto „geliked“, also gut gefunden, betonte Bierhoff: „Jetzt kann man ja nicht allen unterstellen, dass sie für Krieg und Terror sind. Dazu haben die beiden auch in ihrer Zeit hier in Deutschland bewiesen, dass sie es nicht sind. Ich glaube, es wäre auch mal an der Zeit, ihnen einfach mal ein bisschen Vertrauen zu schenken und daraus nicht solche Geschichten zu machen.“

Zuvor hatten sowohl Gündogan wie auch Can bei Instagram ein Foto mit einem sogenannten Like versehen, das türkische Fußballer zeigt, die nach Cenk Tosuns 1:0-Siegtor gegen Albanien mit der Hand an der Stirn salutieren. Der Militärgruß sei den bei der „Operation Friedensquelle“ eingesetzten Soldaten gewidmet gewesen, teilte der türkische Fußballverband mit. Der türkische Militäreinsatz richtet sich gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien und wird international scharf kritisiert.

Instagram-Likes wieder zurückgenommen

Gündogan und Can nahmen ihre Likes bei Instagram später wieder zurück. Er habe gehandelt, „ohne jegliche Intention und auf den Inhalt zu achten“, sagte Can der „Bild“-Zeitung und fügte hinzu: „Ich bin ein absoluter Pazifist und gegen jede Art von Krieg.“

Emre Can musste nach einer frühen roten Karte gegen Estland den Platz verlassen.
Emre Can musste nach einer frühen roten Karte gegen Estland den Platz verlassen. | Bild: Federico Gambarini, dpa

Gündogan betonte, er habe sein Like für das umstrittene Bild „bewusst zurückgenommen“, als er gesehen habe, dass seine Reaktion „politisch gewertet wurde. Wahr ist, dass ich mich für meinen ehemaligen Teamkollegen aus der DFB U21 gefreut habe, dass er das Siegtor gemacht hat.“ Im vergangenen Jahr war der Profi von Manchester City vor der WM wegen eines gemeinsamen Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in die Kritik geraten.

Dass aus seiner Unterstützung für seinen „sehr guten Freund“ Tosun eine solche Geschichte werde, sei „ein bisschen schade“, sagte Gündogan am Sonntagabend in Tallinn. „Da war natürlich absolut keine politische Absicht dahinter, Emre und ich sind beide konsequent gegen jeglichen Terror und gegen jeglichen Krieg“, erklärte Gündogan.

Auch Fortuna Düsseldorf schaltet sich in die Debatte ein

Auch Bundesligist Fortuna Düsseldorf schaltete sich in den Wirbel um den Siegesjubel türkischer Nationalspieler ein. Die Fortuna-Profis Kaan Ayhan und Kenan Karaman beteuerten demnach in einem Gespräch mit dem Verein, die Gesten beim Spiel gegen Albanien seien lediglich „Solidaritätsbekundung für Soldaten und ihre Angehörigen“ gewesen. Auch auf einem Mannschaftsfoto in der Kabine hatten türkische Spieler, darunter auch Ayhan (24) und Karaman (25), mit der Hand an der Stirn salutiert.

Fortuna Düsseldorf will die Geschehnisse vom Freitagabend mit seinen beiden Profis nach deren Rückkehr von der Länderspielreise noch einmal aufarbeiten. Der Club sei „davon überzeugt, dass ihnen nichts ferner lag, als ein politisches Statement abzugeben“, wurde Sportvorstand Lutz Pfannenstiel zitiert.

Die Uefa wartet ab

Die Europäische Fußball-Union (Uefa) will zunächst den offiziellen Spielbericht von der Partie abwarten, bevor eine Entscheidung über mögliche Ermittlungen in der Sache fällt. Nach den Statuten des Dachverbands sind politische Äußerungen und Gesten auf dem Spielfeld in Uefa-Wettbewerben untersagt.

Zuletzt hatte bereits eine Solidaritätsbekundung des Zweitliga-Profis Cenk Sahin vom FC St. Pauli für das türkische Militär für Aufregung gesorgt. Sahin hatte in türkischer Sprache gepostet: „Wir sind an der Seite unseres heldenhaften Militärs und der Armeen. Unsere Gebete sind mit euch!“ Angehängt ist der Name der Militäroperation. Der Club distanzierte sich von dem Instagram-Post. Die St.-Pauli-Ultras forderten die sofortige Entlassung von Sahin.

Dieser sagte türkischen Medien zufolge, er werde seine Reaktion im Internet nicht löschen. Nach seiner Rückkehr zum Verein werde sich die Situation klären, versicherte Sahin. (dpa)