Lieber Jürgen Klinsmann,

oder darf ich Klinsi sagen wie Ihre Fans? Klinsi, diese Form der typisch schwäbischen Verniedlichung passte ja mal. Der schöne Klinsi, der optimistische Klinsi, der Klinsi mit der Attitüde des Freigeistes. Klinsi, der Sympathische, der Fortschrittliche, das hat Ihnen gefallen.

Ihre Fan-Gemeinde war größer als jene der Bruddler, die Ihnen nicht trauten. Für die Sie ein Gaukler waren, ein Blender, ein Möchtegern. Diese Stimmen sind gerade ziemlich laut.

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Ihr Abschied von Hertha BSC via Facebook-Post, das Nachtreten tags darauf – dieser Auftritt war nicht Klinsi-like, er war schlimm und absolut stillos, aber auch irritierend. Haben Sie wirklich vor einem Manager namens Michael Preetz kapituliert? Den hätten Sie doch, wie man im Schwäbischen sagt, glatt an d‘Wand na g‘schwätzt. Sind Sie wirklich vor einem Präsidenten Werner Gegenbauer geflüchtet, nur weil der Retro ist und nicht Hip? Ein Wort zum Geldgeber Lars Windhorst, und der hätte die gemeinsamen Prioritäten zurechtgerückt. Erst Klassenerhalt, dann Europa League, in drei bis fünf Jahren Champions League.

Von wegen Visionär, Mitreißer, Gestalter

Mit Windhorsts Millionen allein wird Hertha kein Big City Club. Ihre Vision hätte es mehr gebraucht als die Herren Preetz und Gegenbauer. Deshalb auch hege ich den Verdacht: So eng war Ihre Bindung zu Hertha und Berlin gar nie! Kleinkariertes Feilschen um Verträge, seltsame Aktionen wie etwa die, den Torwarttrainer zu entlassen, der Ihren Sohn Jonathan nach St. Gallen vertrieben hatte, hasenfüßige Defensivtaktik – das war nicht Klinsi-like, das waren Aktionen eines desillusionierten Zeitgenossen. Desillusioniert aber nicht, weil alles so schwierig war im traditionsbehafteten Umfeld, sondern deshalb, weil Sie gar kein Visionär, kein Mitreißer, kein Gestalter mehr sind, sondern ein zu egoistisch oder auch zu müde gewordener Mann, der nicht mehr mag, wenn nicht alle so mögen, wie er.

Erinnerungen an bessere Zeiten

Auf dem Rasen waren Sie Klinsi fantastico. Beim VfB, beim FC Bayern, bei Inter Mailand, bei Tottenham, in der Nationalelf. Nie werde ich das WM-Achtelfinale 1990 in Mailand vergessen, als Sie beim 2:1 gegen Holland das Spiel Ihres Lebens gemacht haben. Es war eines der beiden Länderspiele, bei denen ich Reporterneutralität vergessen und auf der Tribüne gejubelt habe. Das zweite war das WM-Vorrundenspiel 2006 gegen Polen, mit dem Tor zum 1:0 in der Nachspielzeit, das das Dortmunder Stadion erbeben ließ und der Auslöser war für das Sommermärchen. Das Tor erzielte Oliver Neuville, aber der eigentliche Verantwortliche waren Sie: Jürgen Klinsmann, Bundestrainer, Einpeitscher, Anführer. Als sie 2004 die DFB-Auswahl übernommen hatten, waren Sie gleich Chef, haben den Verband umgekrempelt und den deutschen Fußball in die Spur gebracht. Was hatten Sie für eine Energie, umwerfend!

Und jetzt? Haben Sie zwar noch die Ausstrahlung, aber nicht mehr die Energie. Sie sollten sich das eingestehen, damit Sie sich künftig Peinlichkeiten wie in Berlin ersparen.

Ab nach England

Schade. Für ein Klinsi-Werk à la 2006 hätte ich sogar einen Big City Club Hertha BSC ertragen. In der Bundesliga werden Sie es nicht mehr versuchen müssen. My way or the highway? Versuchen Sie es in England. Ich schau aber nicht mehr zu!

Beste Grüße,

Ralf Mittmann, Sportredaktion

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