Herr Effenberg, Sie sind 1990 mit dem FC Bayern in der ersten DFB-Pokal-Runde beim Oberligisten FV Weinheim mit 0:1 ausgeschieden. Wie war das damals?

Eigentlich möchte man sich gar nicht mehr daran erinnern. Zum Glück ist es auch schon lange, lange her. Übertrieben gesagt hatten wir 90 Prozent Ballbesitz, 50:1 Torschüsse und 20:0 Ecken. Aber dieser eine Torschuss von Weinheim war eben drin.

Jahr für Jahr scheitern Favoriten in der ersten Runde an unterklassigen Vereinen.

So ein Tag kann im Fußball immer passieren und es kann jeden treffen. Daran ergötzen wir uns dann, und die Zuschauer auch. Man darf da auch die absoluten Topfavoriten nicht vom Zettel nehmen. Wer hätte im vergangenen Jahr gedacht, dass der Titelverteidiger Eintracht Frankfurt in der ersten Runde gegen den SSV Ulm ausscheidet? Diesmal könnte es theoretisch auch Borussia Dortmund gegen den KFC Uerdingen treffen. Das Duell bringt eine unheimlich hohe Brisanz mit sich. Auf der einen Seite ist Dortmund der Topfavorit in dem Duell, der nicht nur den Anspruch hat, den Pokal zu gewinnen, sondern auch Deutscher Meister zu werden. Auf der anderen Seite ist da ein aufstrebender Gegner, der seine Ziele klar und deutlich formuliert. Und dann ist da ja noch die Konstellation mit Kevin Großkreutz, der mit dem KFC auf seinen Ex-Verein trifft.

Was sind die Gründe, dass sich die Großen oft so schwertun?

Die Bundesligisten sind im Gegensatz zu den Zweit- und Drittligisten noch gar nicht im Spielrhythmus. Die sind spieltechnisch schon auf einem anderen Level und haben einen entsprechenden Vorteil. Wenn du schon zwei, drei Spiele über 90 Minuten unter absoluten Wettkampfbedingungen gespielt hast, bist du einen Schritt weiter und hast die entsprechende Fitness. Das ist einfach so.

Gibt es noch weitere Gründe?

Der zweite Punkt ist, dass einige Spieler bei den Bundesligisten noch gar nicht an Bord sind. Und dann kann es sein, dass alles an diesem einen Tag über 90 oder 120 Minuten zusammenkommt. Darin liegt die Hoffnung der Kleinen. Sie haben ja nichts zu verlieren, treten extrem selbstbewusst auf und dann passieren manchmal Dinge im Fußball, die man selbst nicht versteht. Bayern München hat sich im vergangenen Jahr gegen Amateure auch unfassbar schwergetan (1:0 beim SV Drochtersen-Assel; die Red.).

Kann es sein, dass die Spieler der Favoriten ihren Gegner manchmal auf die leichte Schulter nehmen?

Nein, diesen Vorwurf kann man den Spielern niemals machen. Sie gehen schon mit 100 Prozent ins Spiel. Vielleicht kann man sagen, dass sie nicht die 100-prozentige Spannung haben. Das macht die Sache dann kompliziert. Aber das ist die Aufgabe eines Trainers, darauf einzugehen. Normalerweise hofft man immer, dass man relativ schnell das Tor macht und das zweite nachlegt. Dann hast du eigentlich Ruhe.

Und wenn das nicht funktioniert?

Dann kann es sein, dass der Gegner immer frecher wird. Dann haben sie natürlich nicht nur das Publikum, sondern gefühlt ganz Deutschland hinter sich.

Vor zwei Jahren gab es Pläne, den DFB-Pokal zu reformieren – mit Qualifikation, einer Vorrunde mit mehr Mannschaften und einem späteren Einstieg der Europacup-Teilnehmer. Wie sehen Sie das?

Eine Reformierung sollte man tunlichst vermeiden. Grundsätzlich finde ich den DFB-Pokal, so wie er ist, fast perfekt. Das muss ich klar und deutlich sagen.

Warum nur fast?

Die erste Pokalrunde sollte dann ausgetragen werden, wenn die Bundesligisten in der Liga auch schon ein oder zwei Spiele absolviert haben. Das wäre etwas, worüber man nachdenken sollte. Das ist der einzige Punkt. Ansonsten ist der DFB-Pokal perfekt organisiert. Du kannst in fünf Spielen in Berlin stehen und um einen großen Titel spielen. Das ist dieser Reiz des DFB-Pokals.

Im vergangenen Jahr musste der Zweitligist 1. FC Heidenheim im Viertelfinale beim FC Bayern spielen. Sollte der eine Liga tiefer spielende Verein immer immer Heimrecht haben?

Nein, das sehe ich nicht so. Man hat gesehen, dass die Heidenheimer den Bayern in München das Leben sehr schwer gemacht haben. Da finde ich die Regel, so wie sie ist, absolut in Ordnung. Das sind ja Profiklubs und keine unterklassigen Vereine, die nach München kommen müssen und anstatt vor 300 auf einmal vor 75 000 Zuschauern spielen müssen.

Stefan EFFENBERG mit dem Pokal Borussia Moenchengladbach – VFL Wolfsburg 3:0, DFB-Pokal Finale 1995Stefan Effenberg beim 3:0-Sieg des Borussia Mönchengladbach gegen den Vfl Wolfsburg im DFB-Pokal-Finale 1995. Bild: Wilfried Witters / Witters
Stefan EFFENBERG mit dem Pokal Borussia Moenchengladbach – VFL Wolfsburg 3:0, DFB-Pokal Finale 1995Stefan Effenberg beim 3:0-Sieg des Borussia Mönchengladbach gegen den Vfl Wolfsburg im DFB-Pokal-Finale 1995. Bild: Wilfried Witters / Witters | Bild: WilfriedWitters

Sie haben 34 DFB-Pokal-Spiele in Ihrer Karriere absolviert. Welches ist Ihnen dennbesonders in Erinnerung geblieben?

Am emotionalsten war ganz klar der DFB-Pokalsieg mit Borussia Mönchengladbach gegen den VfL Wolfsburg, als wir 3:0 gewonnen haben. Das war ein ganz großer Erfolg, weil uns niemand so richtig auf dem Schirm hatte. Das, was wir 1995 erreicht haben, war unfassbar, auch von den Emotionen her.

Fragen: Malte Schlaack