Ja! Der Italien-Fluch ist besiegt. Dass es nur im Elfmeterschießen passiert ist – geschenkt! Sieg ist Sieg und deshalb ist im Viertelfinale der Europameisterschaft in Frankreich Geschichte geschrieben worden. Im neunten Anlauf hat Deutschland erstmals Italien bei einem großen Turnier besiegt und das ist, ja, klasse! Und wer Italien bezwingt, der hat beste Aussichten, am Ende der EM auch den Pott mit nach Hause zu nehmen.

Alles gut also? Für all jene, denen das Ergebnis zum Wohlgefallen genügt, dürfte das so sein. Für all jene, vermutlich in der Unterzahl, die abseits des Resultates analysieren, gibt es Grund, mahnend den Zeigefinger zu heben. Nehmen wir mal den ARD-Experten Mehmet Scholl, der war richtig wütend und giftete gegen die deutsche Taktik, Joachim Löw und dessen Taktik-Chef Urs Siegenthaler.

Der Schweizer Siegenthaler wurde 2005 von Jürgen Klinsmann ins deutsche Boot geholt. Er hat die tiefgehende Spielbeobachtung, das Auskundschaften der nächsten Gegner zweifelsfrei auf eine neue, eine professionelle Ebene gehoben. Doch wie das so ist im Leben, am Anfang war Siegenthaler der bestaunte Spezialist, inzwischen ist es so, dass er viel zu viel Einfluss hat.

Wie kann es sein, dass der beim 3:0 gegen die Slowakei zurecht zum Man of the Match gewählte Julian Draxler plötzlich weichen muss für einen Benedikt Höwedes? „Es geht nicht darum zu motzen. Aber warum muss man eine Mannschaft, die so funktioniert hat, an den Gegner anpassen“, fragte Scholl.
Der frühere Nationalspieler erinnerte an die bitteren Niederlagen der Ära Löw und machte die falsche taktische Ausrichtung dafür verantwortlich: „2008 gegen Spanien verloren. Wir haben uns angepasst, sind raus. 2010 an die Spanier angepasst, rausgeflogen. 2012 angepasst an die Italiener, rausgeflogen.“
 


Sichtlich in Rage empfahl Scholl Siegenthaler, er möge künftig doch länger ausschlafen. Sollte heißen: Wer ratzt, kann keinen Blödsinn verzapfen und zum Beispiel eine Dreierkette gegen Italien vorschlagen. Selbst vor dem WM-Triumph machte Scholl keinen Halt. „Jetzt kommt der Clou: 2014 ab dem Viertelfinale hat Jogi Löw jeden Rat seines Stabs ignoriert und der Mannschaft vertraut. Nur so gewinnt man Titel.“

Danke, Mehmet. Danke für diesen Klartext in der Stunde der Glücksgefühle. Tatsächlich ist es doch so, dass man die Aufgabe Italien auch  mit der zuletzt stark auftrumpfenden Mannschaft hätte lösen können. „Man hätte die Passwege mit der gewachsenen Mannschaft unterbinden können. So hätten wir uns nicht unserer Stärke nach vorne beraubt“, sagte Scholl. Das war das Wasser im Wein, denn  genau so war es – eine von allen Voraussetzungen her ganz klar überlegene deutsche Mannschaft brachte ihre Offensvkraft nicht auf den Rasen. Der Bundestrainer sah es natürlich anders. „Es war der richtige Weg. Wir mussten gegen Italien das Zentrum zumachen. So waren sie für uns leicht berechenbar, und wir konnten fast jeden Angriff unterbinden.“

Hätte Löw auch so locker drauflos gesprochen, wenn das Elfmeterschießen verloren gegangen wäre? Nein, hätte er nicht, ohne dass ihm die eigenen Worte um die Ohren geflogen wären.

Danke, Mehmet Scholl. Danke auch für den Hinweis auf 2014. „Warum sind wir da Weltmeister geworden? Weil wir die schwachsinnigste Idee aller Zeiten, mit vier Innenverteidigern zu spielen, über Bord geworfen haben“, sagte Scholl. Diese Idee stammte von Siegenthaler. Geändert hatte sie Löw. Aber erst, als er nicht mehr anders konnte – nach einer Verletzung von Mustafi im Viertelfinale gegen Algerien.

Nicht toll? Nein, Scholl! Und Mittmann. Europameister wird die DFB-Elf trotzdem und alles ist dann wie vom Wind weggeblasen. Aber eben nur, weil die Italiener einen Elfmeter mehr vergaben.