Auf dem Unterrang des wunderschönen Grandstand-Courts kam der Mann, der viele legendäre Schlachten für sich und für Tennis-Deutschland geschlagen hatte, nicht aus dem Staunen heraus: „Wie dieser Junge hier auf großer Bühne aufspielt, das ist schon sensationell. Gelassen, konzentriert, immer auf der Höhe des Geschehens“, sagte Boris Becker, „er ist jetzt wirklich im großen Tennis angekommen.“ Becker meinte nicht etwa einen der Arrivierten hierzulande, nicht Zverev und Co., sondern Dominik Koepfer – den tüchtigen Schwarzwälder Kämpfertypen, den vor ein paar Wochen noch niemand überhaupt kannte außer ein paar Brancheninsidern.

„Ich lebe gerade meinen Traum.“

Doch nun dies: Nach drei siegreichen Qualifikationsspielen stürmte Koepfer Ende letzter Woche ins Hauptfeld der Offenen Amerikanischen Meisterschaften des Jahres 2019, und nach drei weiteren Erfolgen grüßte er aus dem Big Apple auf einmal verblüffend als stolzer Achtelfinalist. Knapp drei Stunden brauchte Koepfer am Freitagabend in Flushing Meadows, um den Weltranglisten-Achtzehnten und Hamburger Turniersieger Nikolos Bassilaschwili mit 6:4, 7:6 (7:5), 4:6 und 6:1 aus dem Wettbewerb zu katapultieren und seinem persönlichen Tennismärchen das vorerst letzte, durchaus sagenhafte Kapitel hinzuzufügen. „Das ist der Hammer. Ich weiß nicht, was ich jetzt sagen soll“, sagte Koepfer gerührt, „ich lebe gerade meinen Traum.“ In der Runde der letzten 16 wird er nun entweder auf den Spanier Feliciano Lopez oder den Russen Daniil Medwedew treffen, den Mann der Stunde im Wanderzirkus.

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Wer in Wimbledon geglaubt hatte, der dort auch schon imponierende Koepfer habe einen Zufallstreffer gelandet, sah sich in New York eines Besseren belehrt. Denn Koepfers Karriere, die ihren wesentlichen Impuls durch den Transfer ins US-Collegetennis erfahren hatte, kommt jetzt erst so richtig in Schwung. Und zwar mit einer Dynamik, die sogar Fachleute wie Davis Cup-Teamchef Michael Kohlmann überrascht: „Er nutzt seine Chancen hervorragend, hat ein großes Herz und ein starkes Spielverständnis“, sagt Kohlmann. Schon vor dem Sturm ins Achtelfinale hatte DTB-Herrenboß eine Berufung von Koepfer ins Nationalteam ins Gespräch gebracht.

Die Chancen auf einen Platz im Nationalteam stehen gut

Tatsächlich könnte Koepfer neben dem ebenfalls in dieser Spielzeit überzeugenden Westfalen Jan-Lennard Struff zur Truppe gehören, die Deutschland beim neuen Finalturnier Ende November in Madrid vertritt. Alexander Zverev hat für diesen Wettbewerb ja bereits seit Längerem abgesagt. Koepfers Mitwirken wäre auch ein Wink für die deutsche Länderspiel-Zukunft, schließlich ist der Schwarzwälder mit dem starken amerikanischen Akzent gerade mal 25 Jahre alt. Auf der anderen Seite steht der zehn Jahre ältere Altmeister Philipp Kohlschreiber, der viele große Spiele für Deutschland geliefert hat, aber in dieser Saison eine zuletzt ungebremste Talfahrt durchleidet.

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Koepfer setzte auch gegen Basilischwilli seine Stärken gewinnbringend ein, seinen nie versiegenden Kampfgeist, seine Entschlossenheit und zupackende Attitüde in jeder Spielminute. Aber er brillierte auch mit Gespür für taktische Schachzüge in wechselnden Lagen, immer wieder stellte er den Georgier vor neue, oft auch unlösbare Aufgaben. Vor der Saison hatte sich Koepfer, damals die Nummer 161 der Welt, vorgenommen, unter die Top 100 vorzustoßen. Diesem Ziel eilt er nun schon voraus, die gegenwärtige Ranglisten-Projektion sieht ihn nach den US Open bereits auf Platz 84 der Bestenwertung. Wenn jetzt nicht alles schief läuft, ist er Anfang 2020 bei den Australian Open erstmals direkt für ein Grand Slam-Hauptfeld qualifiziert. „Vor drei Monaten hätte ich das noch für einen Witz gehalten“, sagt Koepfer, „jetzt ist es wahr.“ Und noch muss seine wundersame Reise in New York nicht zu Ende sein.