Herr Hyballa, nach dem blamablen Aus der Nationalelf bei der WM muss im deutschen Fußball ein Umdenken erfolgen bei der Trainer-Ausbildung und der Nachwuchsförderung. Eine These lautet: Talente einfach spielen zu lassen und nicht mit Inhalten zu überfrachten. Stimmen Sie zu?

Es ist der richtige Ansatz. Viele Kinder und Jugendliche dürfen und können nicht mehr spielen. Wir müssen ihnen im Training die Freiheit gestatten, dass sie sich auf dem Fußballfeld ausleben können. Die Jungen müssen spielen, sie müssen spielend lernen, ohne dass sie mit Inhalten überfrachtet werden.

„Trainer, wann spielen wir?“ Der Titel Ihres neuesten Buches über moderne Spielformen im Jugendtraining ist Programm und besagt alles.

Ich halte es da mit Pep Guardiola, der gesagt hat, das Wichtigste sei der Ball. Zitat: „Meine Spieler haben das Glück, täglich im Training spielen zu dürfen.“

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Führt dies am Ende gar zu einer Renaissance des Straßenfußballs?

Ich glaube daran. Irgendwann holt sich die Straße den Fußball zurück. Es muss wieder eine Umkehrung der Verhältnisse stattfinden: Kunst ist nicht die Taktik, wie es heute so schön heißt. Kunst ist die Technik, die Ballfertigkeit. Der Ball ist wichtiger als die Excel-Tabelle.

Was kritisieren Sie konkret?

Es ist zu der schlimmen Entwicklung gekommen, dass die Zuarbeiter – wie beispielsweise der Videoanalyst – die wichtigsten Leute sind. Sie haben zu viel Macht erhalten. Das ist der falsche Ansatz. Der wichtigste Mann ist immer der Trainer. Der Feldtrainer, wie ich ihn bezeichne. Trainer wie Hermann Gerland oder Peter Hermann (beide FC Bayern München), die mir spontan einfallen. Ich hoffe, dass eine Auferstehung der Feldtrainer einsetzt.

Heißt das, dass Sie die sogenannten Laptop-Trainer ablehnen?

Auf keinen Fall, moderne Methoden müssen sein, sind hilfreich, dürfen jedoch nicht überhöht werden. Zuletzt ist jeder auf einen neuen Trend aufgesprungen: Hier Ernährungslehre, dort Psychologie, da Statistiken zu Laufwegen und Passfolgen. Doch es darf sich nicht verselbstständigen. Ich gehöre der Generation der Jugendtrainer wie Christian Streich, Thomas Tuchel und Norbert Elgert an, die nach der Jahrtausendwende innovativ gearbeitet hat und von vielen gestandenen Coaches, meistens namhaften Ex-Profis, nicht für voll genommen worden ist. Jugendtrainer war zu jener Zeit häufig noch ein Schimpfwort. Dabei haben die mehr geleistet für das Umdenken im deutschen Fußball, das durch den Gewinn des WM-Titels 2014 gekrönt worden ist, als andere.

Die Neuausrichtung wurde allerorten gelobt. Wie ist sie aus dem Ruder gelaufen? Hat Mehmet Scholl mit seinem Tadel an den Nachwuchsleistungszentren und der Kritik an sogenannten Systemtrainern recht?

So falsch liegt Scholl nicht. Es geht in diese Richtung: Die Zentren sind wie eine große Studenten-WG. Es wird stromlinienförmig ausgebildet. Individualisten und Persönlichkeiten, mutige Spieler, die kreativ sind, schon gar Querdenker sind nicht gefragt.

Nennen Sie doch bitte mal ein konkretes Beispiel.

Jeder 16-Jährige weiß heute Bescheid über taktische Grundformen, spricht über Binden, Abklemmen und Isolieren, kann über die Räume auf dem Spielfeld referieren. Mit diesem Rüstzeug würde er jederzeit die Trainerprüfung zur B-Lizenz bestehen. Doch der so geschulte Nachwuchsspieler kann keine zehn Tricks vormachen, die ihm gestatten, sich im Dribbling durchzusetzen. Und er wird vor allen Dingen nicht dazu angehalten, in diese Duelle zu gehen. Dazu müsste er ermuntert werden, denn dazu ist Mut und Risikobereitschaft erforderlich.

Warum geschieht es nicht?

Der Hauptgrund: Die Jugendarbeit bei den Bundesligisten ist ergebnisorientiert, nicht ausbildungsorientiert. Es ist ein Mini-Profifußball, kein Jugendfußball mehr. Die Nachwuchstrainer stehen unter Strom und Stress. Wenn eine U 19 eines Bundesligisten unten steht, wurde in den letzten Jahren der Trainer beurlaubt oder es wurde im Winter auf dem Transfermarkt im In- und Ausland noch mal zugeschlagen. Die Resultate müssen stimmen. Alles wie im Profifußball – irgendwie wahnsinnig und krank, jedenfalls gegen jede Entwicklungspädagogik. Auch die Trainer haben sich darauf eingestellt, wollen so schnell wie möglich nach oben, wittern ihre Chance, wenn sie Ergebnisse liefern.

Wie könnte dieser Missstand behoben werden?

Es sollte nachgedacht werden, ob die hochgelobten Bundesligen im Nachwuchsbereich wirklich der Weisheit letzter Schluss sind. Vielleicht wäre es einen Versuch wert, mal einen Test ohne die Leistungsklassen zu wagen. Und Talenten gebe ich den Rat, möglichst lange bei ihren zumeist kleinen Heimatklubs zu bleiben, statt früh in ein Leistungszentrum eines Profiklubs zu wechseln, wo sie auf der Kaderliste möglicherweise die Nummer 20 oder 25 sind.

Was schlagen Sie vor im Hinblick auf die Trainerausbildung?

Mit Daniel Niedzkowski, mit dem ich bei Bayer Leverkusen im Profibereich gearbeitet habe, ist seit März ein neuer Leiter des Fußballlehrer-Lehrgangs beim DFB engagiert. Ich glaube, er wird andere Schwerpunkte setzen. Die Philosophie der Ausbildung sollte wieder mehr auf Individualförderung gelegt werden und nicht so sehr auf das überbetonte Ballbesitzspiel, das Pass- und Kombinationsspiel. Dies ging zuletzt auf Kosten der Freiheiten der Spieler.

Rückblende zur WM: Was war der hauptsächliche Fehler beim desaströsen Auftritt der Nationalelf?

Wir haben eine Kopie versucht: Holland und Spanien im Quadrat. Immer nur nach vorn, ein brutales Offensivspiel, mitunter so extrem, dass nur zwei Mann verteidigt haben. Die schlechte Variante eines am Ballbesitz orientierten Fußballs ohne echten zentralen Stürmer, sodass der Ball ins Tor getragen werden sollte.

Es scheint ja kaum personelle Veränderungen in der Nationalelf zu geben. Ist das eine kluge Entscheidung von Bundestrainer Löw – oder eine falsche?

Man braucht auch Typen wie Jürgen Klinsmann und Matthias Sammer, Oliver Kahn und Philipp Lahm es waren. Querdenker halt, an denen man sich reiben kann. Denn Konflikte können auch zum Erfolg beim Prozess der Erneuerung führen.

Fragen: Hans-Günter Klemm