Jürgen Klopp hier, Jürgen Klopp dort. Dem Trainer des FC Liverpool fliegen die Herzen nur so zu. Nicht nur in Deutschland und England, der Typ ist ein Hit nahezu everywhere, also überall, weltweit. Und das ja nicht mal nur bei Fußballfans, von dem 51-Jährigen angetan sind auch Menschen, denen die Kickerei eigentlich am Allerwertesten vorbeigeht. Woher kommt die Sympathie für Klopp, was macht den in Stuttgart zur Welt gekommenen und im nördlichen Schwarzwald in Glatten (2408 Einwohner/Stand September 2018) aufgewachsenen Mann aus? Eine Annäherung:

  • Klopps Wesen: Intelligent und aufmerksam, witzig und kritisch, emotional und feinfühlig, herzlich und aufbrausend, immer sich intensiv mit Menschen befassend und auf sie zugehend, manchmal im wörtlichen Sinne auch mit einer Portion zu viel des Unguten. Jürgen Klopp ist Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus der Novelle des schottischen Schriftstellers Louis Stevenson von 1886, in der es um das Über-Ich (Jekyll) und das Es (Hyde) in ein und demselben Menschen geht. Beispiel eins, JK als der angesehene Dr. Jekyll: Die Botschaft, die Klopp via Twitter noch unmittelbar vor dem Champions-League-Finale an einen todkranken Fan des Liverpool FC schickte – das ist keine billige Show, es ist ihm wichtig. Der Satz am Ende „Ich bin Christ. Wir sehen uns!“ – kein schmalziges Gedöns, sondern Überzeugung. Klopp trägt seinen Glauben nicht vor sich her, aber steht zu ihm. Das ist authentisch und kommt an. Beispiel zwei. JK als Dr. Hyde : Der 18. September 2013. Beim Champions-League-Spiel seiner Dortmunder Borussen wird JK in der 30. Minute auf die Tribüne verwiesen, weil er am Spielfeld-
    rand, außer sich vor Wut, den vierten Offiziellen mit fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Fratze angebrüllt hatte. Kaum ist das Spiel zu Ende, entschuldigt sich Klopp in aller Form und nennt sich selbst einen „doofen Affen“. Auch das ist authentisch, auch das kommt an. Der Hyde im Jekyll wird JK nachgesehen.
  • Klopps Identifikation: Der 1,91 Meter große Hüne war beim FSV Mainz 05 allenfalls ein Mittelklassefußballer, aber dafür einer, der alles zusammenhielt. Der Kloppo, sein Spitzname seit den Zeiten am Rhein, war bekannt als leutseliger und begabter Sprücheklopfer, als derjenige, der bei Feten im Klubheim das Licht ausmachte. Von heute auf morgen machte ihn der damalige Mainzer Manager Christian Heidel zum Trainer – die Journalisten waren amüsiert, aber nicht lange. Als er ging in Mainz, ließ er nur Freunde zurück. In Dortmund schuf er sie sich schnell. Ein Menschenfänger sei er, hieß es, es stimmt uneingeschränkt, aber Klopp selbst mag diesen Begriff nicht – weil er nicht berechnend handelt. Mit der Borussia rauschte er durch die Bundesliga, wurde zweimal Meister, kam bis ins Champions-League-Endspiel, das er 2013 gegen die Bayern unglücklich verlor. BVB-Klubchef Hans-Joachim Watzke kriegt heute noch feuchte Augen, wenn er an jene Tage denkt. Seine Freundschaft fürs Leben mit Kloppo bleibt, egal wo der seine Leidenschaft auslebt. Seit vier Jahren ist JK nun Cheftrainer beim FC Liverpool und die Stimmung ist vergleichbar mit jener von damals bei den Gelbschwarzen im Pott – Jordan Henderson, Klopps Kapitän bei den Reds, hat große Gefühle in wunderbare Worte gekleidet. „Was er bei diesem Klub erschaffen hat, das Team, die Atmosphäre, die Spieler“, sagte Henderson, „das alles ist unglaublich. Wir lieben ihn alle.“ Stimmt, auch der reiche Vereinsboss Tom Werner, der Klopps laufenden Vertrag bis 2022 möglichst schnell verlängern will. Und, ja, Klopp liebt Liverpool, die Stadt der Beatles, er liebt den „grandiosen, unglaublichen Verein“ mit seinen „einmaligen Fans“, deren Zuneigung er bei der Triumphfahrt durch die Stadt am Tag nach dem Königsklassen-Triumph so „berührend“ empfand, dass er „ein kleines bisschen weinen“ musste.
  • Klopps Ehrgeiz: JK ist immer auf der Jagd nach dem Erfolg. In Liverpool hat er sein Ziel „Titelgewinn“ beharrlich verfolgt und sich auch von Finalniederlagen nicht aus der Spur werfen lassen. Jetzt hat er sein Team, seine verschworene Gemeinschaft gefunden, oder besser gesagt, geformt, weshalb es für ihn nur eines gibt: mit dem FC Liverpool die nächsten Schritte zu gehen. „Diese Gruppe ist immer noch am Anfang“, hat Klopp gesagt, „das ist ein Team in einem wundervollen Alter. Die haben die beste Zeit ihrer Karriere immer noch vor sich.“
  • Klopps Umgang mit den Medien: Nahezu täglich hat JK mit Journalisten zu tun, das war in Deutschland so und ist selbstverständlich auch auf der Insel nicht anders. Gerade die englischen Neuigkeiten-Jäger gelten als wenig zimperlich, aber Klopp kommt mit nahezu allen klar. Zu behaupten, dass er viele in seinen Bann gezogen hat, ist nicht übertrieben. Die Würdigung durch die „Daily Mail“ am Sonntag beweist das: „Genau wie die berühmte Atmosphäre in Anfield in Europacup-Nächten ist auch er etwas Besonderes. Wirklich ganz außergewöhnlich. Er ist einmalig. Sie werden ihm überall hin folgen.“ Auch in Deutschland war Klopp oft der Kloppo, so etwa, wenn er mit Werder Bremens Stadionsprecher Arnd Zeigler in dessen TV-Fußballshow „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ den verbalen Doppelpass spielte und so grandios witzige Stories entstanden. Ein einziger deutscher Berichterstatter ging ihm auf den Senkel, der SWR-Reporter Stephan Mai. Wann und wo immer der Mann mit dem Mikrofon auftauchte, gab es keinen Sieg für den Trainer Klopp, weshalb der im Februar 2011 nach einem 1:1 des BVB beim 1. FC Kaiserslautern den Herrn Mai zum „Seuchenvogel“ erklärte. „Dir ein Interview zu geben, da hab ich Bock drauf wie Zahnweh...dass Du vor dem Spiel auch noch so blöd lachst?“ – da sprach kein Geringerer als Mr. Hyde. Die Schimpftirade war echte Realsatire, nach einem ersten Entsetzen brachen zumindest Klopps Fans – und, ehrlich gesagt, auch die allermeisten anderen Zeitgenossen – in Gelächter aus. Und Stephan Mai? Der darf sich rühmen, den großen Kloppo aus der Contenance gebracht zu haben und ist, so heißt es, im Freundeskreis so manches Mal gefeiert worden.
  • Klopps Zukunft: Kaiser Franz Beckenbauer sähe diese gerne und möglichst bald beim FC Bayern München. Eine Mehrheit der deutschen Fußballanhänger würde JK liebend gerne und spätestens nach der EM 2020 anstelle von Jogi Löw die Nationalelf betreuen sehen. Doch beides wird nicht passieren. Klopp ist Liverpool und Liverpool ist Klopp – den sie auf Händen tragen.