Wen am Tag danach ein Kater plagt, der hat in aller Regel wenigstens einen grandiosen Abend hinter sich. Nicht so die Fußballfans in Deutschland, die Pleite gegen Südkorea und das historische Vorrunden-Aus waren das extreme Gegenteil von Vergnügen und das sofortige Unwohlsein könnte durchaus eine Sinnkrise auslösen.

Es ist einiges schiefgelaufen, von der etwas großspurig ausgerufenen „Mission Titelverteidigung“ über den Hashtag #zsmmn, der „alle zusammen mit den Fans“ ausdrücken sollte, welch ein verquaster Blödsinn. Das sind freilich weiche Faktoren.

Quartier in einer früheren Bonzen-Absteige 

Bedeutsamer ist da schon die seltsame Wahl des Quartiers in einer früheren Bonzen-Absteige der Apparatschiks aus Zentralkomitee und Armee – da gab es Dissonanzen zwischen Bundestrainer Löw und Manager Bierhoff, der das entschieden hatte. Und dann war da noch das Bild der Herren Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan – eine ärgerliche Aktion, aber jene, die sie als maßgeblich brandmarken wollen für das sportliche Auftreten der Mannschaft, greifen nicht nur zu kurz, sie gäben den indisponierten, nicht zum letzten Einsatz bereiten Kickern auch noch ein billiges Alibi.

Ein Bundestrainer muss mit Problemen umgehen, sie lösen können. Die Frage darf also diskutiert werden: Taugt Löw noch zum Bundestrainer? Er ist ein Top-Manager, hoch bezahlt, mit nahezu allen Freiheiten, das heißt, er muss auch liefern. Gelingt das nicht, steht seine Position zur Disposition.

In den zwölf Jahren seiner Amtszeit wurde Deutschland Weltmeister und Vize-Europameister, mindestens das Halbfinale wurde immer erreicht. Das klingt imposant, und doch gibt es Kritiker, die meinen, diese Bilanz hätte sogar besser ausfallen müssen angesichts der vorhandenen Möglichkeiten: eine goldene Generation genannte Gruppe von Fußballern und abseits des Rasens Rahmenbedingungen vom Feinsten. In der Vergangenheit wiederum schaffte es Löw, Fehler zu korrigieren – bis hin zum Weltmeistertitel 2014. So gesehen ist die Haltung von DFB-Präsident Grindel akzeptabel, wonach der GAU von Kasan nicht das Ende der Ära Löw sein müsse.

Korrekt ist aber auch, dass es nach 2014 keine Weiterentwicklung mehr gab. Keine mit Blick auf die Zusammensetzung des Teams, da blieben immer die Weltmeister von Rio unangestastet Löws Heroen. Das hat er beim 0:2 gegen Südkorea noch einmal bewiesen, als er völlig unverständlich wieder auf die zuvor auf die Bank verwiesenen Özil und Khedira zurückgriff und später auch noch den indisponierten Müller einwechselte.

Neue sportliche Raffinesse gab es nicht, wie schon immer lautete das Mantra Ballbesitz. Den Gegner müde zu spielen, ist die Idee, nur funktioniert sie nicht mehr. Die Konkurrenz hat längst kluge Gegenmittel gefunden und macht nicht mehr schlapp. 1742 angekommene Pässe und ganze zwei Tore – bei der DFB-Elf stimmen Aufwand und Ertrag überhaupt nicht.

2014 war mit Klose nur ein einziger Stürmer dabei und mit Götze eine sogenannte falsche Neun. Damals brachte Löws Mannschaft dieses System – mit mehr Tempo! – perfekt auf den Rasen. Seither hat sich der Fußball aber verändert und womöglich verliert man hierzulande sogar den Anschluss zur Weltspitze.

Ein Blick auf die Titelfavoriten zeigt, dass sie nicht nur mehr exzellente Stürmer in ihrem Kader haben, sondern drei davon auch in jedem Spiel einsetzen. Die Balldominanzidee ist abgelöst worden vom klaren Bekenntnis zur Offensive, zu den individuellen Stärken von Angreifern.

Solche sind in der Bundesliga rar und ein Bundestrainer kann auch nur nehmen, was sich anbietet. Gerade deshalb müsste er es mal mit einem anderen System versuchen, was Löw jedoch mit dem ihm eigenen Dickkopf verweigert. Unter diesem Aspekt war der Verzicht auf einen Sané eine falsche Entscheidung.

Joachim Löw lebte zuletzt im Gestern. Nun muss er sich prüfen und entscheiden, ob er neue Wege gehen will. Mit anderem Personal, aber auch anderen Ideen. Wenn nicht, muss er Adieu sagen – und der Ball würde weiterrollen.



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