Für Skirennfahrer Felix Neureuther ist es die körperliche Härte, die den Handball zu einer „der absolut coolsten Sportarten“ mache. Fußballtrainer Julian Nagelsmann von der TSG 1899 Hoffenheim glaubt sogar, dass sich der Fußball vom Handball einiges abschauen kann: „Man versucht zu spielen und nicht so viel zu labern, das würde uns auf dem Fußballfeld auch gut zu Gesicht stehen.“

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Die Endrunde, am Mittwoch geht es für die bereits für das Halbfinale qualifizierte deutsche Mannschaft im abschließenden Gruppenspiel gegen Spanien (20.30 Uhr/ARD), begeistert weit über die Grenzen ihrer Sportart hinaus. Aber warum ist das so? Körperlichkeit, Robustheit, Kompromisslosigkeit – all das fasziniert beim Handball schon lange. „Du siehst Kerle, wie sie zusammenrummsen. Und wie sie dann aufstehen und keiner muckt“, sagt Trainer Christian Streich vom Fußball-Bundesligisten SC Freiburg. Und wir erinnern uns gleichzeitig an die Fallsucht-Einlagen von Brasilien-Star Neymar bei der Fußball-WM in Russland vergangenen Sommer.

Brasiliens Fußball-Star Neymar wurde bei der WM in Russland Schauspieltalent attestiert.
Brasiliens Fußball-Star Neymar wurde bei der WM in Russland Schauspieltalent attestiert. | Bild: FRANK AUGSTEIN, dpa

Die Handballer selbst leben, lieben und pflegen ihr Image gerne. Mundschutz? "Ist was für Weicheier", sagt Torwart Silvio Heinvetter. Und als Turnier-Neuling Franz Semper nach dem Auftaktspiel von Fieber geplagt das Bett hütete, sagte Heinevetter mit einem Augenzwinkern: "So ein bisschen Schüttelfrost ist kein Grund, nicht zu spielen. Und auch keine Ausrede wie in anderen Sportarten." Dennoch: Mit im Schnitt 2,8 Verletzungen pro Jahr und 30 Tagen Ausfallzeit sind die Handballer deutlich gefährdeter als Fußballprofis (2,4/24), erklärte Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln.

Foul: Tschechiens Pavel Horak und Stepan Zeman stoppen hier in einem Vorbereitungsspiel Hendrik Pekeler mit unfairen Mitteln. Eine Alltagszene im Handball.
Foul: Tschechiens Pavel Horak und Stepan Zeman stoppen hier in einem Vorbereitungsspiel Hendrik Pekeler mit unfairen Mitteln. Eine Alltagszene im Handball. | Bild: TimGroothuis

Vergleiche zum Fußball sind dennoch mit Vorsicht zu genießen. Ein Kicker läuft pro Spiel etwa zehn Kilometer, ein Handballer zwischen drei und fünf. Natürlich: Im Fußball ist das Spielfeld größer und die Spielzeit länger. Tim Meyer, Nationalmannschaftsarzt der Fußballer, merkt zudem an: "Früher dachte ich auch einmal, dass die Trainingsbelastung im Fußball deutlich höher sein könnte, wenn man sie mit anderen Sportarten vergleicht. Mittlerweile sehe ich das nicht mehr so. Ein Fußballspiel vor 60 000 Leuten im Stadion und mit der entsprechenden Medienaufmerksamkeit ist von der psychischen Beanspruchung nicht mit einem Wettkampf in anderen Sportarten vor 300 Zuschauern zu vergleichen."

 

Umfrage am Hochrhein, im Schwarzwald und am Bodensee

Die Zuschauerzahlen bei der Handball-WM sind natürlich wesentlich höher. Die Frage, welche Sportarten von ihren Athleten mehr abverlangt und wie die Sportler mit der jeweiligen Belastung umgehen, bleibt aber umstritten. Auch bei uns in der Region, am Hochrhein, im Schwarzwald und am Bodensee. Wir haben zwei Fußballer und drei Handballer um ihre Meinung gefragt. Die Antworten überraschen:

"Es ist dem Spielsystem geschuldet" Daniel Eblen, Trainer der HSG Konstanz.

Trainer Daniel Eblen von der HSG Konstanz.
Trainer Daniel Eblen von der HSG Konstanz. | Bild: Frank Scheuring

"Es ist schwer, zwischen beiden Sportarten einen Vergleich zu ziehen", sagt Daniel Eblen, Trainer des Handball-Drittligisten HSG Konstanz, nach kurzem Überlegen. "Beim Handball muss man schauen, dass es relativ schnell weitergeht. Wer lange liegen bleibt, muss selber raus", erklärt der HSG-Coach. So müsse nach der neuen Regel von 2016 beim Handball jeder Spieler, der auf dem Feld behandelt wird, für drei Angriffe pausieren – es sei denn der Gegner bekomme eine Zeitstrafe. "Wenn der Schiedsrichter beim Fußball ähnlich verfahren oder schneller wieder anpfeifen würde, würde man vielleicht auch nicht so lange liegen bleiben", vermutet Eblen. Außerdem bekommen Fußballer häufiger Treffer auf die Beine oder Füße, während Handballer mehr Treffer an den Oberkörper kriegen. Eblen: "Bei solchen Treffern kann man eher stehen bleiben. Wenn man aber häufig am Fuß oder am Bein getroffen wird, dann kann ich mir vorstellen, dass es mit dem Stehen nicht immer so einfach ist."

"Schwalben sind im Handball verpönter als im Fußball" Paul Kaletsch, Spieler der HSG Konstanz.

Paul Kaletsch von der HSG Konstanz.
Paul Kaletsch von der HSG Konstanz. | Bild: Peter Pisa

Für den Rückraumspieler der HSG Konstanz, Paul Kaletsch, hat es mehrere Gründe: "Schwalben sind im Handball verpönter als im Fußball", erklärt Kaletsch. Außerdem gewinne man im Fußball durch Schwalben und dem Liegenbleiben mehr Zeit – trotz Nachspielzeit. Im Handball gebe es nicht so viel Spielraum, da dort die Uhr angehalten wird, so Kaletsch. "Handball ist etwas schneller und körperlich härter, sodass Körperkontakt nichts mehr Besonderes ist", erklärt der 26-Jährige. Das Fallenlassen bei kurzem oder gar keinem körperlichen Kontakt in Fußball nerve ihn als Fan "tierisch". "Das unterbricht das Spiel und ist nicht das, was man als Fan sehen will. Das ist etwas, was sich im Fußball ändern könnte."

"Im Handball ist das Fairplay ausgeprägter" Jonathan Stich, Trainer des TuS Steißlingen

Steißlingens Trainer Jonathan Stich.
Steißlingens Trainer Jonathan Stich. | Bild: Peter Pisa

"Einzelne Situationen im Fußball haben ein höheres Gewicht auf den Ausgang als im Handball", erklärt Jonathan Stich, Trainer der TuS Steißlingen. "Ein Elfmeter hat eine große Relevanz und kann ein Spiel entscheiden, während man einen Siebenmeter im Handball ausnivellieren kann." Außerdem sei das Fairplay seiner Meinung nach im Handball ausgeprägter. "Das könnte auch daran liegen, dass es im Handball um weniger Geld geht", mutmaßt Stich. Weiterhin sei es eine Frage des Ansehens, so Stich. "Handballer leben von dem Image, hart zu sein. Da möchte man nicht in das Fahrwasser kommen, als weich zu gelten", erklärt der Handball-Trainer.

"Handballer sind nicht härter" Enzo Minardi, Trainer des Fußball-Verbandsligisten Lörrach-Brombach

Enzo Minardi vom Fußball-Verbandsligisten FV Lörrach-Brombach.
Enzo Minardi vom Fußball-Verbandsligisten FV Lörrach-Brombach. | Bild: Scheibengruber, Matthias

"Handballer sind nicht härter als Fußballer", stellt Enzo Minardi, Trainer des Fußball-Verbandsligisten FV Lörrach-Brombach klar. Für ihn sei es vor allem eine Sache der Mentalität und des Vorbilds, erklärt der Fußball-Trainer. "Es hat sich im Fußball so eingebürgert, theatralisch hinzufallen", sagt Minardi, und fügt hinzu: "Es ist gang und gebe auf dem Platz und hat sich dann so weiterentwickelt." Im Handball hingegen seien die Spieler so ausgebildet, schnell wieder aufzustehen und sich abzuklatschen. Für ihn sind vor allem die Trainer und Funktionäre in der Pflicht, das Verhalten zu ändern.

„Handball ist eine andere Sportart“ Jago Maric, Trainer des FC 08 Villingen

War mit dem ersten Testspiel seiner Mannschaft nicht zufrieden und will gegen Radolfzell klare Fortschritte sehen: FC 08 Villingens Trainer Jago Maric. Bild: direvi
War mit dem ersten Testspiel seiner Mannschaft nicht zufrieden und will gegen Radolfzell klare Fortschritte sehen: FC 08 Villingens Trainer Jago Maric. Bild: direvi | Bild: Dieter Reinhardt

Anders sieht es Jaro Maric. „Handball ist eine andere Sportart“, sagt der Trainer des Fußball-Oberligisten FC 08 Villingen. „Es ist robuster und die Handballer haben eine andere Mentalität“, erklärt Maric. Das liege vor allem daran, dass Handballer sich aktiv wehren müssen. Für ihn ist klar. „Man kann beide Sportarten einfach nicht miteinander vergleichen.“ Beim Fußball habe es sich einfach zu einer Theatralik entwickelt, die Handballer hingegen „sind Tiere“. Maric: „Ich weiß nicht, ob ich diese Sportart spielen könnte.“

Mit Material von dpa