Am ersten Tag kann zunächst nicht gespielt werden, der Sandplatz steht unter Wasser – ein Hallenplatz! Keiner weiß etwas auf russischer, jeder ahnt es auf deutscher Seite. Das Geläuf soll langsam sein, damit der leichtfüßige Tschesnokow eine Chance hat gegen den schweren Becker. „Wie beim Joggen am Strand“ fühle sich das an, sagt Becker – und fegt den Russen in vier Sätzen vom Nassplatz. Stich erhöht ebenfalls in vier Sätzen gegen Kafelnikow auf 2:0, das Endspiel gegen die USA ist nahe.

Am Samstag schon versuchen es die Doppel-Olympiasieger von 1992 in Barcelona, zu richten, doch Becker/Stich verlieren in fünf Sätzen gegen Kafelnikow/Olschowski. Am dritten Tag hat Becker Rücken und muss verzichten, Kafelnikow schafft gegen Ersatzmann Bernd Karbacher leicht das 2:2. Und dann nimmt das Drama endgültig seinen Lauf. Stich ist der bessere Tennisspieler, aber Tschesnokow eine Kampfmaschine.

Der fünfte Satz wird zum Tanz auf der Rasierklinge

Stich hat mehr Spielzeit in den Beinen, Tschesnokow die Zuschauer im Rücken. 4:6, 6:1, 6:1, 3:6 aus der Sicht des Deutschen, der fünfte Satz wird zum Tanz auf der Rasierklinge. Nach dreieinhalb Stunden scheint des Russen letztes Tennisstündchen in diesem Match geschlagen zu haben, Break Stich zum 7:6. Wenig später Matchball, Stich stürmt ans Netz und wird passiert. Es gibt nahtlos aufeinander die Matchbälle zwei bis neun, zweimal vergibt sie Stich selbst durch Doppelfehler, mehrfach wird er passiert. Und dann heißt es 7:7 –und am Ende 14:12 für Tschesnokow.

„So was passiert nur alle 50 Jahre“, sagt der deutsche Teamchef Niki Pilic, aber das ist maßlos untertrieben. So was hat’s in der Geschichte des damals noch richtig ruhmreichen Davis Cup noch gar nicht gegeben. „Der größte Moment in der Geschichte dieses Sports fällt aus“, meint Michael Stich mit Blick auf das verlorengegangene Finale gegen die Amerikaner.

Aber die Demütigung geht noch weiter. Erst die Wasserspiele, dann die Machtball-Katastrophe und schließlich eine dekadente Feier im Kreml. Auf der einen Seite in einem üppig mit Gold verzierten Raum stochern demoralisierte Deutsche ins Büffet, auf der anderen lassen sich die Russen hochleben mit Schampus, Kaviar und Frauen, die durchaus interessant aussahen, aber eigentlich nicht dazugehörten. Eine winkt mir zu, mit den Fingern auf sich gedeutet, aber ich schüttele den Kopf und sage nur „netskiy“ (deutscher Mann). Sie nuschelt lachend etwas zurück, das ich nicht verstehe. Wird wohl „neudachnik“ gewesen sein – Verlierer!

Am 3. Dezember 1995 siegten die USA mit Pete Sampras, Jim Courier und Todd Martin mit 3:2 in Moskau. Über eine wie auch immer geartete Kreml- feier ist nichts bekannt.

 

Der Autor dieses Textes Ralf Mittmann.