In Stuttgart können sie alles – außer Fußball! Oder können in Stuttgart doch alle Fußball – außer Markus Weinzierl? Wer den desaströsen Auftritt des VfB Stuttgart bei der 0:6-Klatsche in Augsburg gesehen hatte, konnte nur zu zwei Schlussfolgerungen kommen: Entweder haben Torwart Zielers Vordermänner das Kicken verlernt oder sie kriegen es unter dem Trainer Weinzierl einfach nicht hin. Folgerichtig bekam der erfolglose Übungsleiter (Bilanz in 23 Spielen: 16 Punkte, davon nur sieben in der Rückrunde, vier Siege, vier Unentschieden, 15 Niederlagen) den Laufpass, denn wie sagte doch VfB-Präsident Wolfgang Dietrich so kernig zum hanebüchen geringen Punktestand und Tabellenplatz 16 : „Wo wir stecken, ist so beschissen, das kann ich mir schlimmer gar nicht vorstellen.“

Der 70-Jährige Klubchef vielleicht nicht, die VfB-Fans dagegen schon: Noch beschissener, um es in Dietrichs Tonart zu formulieren, wäre ein Rang tiefer, also Platz 17 und der damit unweigerlich verbundene direkte Abstieg. Die Katastrophe verhindern soll nun kein bekannter, derzeit arbeitsloser Fußballlehrer (etwa Markus Gisdol, Domenico Tedesco, um nur zwei zu nennen), sondern einer aus den eigenen Reihen. Nico Willig, bislang Trainer der U-19-Junioren des VfB, wurde von Sportvorstand Thomas Hitzlsperger in die erste Reihe berufen – wenn auch nur für die restlichen Saisonspiele (vier in der Bundesliga und sehr wahrscheinlich zwei Relegationsduelle gegen den Zweitligadritten, der SC Paderborn, Union Berlin, 1. FC Heidenheim oder vielleicht sogar Hamburger SV heißen kann. Danach soll Willig, unabhängig vom Ausgang der Mission, wieder zu den Jungspunden zurück.

Doch wer, bitte, ist dieser Nico Willig? Auf jeden Fall ein Schwabe und dazu ein echter Fußballfachmann. 1980 geboren in Tübingen, kam Willig als Spieler nur bis zur Oberliga. Für die TSG Balingen bestritt er 92 Partien in der fünfthöchsten Spielklasse, dort übernahm er im Alter von 32 Jahren auch seinen ersten Trainerjob und dirigierte Zehnjährige. Zur Saison 2015/16 wechselte Willig in die Jugendabteilung der Stuttgarter Kickers, ehe ihn der VfB nur ein habes Jahr später abwarb und ihn zum Coach der U 16 machte. Seine Pluspunkte: Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, Gespür für den verantwortungsvollen Umgang mit jungen Fußballern, als deren „Helfer“ er sich bezeichnet. 2016 absolvierte Nico Willig den DFB-Trainerlehrgang in prominenter Runde: Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann und der unlängst auf Schalke entlassene Domenico Tedesco gehörten zu seinem Absolventen-Jahrgang. Mit den beiden bildete Willig zehn Monate lang eine Fahrgemeinschaft, um die Lehrgänge in Hennef zu besuchen. Nagelsmann erinnerte sich in einem Gespräch mit dem Südwestrundfunk so an den den neuen Kurzzeit-Frontmann des VfB Stuttgart: „Ruhig, akribisch, detailversessen.“

Heute um 11.00 Uhr ist Training am Wasen. Doch was soll Willig eigentlich tun? Spielzüge üben oder Standards? Taktiktafeln abarbeiten? Das wird höchstwahrscheinlich wenig bringen, weil es den VfB-Fußballern ja nicht am Können mangelt, sondern eher am Selbstvertrauen. Sportwissenschaftliche Untersuchungen haben längst belegt, dass sogenannte Feuerwehrmänner auf der Fußball-Trainerbank oft schnellen, aber mehrheitlich nur zeitlich begrenzten Erfolg haben – und der kommt stets auf der emotionalen Schiene daher. Wie wär’s also mit einer gemeinsamen Videosession mit den Spielern, bei der fünf bis zehn gute Aktionen von jedem Kicker gezeigt werden? Einen gelungenen Abschluss könnte man sich auch vorstellen: Letztes Bild, danach – ein Name, ein Programm – die Ansage: „Ich bin Willig. Und Ihr?“

Nico Willig hat einen schwierigen Job übernommen, persönlich aber nichts zu verlieren. Bleibt der VfB drin in der Bundesliga, wird das ihm anzurechnen sein. Bleibt er nicht drin, waren’s Markus Weinzierl und davor schon Tayfun Korkut. Und natürlich die Spieler – das sollten Gomez & Co. nicht vergessen!