Das von Vlado Stenzel mit fachlich überragender Kompetenz, dazu mit Emotion und List geführte Team hat Weltklassespieler in seinen Reihen, etwa Joachim Deckarm, Erhard Wunderlich, Kurt Klühspies, Heiner Brand, Arno Ehret oder Kapitän Horst Spengler, aber die Mannschaft der UdSSR mit ihrem strengen, für Außenstehende unnahbaren Trainer Anatoli Jewtuschenko ist im WM-Endspiel von Kopenhagen klarer Favorit. Doch am Ende steht es 20:19 für Spengler & Co., die zuvor in der Hauptrunde in einem Nervenspiel der damals noch existenten DDR ein Unentschieden abgetrotzt hatten.

Wir haben das damals bei einem Freund in Konstanz-Allmannsdorf im Fernsehen geguckt und sind vor Begeisterung ausgeflippt. Die Sowjets besiegt, Wahnsinn, der Sonntagabend dauerte bis in die frühen Montagstunden, aber außer Handball war ja auch noch Fasnacht.

Anatoli Jewtuschenko kommt mit seinen Assen gleich wieder in die Spur, holt mehrere Medaillen, darunter die goldenen bei der nächsten WM 1982 und Olympia 1988. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs geht er in den Westen, trainiert den damaligen Bundesligisten TSV München-Milbertshofen – allerdings ohne Fortune. Die nächste Station ist Kuwait, Jewtuschenko gewinnt mit der Nationalmannschaft die Asienmeisterschaft und qualifiziert sich für die Weltmeisterschaft 1995 .

Die findet in Island statt. Das deutsche Team spielt in Reykjavik, Kuwait im Norden der Insel in Akureyri. Unverhofft ereilt alle Journalisten in der isländischen Hauptstadt eine Nachricht: „Die russische Handball-Legende Anatoli Jewtuschenko lädt WM-Berichterstatter zu einem Gespräch in Akureyri ein.“ Der verschlossene, stets mürrisch dreinblickende Mann will reden? Mit Journalisten, von sich aus? So spontan habe ich selten einen Flug gebucht. Reykjavik-Akureyri, ab zu Anatoli, dem russischen Erfolgstrainer, dem sportlichen Despoten, dem Schweiger von einst.

Der Empfang ist freundlich, fast demütig. Trainingsanzug, freundliche Miene, Anatoli Jewtuschenko begrüßt die Gäste mit Handschlag. Der große Jewtuschenko und Kuwait? „Ja, so ist das, mein Freund“, sagt er, „Anatoli macht jetzt den kleinen Handball in Asien, sind alles Amateure. Aber weißt Du, das andere habe ich alles gehabt, ich habe alles gewonnen.“ Schnell wird klar, dass Anatoli den kleinen Handball nicht freiwillig macht. Seine Zeit ist vorbei, nur will der große Stratege von früher das nicht einsehen. „Ist alles schlimme Sache“, sagt er, „alle wollen nur Revanche und mir die letzten 20 Jahre zurückzahlen, die ich Erfolg hatte“.

Anatoli Jewtuschenkos Herz blutet, weil er sich auf der falschen Seite der Handballkunst sieht. Kuwait, er, der große Anatoli? Auch das ein Teil der großen Revanche? Als er später die Halle verlässt, verlangen Kinder ein Autogramm. Lächelnd schreibt er seinen Namen – und sieht zum Glück nicht, dass die Mädels und Buben auf jeden losspurten, der eine Akkreditierung um den Hals baumeln hat. So steht in einem isländischen Heftchen tatsächlich mein Name neben dem des großen Anatoli Jewtuschenko. Der Maestro von damals, 83 Jahre alt, lebt heute in Wien.

 

Der Autor dieses Textes Ralf Mittmann.