Der SC Freiburg mit 13 Punkten nach sechs Spieltagen, Borussia Dortmund mit nur elf – wer ist da denn der Favorit? Nein, nicht die in der Tabelle fünf Plätze besser positionierten Breisgauer, sondern ganz klar die Gelbschwarzen aus dem Ruhrpott. Denn da gibt es Fakten, die das Momentum überdecken: Seit 16 Spielen hat der BVB nicht mehr gegen den Sportclub verloren. SC-Trainer Christian Streich, seit Dezember 2011 im Amt und damit dienstältester Bundesligacoach, hat in all den Jahren noch nie ein Heimtor bejubeln können – mithin ist der SC Freiburg so etwas wie ein Lieblingsgegner der Borussen.

Luca Waldschmidt von Freiburg und Raphael Guerreiro von Dortmund kämpfen um den Ball.
Luca Waldschmidt von Freiburg und Raphael Guerreiro von Dortmund kämpfen um den Ball. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Und so nimmt die Partie denn auch den erwarteten Verlauf. Die Dortmunder, diesmal ganz in Gelb, diktieren das Geschehen, lassen den Ball manchmal ganz hübsch durch die eigenen Reihen laufen, während die Freiburger mit viel Laufarbeit und klugem defensivem Stellungsspiel dagegenhalten. Die erste positive Ausbeute für die Gäste sind vier Eckbälle binnen 90 Sekunden zwischen der 10. und 12. Minute, sie können keine davon in eine Torchance ummünzen. So hat dann auch tatsächlich der SCF die erste Möglichkeit. Nach einem schönen Pass von Cristian Günter marschiert Luca Waldschmidt, der endlich mal wieder von Anfang an auflaufen darf, auf halblinks Richtung BVB-Torhüter Roman Bürki. Aus zwölf Metern hält der Freiburger Linksfuß drauf, setzt die Kugel aber etwa 40 Zentimeter über den Querbalken (17.).

Nicolas Höfler von Freiburg und Mario Götze von Dortmund kämpfen um den Ball.
Nicolas Höfler von Freiburg und Mario Götze von Dortmund kämpfen um den Ball. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Drei Minuten später gibt es Eckball Nummer fünf für die Borussia. Über Feind und Freund segelt der von Hazard getretene Ball hinweg, ehe er 15 Meter vom Tor entfernt den Sinkflug antritt, um schließlich volley von Witsel in den Kasten befördert zu werden. Ein Traumtor, 0:1 nach 20 Minuten. Das Spiel also in der Spur aus Sicht des Favoriten.

Die Freiburger geben aber nicht klein bei. Nach einer Flanke von Jonathan Schmid über den Fünfmeterraum hinweg, legt Waldschmidt mit einer artistischen Aktion den Ball Günter vor die Füße. Dessen Schuss rauscht knapp am rechten Pfosten vorbei (25.), Bürki wäre chancenlos gewesen. Dann ist wieder der BVB an der Reihe. Mario Götze, nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Alcacer in der Startelf, legt Julian Brandt den Ball maßgerecht auf – allerdings nicht vor die Füße, sondern auf den Kopf! Der blonde Mittelfeldakteur mag ja ein hochtalentierter Fußballer sein, aber die Disziplin Kopfballspiel gehört nicht wirklich zu seinem Repertoire. Und so setzt Brandt den Ball unbedrängt hoch übers Tor (34.). Fünf Minuten vor der Pause kocht Günter an der Seitenlinie Hakimi ab, stürmt los, bedient Waldschmidt, der sofort abzieht. Knapp einen halben Meter rauscht der Ball am linken Pfosten vorbei. Halbzeit also 0:1 bei 0:9 Ecken!

Mats Hummels von Dortmund kämpft mit Jonathan Schmid von Freiburg um den Ball.
Mats Hummels von Dortmund kämpft mit Jonathan Schmid von Freiburg um den Ball. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Die zweite Halbzeit beginnt mit einer Chance der Gastgeber. Lucas Höler und Schmid behaupten im Strafraum den Ball, dann kommt Waldschmidt zum dritten Mal zum Abschluss. Aus halbrechter Position lässt er einen trockenen Schuss vom Stapel, der aber wieder zu hoch geht und einen Meter über die Latte fliegt (50.). Und die Freiburger präsentieren sich jetzt viel mutiger! Nach Ballgewinn an der Mittellinie läuft der Angriff, Schmid legt quer auf Waldschmidt und wenig später wissen die Dortmunder, dass man den jungen Mann vielleicht dreimal ungestraft schießen lassen kann, aber nicht viermal. Unhaltbar für Bürki rauscht die Kugel in der 55. Minute rechts unten zum 1:1 ins Netz. Da ist es also, das erste Heimtor für den Sportclub in der Ära Streich!

Luca Waldschmidt von Freiburg bejubelt den 1:1-Ausgleichstreffer.
Luca Waldschmidt von Freiburg bejubelt den 1:1-Ausgleichstreffer. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Die Freiburger wollen mehr, kommen zu ihrer ersten und gleich noch zu zwei weiteren Ecken – doch dann kontern die Westfalen eiskalt. Der eingewechselte Jadon Sancho bringt auf rechts Hakimi ins Spiel, der trickst im Strafraum Günter aus, schießt mit links einfach mal mittendrauf und vom Fuß des SC-Verteidigers Lukas Kübler geht der Ball zum 1:2 ins Tor (67.). Ein herber Nackenschlag für die wackeren Freiburger.

Torwart Alexander Schwolow von Freiburg ist beim 1:2 geschlagen.n.
Torwart Alexander Schwolow von Freiburg ist beim 1:2 geschlagen.n. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Aber auch wenn sie nun wieder zurückliegen, die Spieler von Christian Streich wollen mehr. Und der Trainer auch! Streich beordert in der 75. Minute den bis dahin auf der Bank sitzenden Nils Petersen für Mittelfeldspieler Amir Abrashi aufs Feld. Es wird nun ein wilder Ritt, garniert von einigen unglücklichen Entscheidungen von Schiedsrichter Sven Jablonski und bis zum Schluss einem gellenden Pfeifkonzert für Mats Hummels, der einen Freistoß bekam, den er nie hätte kriegen dürfen. Nach 84 Minuten setzt Streich, der vor Petersen schon Roland Sallai eingewechselt hatte, auf „all in“ und schickt für Kübler Vincenzo Grifo auf den Rasen. Und dann nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Akanji wehrt eine Sallai-Flanke ungenügend ab, Grifo kommt an der Torauslinie an den Ball und hält einfach volle Kanne mit links drauf. Die Kugel prallt gegen den Fuß Bürkis, nimmt eine Richtungsänderung vor und trudelt zum 2:2 hinter die Linie.

Die Freiburger feiern den 2:2 Ausgleichstreffer.
Die Freiburger feiern den 2:2 Ausgleichstreffer. | Bild: Thomas Kienzle/afp

Was für ein Schlussakkord. Endlich mal wieder keine Niederlage für den SC Freiburg gegen Borussia Dortmund. Und selbstverständlich bleiben die Breisgauer in der Tabelle auch vor dem Titelaspiranten!