Die WM-Vorbereitung liegt hinter Joachim Löw und seinen 23 für die Weltmeisterschaft in Russland berufenen Spielern. Nach einem Kurzurlaub, der nach dem mühsamen 2:1-Sieg im letzten Testspiel am Freitagabend in Leverkusen gegen Saudi-Arabien begann und der heute Abend endet, fliegt der Tross des Deutschen Fußball-Bundes am Dienstag um 13 Uhr mit Flug LH 2018 von Frankfurt nach Moskau.

Im Gepäck hat der Weltmeister von 2014 ein bisschen Hoffnung, ein bisschen Selbstvertrauen, vor allem aber auch ein unerfreuliches Problem. Der Stand der Dinge kurz vor WM-Beginn, wir sagen, was positiv ist und was negativ – das Gute zuerst:

 

  • Manuel Neuer: Der „Fuß der Nation“ hält, der Welttorhüter ist gesund und fit. Auf ihn wird Verlass sein, was angesichts der in beiden Tests gegen Österreich und Saudi-Arabien zutage getretenen Abwehrschwächen hilfreich sein wird.
  • Marco Reus: Der Dortmunder reist ganz besonders glücklich nach Russland. Nach etlichen Pech-Jahren ist der 29-Jährige endlich nicht verletzt – und er präsentierte sich gegen Saudi-Arabien auch in echter Turnierform. Der Bundestrainer lobte „wahnsinnig gute Laufwege“ und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus: „Ich bin froh, dass er diesmal beim Turnier dabei ist.“
  • Zur Erinnerung: Vor der WM 2014 verletzte sich Reus am Tag vor der Abreise nach Brasilien beim 6:1 im letzten Testspiel gegen Armenien schwer. Den Triumph der Kollegen konnte er nur am Fernseher verfolgen. Vor der Europameisterschaft 2016 musste der Instinktfußballer wegen Schambeinproblem aus dem Vorbereitungscamp abreisen.

    Besser wurde es für den EM-Teilnehmer von 2012 auch danach nicht: Aber nach seinem Kreuzbandriss im Pokalfinale 2017 hat sich der Dortmunder eindrucksvoll zurückgekämpft. In Russland könnte Reus nun zu Löws Turniertrumpf werden. „Er hofft wie ich, dass ich jetzt auch bei der WM zünde“, sagt Reus. Er könne eine Rakete sein, sagte Löw über Reus: „Er hat ein besonderes Gespür für den Raum, enormes Tempo und eine herausragende Technik.“
  • Joachim Löw: Der Bundestrainer malt sich die Welt schön, sagen die Pessimisten. Der Bundestrainer ist noch cooler und souveräner geworden, sagen die Optimisten. Fakt ist, dass Löw eine beachtliche Ruhe ausstrahlt angesichts der sportlichen Nachlässigkeiten und der nicht endenwollenden Diskussionen um Das Treffen von Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Erdogan (siehe letzten Absatz). Aus sportlicher Sicht gibt es Gründe für Löws Gelassenheit.

    Er kennt ja seine Spieler ganz genau, weiß deren Leistungsstand einzuordnen und was daraus folgernd noch zu tun ist in der halben Woche in Moskau, bevor es am Sonntag (17.00 Uhr MESZ/ZDF) zum Auftakt gegen Mexiko geht. „Wir müssen sicherlich noch drauflegen“, sagte der Bundestrainer nach dem 2:1 gegen Saudi-Arabien. Aber er sagte auch noch das: „Wenn es losgeht, werden wir da sein.“
  • Die Zeit: In den Vorbereitungen auf WM oder EM lief bei der deutschen Nationalmannschaft selten alles glatt ab. Und auch bei den Turnieren dauerte es manchmal seine Zeit, bis es rollte. Selbst beim WM-Titelgewinn vor vier Jahren war das so: Einem leichten, von glücklichen Faktoren (umstrittener Elfmeter zum 1:0, Platzverweis Pepe in der ersten Halbzeit) begünstigten 4:0 gegen Portugal folgten wenig berauschende Partien gegen Ghana (2:2 nach 1:2-Rückstand) und die USA (1:0) sowie ein Zitterspiel gegen Algerien im Achtelfinale.

    Beim 2:1 nach Verlängerung hatte Manuel Neuer gleich viermal weit außerhalb des Strafraums in Harakiri-Manier geklärt, wäre er bei den Aktionen nur ein bisschen zu spät gekommen, wäre ein Platzverweis logische Folge gewesen. Soll heißen: Geduld und Vertrauen haben in des Bundestrainers Kenntnisse – und vielleicht sogar etwas Zuversicht?

Und damit zu den Baustellen für Bundestrainer Joachim Löw, Teammanger Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Reinhard Grindel. Beginnen wir mit dem Sportlichen:

  • Die Abwehr: Da harzt es noch enorm. Jérôme Boateng ist belastbar, aber noch nicht hundertprozentig fit. Jonas Hector sucht seine Form – und will sie einfach nicht finden. Joshua Kimmich leistete sich defensiv zu viele Schnitzer. Mats Hummels zeigte sich mehrere Male angefressen angesichts der Nachlässigkeiten, von denen auch das Mittelfeld nicht freizusprechen ist. Gegen Saudi-Arabien war Sami Khedira zwar oft der Antreiber im Spiel nach vorne, Toni Kroos gab aber, im Schongang agierend, nicht die erforderliche Absicherung. Sollte Boateng bis Sonntag nicht fit werden, dürfte Niklas Süle erste (Ersatz-)Wahl sein. Bei Hector gilt das Prinzip Hoffnung, bei Kimmich ist Vertrauen angesagt.
  • Die Präzision: Sowohl gegen Österreich als auch gegen Saudi-Arabien gab es viele Stockfehler und schlechte Pässe, dadurch bedingt unnötige Ballverluste. Das galt am Freitagabend vor allem für Boateng, Hector, Julian Draxler und Thomas Müller. Anzunehmen ist freilich, dass in einem WM-Spiel die Konzentration der DFB-Kicker deutlich höher ist.
     
  • Die Chancenverwertung: In Österreich wurden mehrere Konterchancen fahrlässig vertändelt, gegen die Saudis jede Menge klare Torchancen ausgelassen. Gündogan, Draxler, Khedira, Timo Werner, Julian Brandt und auch Marco Reus ließen beste Gelegenheit ungenutzt. Das war noch nicht WM-tauglich.
  • Die Debatte um Gündogan und Özil: Vier Wochen nach den Fotos der beiden Nationalspieler mit dem umstrittenen türkischen Präsidenten Erdogan ist der Wirbel weiter groß. DFB-Präsident Reinhard Grindel erklärte in Leverkusen, „es war ein Fehler, das haben die beiden eingesehen. Jetzt sollte der Fußball im Mittelpunkt stehen.“ Das meint auch Teammanager Oliver Bierhoff, der vor dem Spiel gegen die Saudis die Contenance verlor und ARD-Reporter Alexander Bommes anherrschte: „Ihr bringt es doch jeden Tag wieder, weil ihr keine Themen habt.“ Damit machten weder Grindel noch Bierhoff eine gute Figur.

    Am Sonntag meldete sich Liga-Präsident Reinhard Rauball zu Wort. Er kritisierte den DFB: „Das Thema ist unterschätzt worden. Und ich glaube auch, dass man es nicht alleine mit den Maßnahmen und Erklärungen, die bisher erfolgt sind, aus der Welt schaffen kann.“ Welche Maßnahme erfolgreich sein könnte, sagte Rauball freilich nicht. Nach außen, also an die Öffentlichkeit und hier vor allem an die Fans gerichtet, wird das, wenn überhaupt, vor WM-Beginn nicht mehr zu leisten sein. Intern wird aber daran gearbeitet. Sami Khedira, Löws Mann, der zum Anführer taugt, hat ein Vier-Augen-Gespräch mit Mesut Özil geführt und sich auch mit Ilkay Gündogan ausgetauscht.

    Die Mannschaft steht geschlossen hinter den beiden. Die Spieler würden „für die Mannschaftskollegen einstehen, weil sie alles für uns geben“, sagte Mats Hummels. Und Mario Gomez richtete einen Appell an die Fans: „Ich bitte die Leute einfach darum, daran zu denken, dass wir Weltmeister werden wollen. Dafür brauchen wir den Illy, dafür brauchen wir den Mesut.“