"Sechs Minuten noch im Berner Wankdorfstadion, keiner wankt."

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Ein Treffen? Schlecht. "Mein Mann hat viel zu tun, ist immer noch oft unterwegs." Die Stimme im Telefon klingt freundlich, aber bestimmt. Die Stimme gehört Hannelore Eckel, der Gattin von Horst Eckel. "Ich schaue danach", fährt sie fort, "dass es nicht zu viel wird." Ein Telefonat vielleicht? "Gut", sagt Hannelore Eckel, "er kommt gleich."

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"Boszik, immer wieder Boszik, der rechte Läufer. Er hat den Ball verloren diesmal, gegen Schäfer." *

Horst Eckel, 82 Jahre, einer der Helden des "Wunders von Bern", eine ganz besondere Lebensgeschichte ist das. Deswegen reist er auch im fortgeschrittenen Alter noch so oft von Vogelbach aus, seiner Heimat in der Pfalz, quer durch Deutschland. Er erzählt Anekdoten, erzählt, wie es war mit dem unvergessenen Trainerfuchs Sepp Herberger, den alle den Chef nannten. Wie es war mit Fritz Walter, den alle Friedrich riefen. Wie es war mit Helmut Rahn, für alle schlicht "der Boss". Und er erzählt, dass sie in Wahrheit gar keine Helden gewesen seien. "Wir waren ganz normale Menschen", sagt Eckel, "und das sind wir auch geblieben." Mit "normal" meint Eckel einfach, geerdet, bescheiden, er hat Recht. Aber Helden waren sie trotzdem.

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"Schäfer, nach innen geflankt, Kopfball, abgewehrt, aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen." *

Bern, Wankdorfstadion, 4. Juli, WM-Endspiel Deutschland gegen Ungarn 3:2. Der Außenseiter besiegt den haushohen Favoriten, der seit vier Jahren kein Spiel mehr verloren hatte, die Fußballsensation schlechthin. Am 4. Juli jährt sich das unglaubliche Ereignis zum 60. Mal. Eckel wird wieder mal auf Achse sein. "Ich bin bei einem Fest der Sepp-Herberger-Stiftung in Mannheim", sagt Eckel, "da muss ich hin." Das "muss" klingt im ersten Augenblick etwas irritierend, als ahnte er das, schiebt Eckel nach: "Ich kann nicht mehr alles machen, muss auswählen, muss auch Einladungen absagen." Einsicht oder sanfter Druck der Gattin, das ist nicht zu erfahren. "Ich bin 82 Jahre alt", sagt Eckel, "wenn ich andere 80-Jährige am Stock gehen sehe, muss ich zufrieden sein mit meiner Gesundheit. Aber wenn mich die Frau in den Keller schickt, um was zu holen, dann wird's schwierig." Horst Eckel lacht – nein, das wird seine Hannelore nicht tun. Und, ja, der 4. Juli in Mannheim, bei der Sepp-Herberger-Stiftung, das ist ein wohlgelittenes Muss.

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"Rahn schießt. Tor! Tor! Tor! Tor! 3:2 für Deutschland!" *

Das Wunder von Bern. Wirkliche Fußballfans kennen alle Details. Friedrichs gelegentliche Ängste, der nächtliche, alkoholgetränkte Ausflug vom Boss während der WM, die Freude der Spieler am Endspieltag, als es zu regnen begann – weil der Friedrich bei nassem Rasen besonders gerne und gut kickte und seit damals Regen am Spieltag kurz und bündig Fritz-Walter-Wetter heißt. Alle Details? Wirklich? Hat Horst Eckel vielleicht doch noch eine Pointe im Hinterkopf? "Ich glaube, es ist alles erzählt", sagt er. Und was war mit der kleinen Halle im Bauch des Wankdorfstadions? Hatte die nicht der Herberger reservieren lassen? Und wollten nicht auch die Ungarn den Raum für sich haben? Und ist der Chef mit seinen Spielern gar nicht in die Halle gegangen? Hatte Herberger die Halle nur gebucht, damit sie die Ungarn nicht haben konnten? Es ist eine kleine Randgeschichte, die nie groß thematisiert worden ist all die Jahre. Aber beim SÜDKURIER-VS-Forum in Villingen anno 2004, kurz vor dem 50-jährigen Jubiläum, wurde sie von dem am 29. Dezember 2008 verstorbenen, legendären Fernsehreporter Rudi Michel und Horst Eckel zum Besten gegeben. "Ja", sagt Eckel, "der Herberger hat immer alles vorausgeplant. Auch dass wir im beschaulichen Hotel in Spiez wohnten, weit ab vom Schuss, dass wir unsere Ruhe hatten. Er hat nichts dem Zufall überlassen." Die Ungarn wohnten in einem Stadthotel und wurden von Lärm gestört, so auch in der Nacht vor dem Finale.

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"Viereinhalb Minuten Daumen halten in Wankdorf. 3:2 für Ungarn – für Deutschland, ich bin auch schon verrückt." *

Politologen, Historiker, Psychologen und Soziologen haben das Wunder von Bern analysiert. Sie waren sich einig in der Bewertung, dass neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs der 4. Juli 1954 das Symbol eines gesamtgesellschaftlichen deutschen Aufschwungs war und neben der Währungsreform vom 19. Juni 1948 das zweite Geburtsdatum der Bundesrepublik Deutschland darstellt, das nicht das offizielle (23. Mai 1949) ist. Das Kennzeichen von historischen Stunden – etwa die Ermordung John F. Kennedys am 22. November 1963 oder der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 – scheint es zu sein, dass noch Jahrzehnte später jeder erzählen kann, was er in dem Augenblick getan hat, als er davon erfuhr. So war das immer auch mit dem 4. Juli 1954. Hannelore Eckel aber hat Recht, auch das Telefonat strengt ihren Horst an. "Doch, dass wir was Besonderes geleistet hatten, das wussten wir schon. Und das erfahre ich ja auch heute immer noch. Sonst", sagt Horst Eckel, "hätten Sie ja auch nicht angerufen."

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"Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!" *

Nein, dieses Spiel wird niemals aus sein. Dafür wird nie mehr ein Fußballspiel eine solche Bedeutung haben, aber das ist wohl auch ganz gut so.

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P.S. Die Zwischenzeilen stammen aus der legendären Radioreportage von Herbert Zimmermann. Außer Horst Eckel lebt von den Berner Helden, pardon, von den ganz normalen Menschen, die ein Fußballspiel gewannen, nur noch der Kölner Hans Schäfer (86).