Urs Pöllmann kann sich noch genau erinnern. Es war ein Geschenk von seinem Patenonkel. Ein Stück Papier, das dem heute 41-Jährigen ein Strahlen ins Gesicht zauberte. Eine Eintrittskarte für den Hockenheimring zur Formel 1. 1992 war das. Das Jahr, in dem Michael Schumacher erstmals in Deutschland ein Rennen in der Königsklasse fuhr.

Damals noch für Benetton. Ein Spektakel war es, Schumacher erreichte gleich bei seinem ersten Auftritt vor heimischem Publikum das Podest. Die Menge grölte. Auch Urs Pöllmann, damals 15 Jahre alt, ließ sich sich vom Formel-1-Virus anstecken. Schumacher-Fan war der Jestetter zwar nie, an den Hockenheimring aber reiste er regelmäßig. Mit Gleichgesinnten, meist etwa 20 Mann, zeltete er auf den Campingplätzen rund um den Ring.

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Einen freien Platz zu finden, war schwierig. Rund 60 000 Fans trafen sich hier. Zum Zelten, Trinken, Feiern, aber auch Formel-1-Schauen. Die Königsklasse war damals in, das Deutschland-Rennen fester Bestandteil des Kalenders. „Wir haben dort vier Tage lang unseren Spaß gehabt.

Die nahe A6 hat man kaum gehört, als aber die Formel-1-Autos losgefahren sind, war man im Bett gestanden“, erzählt Pöllmann. In Frankreich waren sie beim Rennen, in Monaco oder Monza. Alles Traditionsrennstrecken. Doch wie geht es mit der Formel 1 in Deutschland weiter?

Europa gerät aus den Augen

Baku, Bahrain, Sotschi, Abu Dhabi, vielleicht bald Vietnam und Miami – die Formel 1 setzt ihre Weltreise ungehindert fort. Und verliert dabei ihr Stammgebiet Europa mehr und mehr aus den Augen. Traditionsrennstrecken fallen immer häufiger weg. Das hatte unter Bernie Ecclestone seinen Anfang und setzt sich unter den neuen Eigentümern von Liberty Media fort.

In den Jahren 2014 und 2016 waren deutlcih weniger Zuschauer am Hockenheimring, als es sich die Veranstalter erhofft hatten.
In den Jahren 2014 und 2016 waren deutlcih weniger Zuschauer am Hockenheimring, als es sich die Veranstalter erhofft hatten. | Bild: Bernd Weißbrod/dpa

Wer zahlt, hat gute Chancen auf die Ausrichtung eines Rennens. Mit Ecclestone soll der Hockenheim-Vertrag besagen, dass alleine für das Antreten rund 15 Millionen Euro fällig sind. Eine gewaltige Summe. Kommen in diesem Jahr tatsächlich 70 000 Fans zum Rennen ins Badische – was ein Rekordbesuch seit 2006 wäre–, ist die schwarze Null erreicht. Immerhin. Dieser Ecclestone-Vertrag läuft nach diesem Rennen aus. 2019 wird die Formel 1 in Deutschland ein weiteres Mal fehlen, was 2020 passiert, weiß niemand. Vielleicht fehlt die Autofahrernation Deutschland tatsächlich für einen längeren Zeitrahmen im Kalender der Königsklasse.

Zuschauerzahlen wurden immer kleiner

Die Schumacher-Zeiten waren einmalig. RTL verzeichnete im Fernsehen Rekordquoten, im Motodrom am Hockenheimring quetschten sich die Fans. Bis zu 120 000 Zuschauer sollen an der Strecke gewesen sein, Zusatztribünen waren nötig. Zahlen, die heute nicht mehr zu erreichen sind. Die Hockenheim-Verantwortlichen um Ringchef Georg Seiler sind schon mit den wohl erreichten 70 000 zufrieden.

Zum Vergleich: Vor zwei Jahren waren gerade mal 57 000 Zuschauer zum Rennen gekommen, 2014 sogar nur 52 000. Das bedeutete einen Verlust von zwei Millionen Euro. Und das alles, obwohl auch nach Michael Schumacher deutsche Fahrer sehr erfolgreich waren. Sebastian Vettel wurde viermal Weltmeister, Nico Rosberg holte 2016 mit Mercedes den WM-Titel. Der deutsche Formel-1-Fan aber schien satt zu sein.

Titelkampf sorgt für mehr Interesse

Ganz unschuldig ist die Königsklasse an dieser Entwicklung nicht. Die Autos wurden immer leiser, die Regeln immer undurchsichtiger und die Rennen immer langweiliger. Es gab immer ein Team, das dominierte. Lange war das Red Bull, später Mercedes. In dieser Saison scheint sich nun tatsächlich ein enger Kampf um die Spitze zu entwickeln. Und schon steigen Zuschauerzahlen und TV-Quoten. Das Duell Sebastian Vettel gegen Lewis Hamilton begeistert.

Michael Schumacher feiert mit seinem Team den Sieg 2002 in Hockenheim.
Michael Schumacher feiert mit seinem Team den Sieg 2002 in Hockenheim. | Bild: Bernd Weißbrod/dpa

Ein deutscher Fahrer mit der Möglichkeit, im Ferrari Weltmeister zu werden – das lässt das Herz von Motorsportfans höher schlagen. Vielleicht aber ist die Motivation, nach Hockenheim zu kommen, auch eine ganz andere: Keiner weiß, ob es in naher Zukunft noch ein Rennen in Deutschland geben wird. Warum also nicht beim vermeintlichen letzten Mal dabei sein? Nicht zu vergessen die vielen Fans aus Holland. Rund 10 000 Niederländer werden in Nordbaden erwartet, um Max Verstappen zu unterstützten.

Bis 2006 gab es jährlich ein Rennen in Hockenheim, ab 2008 wechselte sich die nordbadische Strecke mit dem Nürburgring ab. Seit 2014 aber macht die Formel 1 einen Bogen um die Eifel, weil die Veranstalter dort die Gebühren nicht mehr zahlen konnten. Seitdem findet der Deutschland-GP nur noch alle zwei Jahre statt. Alternative Berlin?

Die Formel-1-Besitzer würden offenbar gerne in die deutsche Hauptstadt mit ihrem Rennen ziehen. Das würde ihren Vorstellungen vom Eventcharatker einer solchen Veranstaltung näher kommen. Doch fehlt dort die Infrastruktur für ein solch großes Rennen.

Ein Faustkampf in der Formel 1? Ja, und zwar 1982 auf dem Hockenheimring:

Klar ist: Vielen würde etwas fehlen, wenn die Formel 1 nicht mehr in Deutschland starten würde. Sebastian Vettel sagt: „Ich fürchte, dass es das letzte Mal für einige Zeit sein wird. Es wäre eine Schande, dass Rennen zu verlieren.“ Vieles deutet daraufhin. Auch weil die Formel 1 so teuer ist. Das billigste Drei-Tages-Ticket am Hockenheimring kostet 130 Euro, die teuerste Kategorie 519 Euro. Karten nur für den Sonntag beginnen ab 119 Euro und gehen bis zu 389 Euro. Mit Übernachtung und Verpflegung kommt eine Summe zusammen, die auch für eine Woche Urlaub in der Türkei oder Spanien reichen würde.

Urs Pöllmann aus Jestetten erinnert sich an früher: „Damals haben die drei Tage 220 D-Mark gekostet.“ Auch nicht wenig, aber zu besten Schumacher-Zeiten waren viele bereit, soviel zu zahlen. Das hat sich geändert. Georg Seiler, der Geschäftsführer des Hockenheimrings, weiß das. Er sagt: „Wir können, wollen aber nicht ohne die Formel 1 leben.“ Soll heißen: Der Hockenheimring ist auch mit anderen Rennsportveranstaltungen gut gebucht. Die Königsklasse aber einmal im Jahr auf der Strecke zu haben, ist das i-Tüpfelchen.

Das waren die spektakulärsten deutschen Formel-1-Rennen

  • 1976, Nürburgring: Plötzlich steht das Auto in Flammen. Der Fahrer sitzt noch in seinem Wagen, es sind schrechliche Bilder auf der Norschleife. In der zweite Runde hatte Niki Lauda die Kontrolle über seinen Ferrari verloren. Das Auto durchschlägt den Fangzaun, prallt gegen eine Böschung und geht nach der Rückkehr auf die Strecke sofort in Flammen auf. Zwei nachfolgende Piloten können nicht ausweichen und rammen den Ferrari. Niki Lauda, damals 27 Jahre alt, kommt mit starken Verbrennungen und einer verätzten Lunge ins Krankenhaus. Die Prognosen der Ärzte sind nicht gut. Doch Lauda kämpft. . „Ich wollte nicht sterben, ich wollte leben – und deshalb habe ich gekämpft,“ erinnert sich Lauda. Bereits sechs Wochen nach dem Unfall feiert Lauda sein Comeback. Beinahe wäre er in dieser Saison sogar noch Weltmeister geworden, am Ende fehlte ihm nur ein Punkt auf James Hunt. 1977 und 1984 wurde Lauda jeweils noch mal Welmeister. Seit diesem schweren Unfall von Niki Lauda 1976 fand kein Formel-1-Rennen mehr auf der berühmten Nordschleife statt, 1984 wurde eine neue Grand-Prix-Strecke eröffnet.
    Nach einem Zusammenstoß in der zweiten Runde beim Grand Prix auf dem Nürburgring am 01.08.1976 brennt der Ferrari des österreichischen Formel-1-Weltmeisters Niki Lauda. Lauda trägt schwere Verbrennungen davon und wird in eine Ludwigshafener Klinik geflogen.
    Nach einem Zusammenstoß in der zweiten Runde beim Grand Prix auf dem Nürburgring am 01.08.1976 brennt der Ferrari des österreichischen Formel-1-Weltmeisters Niki Lauda. Lauda trägt schwere Verbrennungen davon und wird in eine Ludwigshafener Klinik geflogen. | Bild: UPI/dpa
  • 1982, Hockenheimring: Faustkampf in der Formel 1. Auch das gab es schon. Nelson Piquet fuhr im August 1982 auf dem Hockenheimring einem souveränen Sieg entgegen, als ihm bei einer Überrundung plötzlich Eliseo Salazar in die Quere kommt. Piquet setzte zum Überholen an, der Chilene aber hatte ihn übersehen. Beide Autos berührten sich, drehten von der Strecke und blieben beschädigt liegen. Piquet war zornig ob dieser Nachlässigkeit von Salazar und teilte ihm das unmissverständlich mit. Plötzlich flogen die Fäuste, Piquet griff mit Schägen und Tritten an. Erst Streckenposten konnten die beiden trennen. Das Rennen gewann Patrick Tambay.
    Nelson Piquet verlor 1982 die Nerven. Hier ist er im Gespräch mit Bernie Ecclestone.
    Nelson Piquet verlor 1982 die Nerven. Hier ist er im Gespräch mit Bernie Ecclestone. | Bild: -
  • 1995, Hockenheimring: Michael Schumacher begeistert die Zuschauer. Imm Benetton gelingt ihm der erste Sieg eines deutschen Piloten beim Heimrennen. In den folgenden Jahren nahm die Begeisterung um Schumacher und die Formel 1 immer mehr zu. 2002 feierte Schumacher seinen zweiten Sieg in Deutschland, diesmal mit Ferrari. 2004 und 2006 wiederholte er diesen Triumph. Sein Bruder Ralf Schumacher gewann 2001 auf dem Hockenheimring, 2013 Sebastian Vettel auf dem Nürburgring. Nico Rosberg siegte 014 auf dem Hockenheimring.
    Auf dem Weg zum Sieg: Michael Schumacher wird 1995 von den Fans gefeiert.
    Auf dem Weg zum Sieg: Michael Schumacher wird 1995 von den Fans gefeiert. | Bild: Bernd Weissbrod/dpa