Siebte Pole-Position in dieser Saison, siebter Sieg – Lewis Hamilton lässt seinen Silberpfeil auch in der südostasiatischen Nacht strahlen. Einmal mehr machen er und sein Mercedes-Team auf Ferrari-Territorium alles richtig – und die Scuderia macht es dem Briten sehr, sehr einfach. Das Verzocken bei der Strategie führt dazu, dass Sebastian Vettel nur Dritter hinter Max Verstappen wird, und damit in der WM-Gesamtwertung weitere zehn Punkte auf den Rivalen verliert. Der Rückstand des Heppenheimers liegt jetzt schon bei 40 Zählern. Der im Rennen beträgt nach 61 Runden 39,9 Sekunden, das ist demoralisierend.

Nach dem vierten Sieg in den letzten fünf Rennen funkt der Triumphator in die Box: „Druck machen! Weiter Druck machen!“ Hamilton spürt, dass er dem Traum vom fünften Titel ein deutliches Stück näher gekommen ist, er lässt sich tragen von diesem Gefühl. „Du bist ein Serientäter“ begrüßt ihn der Moderator, aber Hamilton geht erstmal in die Knie, kontert mit Begriffen wie „Glauben, Vertrauen, Segen.“ Sebastian Vettel ist entsprechend desillusioniert: „Wir waren nicht schnell genug. Am Anfang haben wir es mit Aggressivität probiert, aber das hat nicht funktioniert. Danach musste ich wegen der Reifen ein anderes Rennen als die anderen fahren, es ging nur darum, das Auto nach Hause zu bringen. So hatten wir keine Chance hier. Ich habe schon vorher gesagt, dass wir uns nur selbst schlagen können.” Und was die schwindenden Titelchancen angeht: „Geholfen hat das nicht...”

Im ersten Start-Versuch kommt Lewis Hamilton am besten weg, Vettel greif schon Max Verstappen an, besinnt sich aber an den Crash im Vorjahr. Der Niederländer schlüpft nochmal innen durch, doch justament als Esteban Ocon von seinem Force-India-Kollegen Sergio Perez in die Mauer gedrückt wird, überholt der Heppenheimer in einem Rad-an-Rad-Duell unter der Tribünendurchfahrt den Red-Bull-Renault. Perfektes Timing. Dann wird das Rennen neutralisiert. Noch nie hat es einen Äquator-Grand-Prix ohne Safety-Car-Einsatz gegeben.

In der vierten Runde kommt es beim Neustart zum Ausscheidungsfahren der beiden Titelkandidaten. Hamilton legt vor, beflügelt immer noch von seiner überwältigenden Qualifikationsrunde. Der Silberpfeil nimmt dem Ferrari auf den ersten fünf Kilometern freie Fahrt 1,1 Sekunden ab, und das, obwohl der Marina Bay Street Circuit klassisch rotes Territorium ist. Aber der Verfolger lauert, Hamilton kann den Rückspiegel nicht aus den Augen lassen. Warten, bis einer einen Fehler macht. So halten sich auch die Zuschauer wach, die Rundenzeiten liegen zwölf Sekunden über jenen in der Qualifikation. Bis zur ersten Boxenstoppphase. Taktik und Reifenmanagement würden diesen 14. WM-Lauf mitentscheiden.

„Seine Pneus sind runter“, funkt ein aufgeregter Ferrari-Ingenieur an Verfolger Vettel. Der gibt trocken zurück: „Glaube ich nicht.“ Hamilton ist tatsächlich weiter schnell unterwegs, dafür kommt nach 15 Runden Vettel als erster rein, sofort zieht Mercedes nach. Eine Frage, wer die richtige Verkehrslücke gefunden hat. Der Brite reiht sich vorübergehend als Fünfter wieder ein, Vettel ist Siebter. Der Unterschied liegt in der Reifenwahl: Ferrari setzt auf Ultrasoft, Mercedes auf Soft. Damit gehen die Italiener auf Risiko und wegen des Verschleißes auf zwei Stopps; Mercedes probiert mit der langsameren, aber haltbareren Mischung, mit einem durchzukommen. Die Taktik bringt neue Spannung. Und eine neue Hürde für Vettel: Nur um einen Meter vor ihm schlüpft Max Verstappen nach seinem Boxenhalt wieder auf die Piste. Dem Harakiri-Plan, seinen Reifen bis auf den Grund abzufahren und sich einen Stopp zu sparen, erteilt der Angreifer zunächst eine Absage: „Die werden nicht bis zum Schluss halten.“

Hamilton baut seinen Vorsprung auf Vettel durch den Puffer Verstappen auf über sieben Sekunden aus, als alle Top-Fahrer in der Box waren. Bei RTL wird der Ferrari-Stratege als „Praktikant des Monats“ verhöhnt. Zu früh gewechselt, und dann die verkehrte Mischung gewählt. Ist es schon die Verzweiflung in diesem Titelrennen, die die Scuderia einerseits lähmt, andererseits zu aggressiv macht? Bleibt nur noch „Plan C“, eben doch durchzufahren. Das muss Vettel versuchen, mit einem weiteren Halt würde er auf Platz sieben zurückfallen. Dementsprechend vorsichtig fährt der Ferrari-Pilot. Am Ende hat Hamilton mehr als eine halbe Minute Vorsprung auf Vettel – eine Demütigung.