Herr Becker, wie überraschend ist es, dass wir hier in Wimbledon noch einmal das Duell Federer gegen Nadal sehen?

Becker: Gar nicht überraschend. Roger und Rafa besitzen auch jetzt noch diese herausragende Klasse, die sie vom Rest des großen Feldes abhebt. Man hat es auch bei diesem Turnier gesehen: Der ein oder andere Gegner hält ganz ordentlich mit einige Zeit, aber dann schalten Federer und Nadal einen Gang höher, finden einen anderen Level. Sie ziehen weg, uneinholbar.

Dabei wurden beide auch gern schon mal abgeschrieben von Experten, wegen Verletzungen oder Formkrisen.

McEnroe: Ich gebe zu, dass ich auch meine Zweifel hatte. Federer hatte vor drei Jahren diese Meniskusprobleme. Er war da schon 34, und man dachte: Wie wird das weitergehen mit ihm? Jetzt haben wir die Antwort erhalten. Wenn ich sehe, wie er sich da draußen mit seinen 37 Jahren bewegt, wie er über den Rasen tänzelt, dann sage ich nur: Wow. Das ist schon unglaublich. Für Nadal gilt das auch, seine Comebacks nach vielen Verletzungen sind schlicht unfassbar, er hat die Zweifler wieder und wieder eines Besseren belehrt.

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Becker: Man kann nur den Hut ziehen vor den beiden, auch vor Novak Djokovic selbstverständlich. Wie sie sich über Jahre vorne behaupten, ihr Spiel immer wieder verbessern, hart an sich arbeiten. Sie haben alle außergewöhnliche Talente. Aber man muss eben auch das Talent haben, Tag für Tag auf den Trainingsplatz zu gehen und sich immer wieder verbessern zu wollen.

Viele hatten Nadal diesen Lauf nicht zugetraut, ein paar Wochen nach seinem zwölften French-Open-Triumph

McEnroe: Wenn ich Nadal hier zusehe, bin ich fasziniert. Seine Leistungen sind absolut unglaublich. Er erdrückt dich schier mit seiner Präsenz, er spielt jeden Punkt, als wäre es der letzte seines Tennislebens. Ich hatte in der ersten Turnierwoche gesagt, dass er mein Favorit auf den Titel ist. Aber bei diesen Superspielern, also Djokovic, Federer und Nadal, sind die Margen gering. Kleinigkeiten, ein paar Punkte entscheiden.

Becker: Ich habe großen Respekt vor diesem Trio. Vielleicht erleben wir nie mehr eine solche Gruppe von Spielern in einer Generation. Für Nadal gilt: Man dachte einmal, seine Heimat wäre nur der Sandplatz, Paris sozusagen sein Zuhause. Aber er kann immer und überall gewinnen, das hat er bald gezeigt, auch Federer 2008 hier im Wimbledon-Finale. Es war ein entscheidendes Spiel für Nadal, der Vorstoß in eine neue Welt. Schließlich kam er ja in dieses Endspiel mit der Hypothek, die beiden Jahre zuvor im Titelmatch verloren zu haben.

Welche Erinnerung haben Sie beide an dieses Finale 2008?

McEnroe: Es ist das beste Spiel, das jemals gespielt worden ist, in Wimbledon und überhaupt. Viele haben immer gesagt, Borg gegen McEnroe 1980, das kann man nicht übertreffen. Aber Federer gegen Nadal 2008, das war noch besser. Man kann das Spiel nun, elf Jahre später, gar nicht zu groß darstellen, es ist eine verrückte, großartige Sache. Jeder Tennisspieler auf dem Planeten sollte am Freitagnachmittag einschalten.

Becker: Es war der absolute Klassiker damals, ein Spiel für die Geschichtsbücher. Es hatte so viele Drehungen und Wendungen, das war Drama pur. Wir können uns alle einfach nur freuen, dass wir Federer gegen Nadal noch mal erleben können, selbstverständlich ist das auf keinen Fall. Freitag wird ein Festtag fürs Tennis.

aufgezeichnet von
Jörg Allmeroth