Die Weltmeisterschaft in Russland ist zu Ende. Sie war die beste aller Zeiten – wenn man Gianni Infantino, dem Präsidenten des Fußball-Weltverbandes Fifa glauben mag. Aber schon alleine die Tatsache, dass der aalglatte Schweizer dies beim Galadinner am Vorabend des Finales zu Russlands Präsident Waldimir Putin säuselte und er mit diesem dann lautstark den russischen Schlachtruf „Rossijaa, Rossija“ in den Saal schmetterte, lässt die Anbiederung ahnen, die in diesem Lob steckt.

Aber, bitteschön, Infantino ist ja nicht der Einzige in der abgehobenen Welt der Sportfunktionäre, die so agieren. Vor vier Jahren, bei den Olympischen Doping-, pardon, Winterspielen in Sotschi, war es der deutsche Chef des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, der mit Putin Sekt schlürfte und ihn mit warmen Worten umgarnte.

Das Gute abseits des Rasens

  • Sportliche Infrastruktur und Sicherheit: Von Infantino mal abgesehen: Die WM hat hohe Ansprüche zufriedengestellt, was die Sportstätten angeht, und höchste, was Sicherheitsstandards betrifft. Was aus den Stadien wird, ist offen. Vermutlich wird Wladimir Putin noch weitere Zweitligisten an andere Orte seines riesigen Reiches delegieren müssen, nicht nur Dinamo Sankt Petersburg nach Sotschi. Es dürfte aber, wie zuletzt in Südafrika und Brasilien, auch in Russland Arenen geben, die dem Zerfall anheimfallen werden. Auch gibt es längst Informationen, dass die russischen Hooligans, die noch vor zwei Jahren bei der EM in Frankreich schlimm gewütet hatten, alsbald wieder in Aktion treten werden. Aber das kümmert dann die Fifa-Familie erst mal nicht. Reporter aus aller Welt haben von freundlichen freiwilligen Helfern berichtet und von dauerpräsenten Polizisten und Soldaten, die mit erstaunlicher Zurückhaltung ihre Arbeit verrichteten. So waren auch tolle Fanfeste möglich. Der Alltag mit all seinen Einschränkungen, sagen politische Russlandkenner, werde die besondere Atmosphäre der vergangenen Wochen aber schnell wieder überholen.

Die Erkenntnisse auf dem Rasen

  • Es lebe das Kollektiv: „Vielleicht war das eine der seltsamsten Weltmeisterschaften“, sagte der kroatische Trainer Zlatko Dalic, „der Fußball hat sich so sehr weiterentwickelt, dass jedes Team die richtige Defensivorganisation hat. Einzelne können nicht mehr alles lösen. Die WM war gerecht zu Teams, die als Gemeinschaft aufgetreten sind.“ Genau so haben es die Kroaten immerhin bis ins – dann verlorene – Finale gebracht. Spielerisch konnte die WM nicht mit dem Jogo Bonito, dem schönen Spiel, von Brasilien 2014 mithalten. Zu abgeklärt verteidigen inzwischen fast alle Mannschaften, Pragmatismus und Leidenschaft haben fußballerische Hochkultur abgelöst. Dass mit Kylian Mbappé, Antoine Griezmann, Paul Pogba und N’Golo Kanté gleich vier herausragende Fußballer der Nationalelf Frankreichs große Auftritte hatten, aber dennoch ihr Ego stets dem Wohl des Teams unterordneten, ist der Schlüssel zum großen französischen Erfolg. Die Akteure der Équipe Tricolore haben zudem mit hoher sportlicher Intelligenz den ergebnisorientierten Stil ihres Trainers Didier Deschamps umgesetzt. Dessen Fußballidee ist nicht die spektakulärste, aber sie war die siegbringende.
  • Das Ende der Solokünstler: Die großen Drei erlebten wieder mal einen Reinfall. Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Neymar – alle drei mussten erkennen, dass sie in ihren Nationalteams nicht mit solchen Assen zusammenspielen wie in ihren Clubs. Alle drei haben aber auch nicht den Beweis erbringen können (oder wollen), dass sie sich als uneingeschränkte Teamplayer in den Dienst ihrer Mannschaft stellen. Dem Portugiesen Ronaldo gelang es wenigstens zweimal in den Grupenpartien, dem Argentinier Messi gerade einmal im entscheidenden Gruppenspiel gegen Nigeria und dem Brasilianer Neymar überhaupt nicht. Der begnadete Fußballer ist ein Solist, der leider vor allem mit unsäglichen Schauspieleinlagen im Gedächtnis bleibt. Es gab zurecht Spott und Hohn für ihn.

Ein Hoch auf Standards

  • Der ruhende Ball: 169 Tore wurden bei der WM geschossen (ohne Elfmeterschießen), mehr als ein Drittel davon resultierten aus sogenannten Standardsituationen. Vor vier Jahren in Brasilien waren es nur 38 von 171 Treffern, eine Quote von 22 Prozent. Eine exakte Zahl wollte die Fifa-Studiengruppe nicht nennen, weil inzwischen strengere Maßstäbe gelten. Die Ecke des Belgiers Chadli etwa, die der Brasilianer Fernandinho per Kopf ins eigene Tor lenkte, taucht in dieser Kategorie ebenso wenig auf wie der von Reus angetippte Freistoß, woraufhin Kroos die Kugel ins Tor der Schweden hämmerte. Standard-Weltmeister waren die Engländer, deren Trainer Southgate sagte: „Wir haben Standards als Schlüssel für dieses Turnier identifiziert.“ Den Three Lions gelangen so neun von zwölf Treffern – vier nach Ecken, zwei nach Freistößen, die Läufe, die Blocks, die Details paukten die Akteure zuvor akribisch. Hinzu kamen drei Elfmetertore.

Und dann noch die Deutschen

  • Ballbesitz, sonst nichts: 72 Prozent Ballbesitz hatte das Team von Bundestrainer Joachim Löw in den drei Spielen gegen Mexiko (0:1), Schweden (2:1) und Südkorea (0:2) – der Ertrag: zwei Tore aus 72 Torschüssen, eine unterirdische Quote. Auffällig auch, dass die DFB-Elf aus Eckbällen überhaupt keinen Vorteil herausholen konnte. Die meisten wurden kurz gespielt, um wieder in den Ballbesitz-Querpassmodus zu kommen. Schwach, sehr schwach, auch, weil Standards vom Trainerteam um Löw sträflich vernachlässigt wurde. Ebenso katastrophal: Ein frühes Pressing kann die DFB-Elf nicht und Löw war nicht imstande, während des Spiels wirkungsvolle Korrekturen vorzunehmen.
  • Die Aufarbeitung: Die Affäre um Özil/Gündogan/Erdogan ungeklärt, Özil von Manager Bierhoff und DFB-Präsident Grindel als Sündenbock markiert; Vorwürfe weiter im Raum, wonach die Weltmeister von 2014 und die jungen anderen keine Einheit bildeten, vielmehr die Arrivierten einen Bonus hatten beim Bundestrainer; unwidersprochen im Raum stehende Fehler des Trainerteams, angefangen von Trainingsinhalten bis zur Matchführung und einem geradezu hanebüchenen Gegner-Scouting; ein zu laxer Führungsstil Löws, begleitet von ignoranter Sorglosigkeit – all das steht zur Diskussion, doch was macht der Bundestrainer? Er erklärt wenige Tage nach dem Absturz, dass er im Amt bleibt – und geht in Urlaub. Erst am 24. August, also rund zwei Monate nach dem peinlichen Ausscheiden, wird er seine Analyse vorstellen und Wege aufzeigen, wie er mit der Nationalmannschaft wieder aus dem Tal herauskommen will. Danach sind gerade mal noch 13 Tage Zeit bis zum Länderspiel gegen Frankreich in München. Die Aufgabe gegen den neuen Weltmeister ist kein freundschaftliches Grüß-Gott-Spielchen, es ist die erste Partie in der neuen Nations League, in der außerdem die Niederlande Gegner sind. Der Gruppensieger kommt in die Finalrunde, der Gruppendritte steigt in die B-Liga ab. Was eigentlich, wenn Löws Erklärungen und Absichten nicht überzeugen? Von Verbandschef Grindel wird mangels sportlicher Sachkenntnis kaum Gegenwind kommen, womöglich aber installiert er einen Supervisor. Ein gewisser Philipp Lahm hat sich da ja schon in Stellung gebracht.