Die entscheidende Frage, die sich über den Saisonauftakt der Formel 1 hinausstellt, kommt 20 Minuten vor Schluss des Großen Preises von Australien aus dem Cockpit von Sebastian Vettel: „Warum sind wir so langsam?“ Der Ferrari-Ingenieur antwortet mit hilfloser Ehrlichkeit: „Wir wissen es im Augenblick nicht.“ So feiert Titelverteidiger Mercedes einen Doppelerfolg, allerdings in ungewohnter Reihenfolge: Valtteri Bottas triumphiert über Champion Lewis Hamilton, Dritter wird Max Verstappen im Red-Bull-Honda.

Großer Rückstand

Vettel kreuzt als Vierter 57 Sekunden hinter dem siegreichen Finnen die Ziellinie, hat also fast eine Sekunde pro Runde Rückstand. Das sind Welten. Hätte es bei der Scuderia keine Stallorder zu Gunsten des Heppenheimers gegeben, wäre er sogar noch vom neuen Teamkollegen Charles Leclerc überholt worden. Eine Ohrfeige für die WM-Favoriten.

Die Reifen drehen durch

Sechsmal in Folge ist Lewis Hamilton im Albert Park aus der Pole-Position gestartet, einen einzigen Sieg hat er daraus gemacht. Diesmal verliert er die Chance schon am Start, als seine Reifen durchdrehen. „Ich kann mich nicht dran erinnern“, sagt der Brite hinterher, was so viel heißt wie: er hat die Sache verpennt. Vettel, dem etatmäßigen Rivalen, geht es nicht anders, er kollidiert fast mit dem Aufsteiger Charles Leclerc.

Mercedes überrascht sich selbst

Schon auf der ersten der 58 Runden wird klar: Die Machtverhältnisse, wie sie noch bei den Testfahrten galten, sind schon Makulatur. Mercedes hat sich selbst überrascht, Ferrari sich – im besten Fall – verpokert. Kein Grip, keine Power. Deshalb kann in einem Grand Prix, der über weite Strecken einem Einzelzeitfahren gleicht, weil die Kräfteverhältnisse so zementiert sind, auch noch Max Verstappen mit einer unauffälligen, aber klugen Rennstrategie zur Halbzeit problemlos am Ferrari vorbeifahren.

Hamilton darf Motor hochdrehen

Am Ende scheint der Niederländer sogar Hamilton angreifen zu können – bis die Mercedes-Ingenieure die Erlaubnis geben, das Aggregat hochzudrehen. Hamilton kommt mit beschädigtem Unterboden gerade noch so vor Verstappen durch. Auch für ihn ein Wochenende zum Vergessen.

Bottas hat viel verändert

Der, der alle deklassiert, spricht vom „besten Rennen seines Lebens“. Es ist erst der vierte Grand-Prix-Sieg in der Karriere von Valtteri Bottas, im letzten Jahr hat er keinen einzigen einfahren können und belegte nur Platz fünf in der WM. So gefährdet man seinen Arbeitsplatz in einem Sieger-Team. Der 29-Jährige mit der hohen Stirn sagt, dass er viel überlegt hat im Winter – was soll man auch sonst groß tun in Lappland: „In meinem Kopf hat sich etwas verändert, was die Einstellung zum Leben und zum Rennfahren angeht.“ Offenbar zum Positiven. Der Bart ist äußeres Zeichen dafür, dass er nicht mehr nur der Adjudant ist.

Finne holt sich schnellste Runde

Bottas will, muss Rebell sein – auch deshalb hat er sich die unbedingt die schnellste Runde in Melbourne holen müssen, für die es jetzt einen Extra-Punkt gibt. Gegen den erklärten Willen des Teams. Auch die 21 Sekunden Abstand auf Hamilton sind Balsam auf die wunde Seele, und den Gesichtsausdruck, den der Brite gemacht hat, kennt er nur zu gut – der ist so wie sein eigener, wenn er im letzten Jahr in den Spiegel geguckt hat.

Auferstehung eines Rennfahrers

„Das ist die Wiedergutmachung“, jubelt ihm der Renningenieur zu. Der sonst so brave Bottas antwortet mit einem „F... You“, das an seine Kritiker gerichtet ist. Erstaunlich, was sich in Melbourne alles geändert hat. Teamchef Toto Wolff sieht die Auferstehung eines Rennfahrers: „Es war wie zu seinen besten Formel-3-Zeiten, da hat Valtteri jeden anderen zerstört.“ Hamilton zollt dem erstarkten Kollegen ein „unglaubliches Rennen“.

Teamorder für Vettel

Acht Runden vor Schluss erfährt Herausforderer Sebastian Vettel die größtmögliche Demütigung, Charles Leclerc hängt ihm im Heck, der Monegasse lässt sich dann aber um eine Sekunde zurückfallen. Leclerc hat zuvor beim Ferrari-Kommandostand angefragt, ob er vorbeidarf, die Antwort hat er aber schon vorher gewusst: „Position halten!“ Vettel gibt zu, dass er den Lehrling nicht hätte halten können. „Irgendwas haben wir verpasst“, bilanziert der Hesse, „ich weiß noch nicht, ob es am Reifen oder am Auto liegt. Wir waren einfach zu langsam. Viel zu langsam, um mit irgendwem kämpfen zu können. Mir hat auch das Vertrauen ins Auto gefehlt. Es war nicht unser Tag.“

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